Archiv für Dezember 2006

ruf an
[Cartoon aus dem taz-Zeichenblog]

Euer Bundesvorstand hat eine Telephonsprechstunde jeden Mittwoch von 14.00 bis 16.00 Uhr. Wenn ihr irgendetwas braucht, Fragen habt oder uns sagen wollt, solltet ihr uns anrufen. Wir sind für euch da, egal ob ihr praktische oder politische Fragen habt, Kontakte braucht, Lob, Kommentare oder Kritik äußern wollt.

Die Nummer ist: 030 275 940 95

Lieber anonymer Pöbler…

In relativ regelmäßigen Abständen werden wir über das Kontakt-Formular unserer Homepage von Prominenten angepöbelt.

Heike Makatsch etwa schrieb uns: “Beendet die freiwillige Zuzahlung auf Flugtickets. Stoppt die grüne Lügenpolitik. Lieber ehrlich die Umwelt vernichten, als diese Verlogenheit.�

Hugo Egon Balder schrieb: “Nur tote Grüne sind umweltbewusste Grüne. Den Lackschuh und Nadelstreifenanzug bestückten Grünen soll maximal ein oneway ticket ausgestellt werden. Nieder mit den grünen Vielfliegern.�

Und Lisa Simpson meint: “Die freiwillige Zuzahlung auf Flugtickets soll die Grüne Vielfliegerei legitimieren. Das ist doch der grösste Beschiss und die schlimmste Verarschung, die man sich überhaupt vorstellen kann. Die Grüne Umweltlügenpartei gehört dem Erdboden gleich gemacht.�

Irgendwo in Deutschland wohnt also ein Mensch, der Spaß daran hat, uns pausenlos anonyme Beleidigungen zu schicken. Die Adressen, die er angibt, sind immer falsch, wir sollen also gar nicht die Chance haben, zu antworten oder mit ihm zu diskutieren. Aber, lieber Pöbler, wird das dann nicht irgendwann langweilig?

Hmm, ich frage mich, lieber Pöbler, was du wohl für ein Mensch bist… Warum bist du so zornig, geheimnisvoller Pöbler? Wohnst du vielleicht in einer Einflugschneise? Und warum machst du gerade uns Grüne für den wachsenden Flugverkehr verantwortlich? Wurdest du vielleicht irgendwann mal von irgendwelchen Grünen geärgert? Tja, du anonymer Pöbler, das werden wir wohl nie erfahren, denn du versteckst dich ja feige hinter anderer Leute Namen…

Wenn du, lieber Pöbler, dich zu erkennen gäbest, könnten wir dir ja vielleicht mal sagen, dass wir auch nicht sonderlich glücklich darüber sind, dass die Grünen in ihrer Regierungszeit so wenig gegen den boomenden Flugverkehr ausrichten konnten…. Aber da du dich lieber nicht zeigen möchtest, lieber Pöbler, und uns lieber töten und “dem Erdboden gleichâ€? machen möchtest, haben wir auch keine Lust mehr, mit dir zu diskutieren.

Die Wahrheit mag vielleicht bitter sein für dich, lieber Pöbler, aber so ist es nunmal: du bist uns leider herzlich egal.

Stephan Löwenstein von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat sich umgehört, bevor er seinen Text schrieb, der am Montag erschien. Hat mehrere Stimmen gesammelt über die Wahl von Julia Seeliger in den Parteirat der Grünen:

“Ich fand sie gut: jung, belebend”, sagt eine Delegierte, eine Grüne der ersten Stunde. “Gekannt habe ich sie nicht.” Ein anderer aus Baden-Württemberg: “Jung, frech, witzig, hübsch: das war für mich kein Grund.” Die sie gekannt hätten, ließen sich abzählen, witzelt ein dritter, der selbst angibt, die ehemalige Schatzmeisterin der Grünen Jugend zu kennen: Das seien die, die gegen sie gestimmt hätten.

Am Tag darauf erscheint in der Süddeutschen Zeitung ein Portrait über Julia Seeliger. Darin diese Stelle:

„Die, die Seeliger gekannt haben, lassen sich abzählen�, witzelte einer. Das seien die, die gegen sie gestimmt hätten.

Daraufhin schreibt auch Robert Leicht im Online-Ableger der Zeit über Julia Seeliger. In seinem Text kommt diese Stelle vor:

Kaum ein Delegierter kannte Julia Seeliger zuvor; und die, die sie kannten, sagen die wenigen Experten, hätten sie keineswegs gewählt.

Es springen gleich zwei Unterschiede ins Auge: Aus der einen Person, die dies sagte, wurden mehrere Experten. Und es fehlt der Hinweis darauf, dass die Aussage dahingewitzelt war – es erscheint als ernst gemeinte Stellungnahme (dies unterstrichen auch dadurch, dass sie von Experten kommt).

Die Frage ist: Wie kam diese Stelle in den Text von Robert Leicht? Nun, es gibt da mehrere Möglichkeiten. Wer daran glaubt, dass die Zeit eine seriöse Zeitung ist, die sich an die journalistischen Standards hält, der wird überzeugt davon sein, dass Robert Leicht (immerhin Chefredakteur der Zeit von 1992 bis 1997) für seinen Text selbst mit mehreren Experten gesprochen hat, die ihm dann diese Einschätzung über Julia Seeliger übermittelt haben. Die andere Möglichkeit ist, dass Leicht einfach von den anderen Zeitungen abgeschrieben und das Zitat dabei verfälscht hat.

Warum ist der Bundesvorstand der Grünen am Wochenende mit seinem Logo-Vorstoß gescheitert? Für mich ist die Sache ganz klar – er hat sich selbst nicht an den eigenen “verbindlichen Leitfaden zum Corporate Design von Bündnis 90/Die Grünen” gehalten. Auf Seite 19 des Leitfadens heißt es:

Das neue Logo braucht etwas Abstand. Dieser Abstand gehört sogar zu dem neuen Logo dazu. Ohne diesen Schutzraum kommt es einfach nicht richtig zur Geltung. Und vor allem jetzt in der Einführungszeit wäre das das schlimmste, was ihm passieren könnte. [...] Dazu gibt es eine einfache Formel, mindestens wieviel Weißraum bei welcher Logogröße: Obere Kante von „Bündnis 90“ bis untere Kante von „Die Grünen“ = Mindestabstand von allem zum Logo. Auf allen Seiten.

Damit es auch alle verstehen ist daneben im Leitfaden dieses Bild abgedruckt:

schutzzone

In Wahlkämpfen, in denen der Leitfaden mehr Freiheiten erlaubt, darf man mit dem Logo etwas herumspielen – mit einer Ausnahme:

Solange ihr ihm genug Aufmerksamkeit garantiert. Das heißt: Den Schutzraum bitte erhalten. Also – um das Logo herrscht kreative Ruhe.

Jetzt ist aber kein Wahlkampf, der ist erst 2009 wieder. Und dafür gilt laut Leitfaden:

Denn außerhalb von Wahlkämpfen ist oben rechts die Stelle wo das Logo hingehört. Und zwar zusammen mit seinem Schutzraum – aber den habt ihr wahrscheinlich eh schon liebgewonnen und werdet ihn achten und ehren. Oder?

Nein – der Bundesvorstand setzte alles daran, seine innere Verachtung des Logos zum Ausdruck zu bringen. Das Begann bereits bei der Vorstellung des Logos ein paar Tage vor dem Parteitag durch die Vorsitzenden:

schutzzone

Mit rot ist hier der Bereich eingezeichnet, in dem die Schutzzone hätte zur Geltung kommen müssen. Doch was präsentierte der Bundesvorstand der Presse: Claudia Roth statt die verlangte “kreative Ruhe”! Genauso auch auf dem Parteitag: Beim riesengroßen Logo hinter dem Rednerpult fehlte die Schutzzone. Genauso bei den Visitenkarten, die die Delegierten vor Ort bestellen konnten. Kein Wunder, dass die Delegierten das Logo nicht achten und ehren wollten – wenn der Bundesvorstand es selbst nicht tut.

Nach dem Logoeklat auf der BDK wurde das “neue” Logo von der Altgrünennetzseite (gruene.de) entfernt. Links oben ist nun ein leerer Fleck, der gefüllt werden will.

gruene-de_kl.png

Die Bundestagsfraktion bekennt sich weiter zum “neuen” Logo:

gruene-bundestag-de_kl.png

Da stellen sich doch einige Fragen: Wann wird wohl das gute alte Logo auf gruene.de zurückkehren? Und, wann wird die Bundestagsfraktion ihre kleine Internetlogorebellion aufgeben? Muss Julia da erst schimpfen? ;-)
Wie wird das jetzt überhaupt weitergehen mit dem Logo? Muss der Vorstand etwa ein Forum “Neue Logo” einberufen?

Wiedermal ist die GRÜNE JUGEND vorbildlich. Die GRÜNE JUGEND steht jetzt und in Zukunft fest zu ihrem Logo – zu ihrem Igel, der so toll ist, dass ihn auch die Altgrünen Friedrichshain-Kreuzberg als Logo haben und auch der Landesverband Berlin einen Igel im Logo hat – und der Vorstand plant auch kein neues “aufgeräumtes, dynamisches” Logo mit Farbverlauf.

[Nachtrag, 08.12.2006, 15:30 Uhr]
Die Bundestagsfraktion ist mittlerweile zum guten alten Logo zurückgekehrt. Gruene.de straft die rebellische Basis noch immer mit einem leeren Fleck.

Jung, grün, kritisch, stachelig, unbequem, so präsentiert sich die Grüne Jugend (manchmal auch zum Missfallen der Altvorderen). Ung genauso werden sie sein: unsere gewählten KandidatInnen der Grünen Jugend: Malte Spitz, der als Beisitzer in den Bundesvorstand gewählt wurde, sowie Julia Seeliger, die überraschend zum Parteirat kandidierte und erfolgreich war.

Malte sieht es als seine Aufgabe an, “eine engere Kooperation und Kommunikation mit den Kreiverbänden” zu erreichen.

Julia steht weiterhin zu den Ankündigungen ihrer Bewerbungsrede und wiederholte diese gegenüber blog.gruene-jugend.de: “Ich will immer mit den Abgeordneten schimpfen, wenn sie die BDK-Beschlüsse nicht einhalten” . Außerdem versprach sie, sich auf jede Sitzung gut vorzubereiten, wie sie das bei der GRÜNEN JUGEND gelernt hat.

Die Sprecherin der GRÜNEN JUGEND, Paula Riester wünscht den gewählten Junggrünen viel Erfolg und ist begeistert. “Julias Erfolg zeigt, dass die Grünen nicht hierarchiegläubig sind”.

Von der BDK: Daniel Schade und Arndt Leininger.