Ein Bericht aus dem Camp in Reddelich, in dem DemonstrantInnen während des G8 Gipfels 2007, zeigten, wie sie sich eine andere Welt vorstellen.
„Eine andere Welt ist möglich“, steht auf einem Transpi und, dass dies so ist, darin sind sich hier alle einig. Wie das Leben in dieser „anderen Welt“ aussehen könnte, verdeutlichen die G8- GegnerInnen in den Camps, in denen sie während der Protestwoche ihre Zelte aufgeschlagen haben.
Mitten in der Nacht werde ich von dem Gejaule einer lauten Sirene geweckt. Ich mühe mich aus meinem Zelt und schließe mich den Menschen an, die sich geschlossen in Richtung Campeingang bewegen. Die Sirene wurde vom großen selbst gebauten Wachturm, der in der Mitte des Camps steht, ausgelöst. Wir stellen uns vor dem Eingang auf die Straße um zu verhindern, dass die Polizei unser Camp betritt. Diese rückt wieder ab. Wie so oft in den letzten Tagen, war dies nur eine kleine Provokation, eine dieser täglichen Repressionen, mit denen man die DemonstrantInnen zu zermürben versucht. Ganz ähnlich, wie die Helikopter, die ohne Unterbrechung über die Zelte kreisen. Bevor ich wieder schlafen gehe, trinke ich noch einen Kaffee. Unglaublich, dass die Vokü (Volksküche) zu jeder Tages- und Nachtzeit unsere Wünsche zu erfüllen vermag. Eine große Gruppe bleibt, als sei es selbstverständlich, die ganze Woche über im Camp und sorgt dafür, dass immer leckeres, veganes, bio Essen gekocht ist, wenn wir von den Blockaden und Demos zurückkommen. Das Essen hat keinen festen Preis, jedeR gibt so viel er geben kann. Wofür es auf jeder Klassenfahrt tausend Ermahnungen und angedrohte Strafen geben muss, ist hier selbstverständlich: Wenn mensch gerade Zeit hat, hilft ersie beim Abwasch, oder macht einen anderen Dienst, zum Beispiel die Nachtwache, auf dem großen Turm.
Über 5.000 DemonstrantInnen nennen das Camp Reddelich die Protestwoche über ihr zu Hause. Aufgeteilt in einzelne „Barrios“, wie z.B. das Zapatisten-, das Queer-, das interventionistischlinken- oder das bundjugend/grünejugend-Barrio, leben sie ihre Vorstellung von der besseren Welt. Um sich darin abzusprechen und die zahlreichen Aktionen dieser Woche zu koordinieren, treffen sich aus jedem Barrio mindestens einE VertreterIn regelmäßig zu einem großen Plenum, das in einem umfunktionierten Zirkuszelt statt findet. In diesen wird hingegen einzelner Pressestimmen lebhaft diskutiert, wie auf Gewalt von allen Seiten zu reagieren ist. Die Diskussionen werden dann oft noch in kleinen Gruppen bis spät in die Nacht an einem der vielen Lagerfeuern weitergeführt.
Wer einmal auf einem kommerziellen Festival war, weiß, dass dort die aufgestellten Dixitoiletten nach zehn Minuten kaum mehr zu betreten sind. In dem Protestcamp sind diese auch am siebten Tag noch erstaunlich sauber. Eines dieser kleinen Zeichen der Solidarität, dass die Männer sich hinsetzen. KeineR will, sich und den anderen schaden. Und so wäscht mensch sich auch danach noch die Hände, um zu verhindern, dass wieder 20% der Leute an einem Magen-Darm-Virus erkranken, wie in Gleneagels während des G8 Gipfels 2005.
Die Geschichten von sauberen Toiletten, Abwaschdiensten und getrenntem Müll klingen für manchen vielleicht nach einem trockenem, straff organisierten Arbeitscamp. Doch das wäre ein völlig falscher Eindruck. Der Spaß kam nicht zu kurz. Vielen Bands, wie zum Beispiel Kettcar oder Mono+Nikitaman gaben kostenlose Konzerte auf dem Camp und bewusst nicht auf der großen Bühne am Rostocker Hafen. Trotz all der Ungerechtigkeit, wegen der mensch zusammen gekommen war und all den Repressionen, die ihren Höhepunkt in einem im Tiefflug über das Camp düsendem Tornado fanden, herrschte die ganze Zeit über eine entspannte und daslebenistschön-Stimmung in Reddelich.
Was bleibt ist eine wunderbare Erinnerung an eine bunte, internationale Gemeinschaft, die nicht nur riesige, kreative Proteste ohne irgendwelche Chefs und Autoritäten organisiert hat, sondern auch alles, was dazu gehört, wenn tausende Menschen zusammen leben wollen. Und wenn doch mal eine kommerzielle Firma auf die Idee kam, unter dem Motto „Revolution am Ostseestrand, wir grillen für den Widerstand“ Bratwürste für einen Euro anzubieten, hingen sofort Transpis mit der Aufschrift „The Revolution will be vegan“ neben dem Grill. Alle konnte das natürlich nicht vom Stand abhalten.