Die Dämmerung bringt nicht wirklich Abkühlung nach einem viel zu heißen Tag. Es blitzt. Da keine Wolke am Himmel ist, wundere ich mich etwas darüber und schaue vom Computer auf. Vor dem Haus stehen zwei alte Männer mit einer Digitalkamera und photographieren meinen Balkon, den ersten rechts unten. Sie können mich nicht sehen und ich höre durch die offene Tür Gesprächsfetzen.
Langsam habe ich mich an die Blitzlichter gewöhnt. Eigentlich hatte ich nicht erwartet, daß alte Leute kommen und den Balkon photographieren. Eher hatte ich erwartet, daß betrunkene, in Nationalfarben bemalte Männer mit viel zu kurzen Haaren Steine werfen. Um die Fensterscheiben zu schützen, habe ich das Rollo am Fenster schon seit Tagen nicht mehr hochgelassen und auch das Rollo vor der Türe ist nur dann oben, wenn ich hier bin und die Tür offen habe.
Wobei ich mittlerweile, nach zwei Wochen WM, etwas weniger vorsichtig bin. In diese schöne Gegend Schönebergs verirren sich nicht so viele von denen, die mir in diesen Tagen jede S-Bahn-Fahrt zur Hölle machen mit ihrem ewigen “Ohoho Finale!”. Ich kann mich ja nicht wehren, meistens sind die in der Überzahl, an Körperkraft weit überlegen und oft auch noch angetrunken. Ich traue mich nicht einmal zu fragen, was denn so eine Flagge kostet. Dabei wüßte ich gerne, welchen materiellen Schaden ich anrichte, sollte ich mich doch entschließen, bei der Aktion mitzumachen, bei der eine PDS-Landtagsabgeordnete aus Sachsen, wenn man ihr drei Deutschland-Flaggen zuschickt, ein Antifa-T-Shirt verspricht.
Die Leute hier in Schöneberg finden das eher lustig. Viele lachen, manche stimmen mir sogar zu. Meine Ärztin hat mich darauf angesprochen. Die ahnte sofort, daß ich das war. Andere wiederum schimpfen. “Amokläufer” habe ich auch schon gehört. Die meisten aber bemerken das nicht einmal. Ich konnte aber doch auch nicht den kleinen Nadelbaum fällen, der noch im Garten steht, nur damit man von der Straße aus meinen Balkon besser sieht. Die beste Aussicht haben aber die Leute vom Haus gegenüber und die Bauarbeiter auf dem Geländer, denn das Haus links an der Ecke wird gerade renoviert. “Dir ist wohl langweilig!” haben sie geschrieen, als sie mich am ersten Tag haben basteln sehen.
Neulich kam ein Altachtundsechziger, der im dritten Stock im Haus gegenüber mit einer Digitalkamera, als ich des nachts auf dem Sofa auf dem Balkon lag und fragt mich ganz höflich, ob er das denn photographieren dürfe. Ich mußte dann ins Zimmer gehen und die Rollos herunterlassen, wegen dem Lichtreflex. “Ich bin ja noch aus der APO-Generation”, hat er gesagt, daß er “diese Aktion” so toll findet und die WM für ihn vor allem “Panem et Circenses” ist. Ich stimme ihm zu und da wollte er nicht mehr aufhören zu reden.
Und das alles dewegen:

P.S. Ich habe ein ganz unverkrampftes Verhältnis zu Deutschland. Im Gegensatz zu den GenosInnen von der Jungen Linken mag ich zwar kein Fußball, aber ich würde mich nicht ärgern, wenn Podolski und Co. diese Weltmeisterschaft gewinnen.
Und ich würde mich freuen, wenn das Deutsche Verhältnis zur Nation normal werden würde. Das heißt, wenn in den anderen Ländern der Nationalismus genauso schlecht angesehen wäre wie hier. Weltbürgertum und Heimatliebe, das reicht. Nationalismus ist schlichtweg Scheiße.