Ökologie
Nachdem es aufgehört hatte zu regnen, wagten wir uns aus dem Zelt am Rande des Kommz – Festivals bei Aschaffenburg, wo wir den letzten Nachmittag und Abend verbracht hatten. Wir essen je ein Schokocroissant am Aschaffenbuger Bahnhof, machen uns über die Stadt lustig, indem wir ein “r” einfugen und nach einem kurzen Intermezzo an der Autobahnausfahrt Weibersbrunn kommen wir nach Würzburg.
In Würzburg suchen wir das Grüne Büro auf und treffen vier Mitglieder der GJ Würzburg. Es ist noch nicht spät und wir wollen unbedingt noch etwas politisches machen und so beschließen wir, spontan einen Umzug gegen Atomkraftwerke zu veranstalten. Dazu ist noch alles da: Die Anzüge der GJ Bayern lagern hier und im Keller sind zwei gelbe Fässer mit Atomzeichen, Banner und Schilder. Doch während einige das Zeug aus dem Keller holen, entwickelt sich im Büro eine Diskussion um die wichtige Frage:
Was ist eigentlich genau eine Spontandemo?
Braucht es einen spontanen Anlaß, oder reicht eine spontane Durchführung? Sind wir noch spontan – also rein rechtlich gesehen – wenn wir es vor der Demo schaffen, ein Faß aus dem Keller zu holen und auf einen Bollerwagen zu legen? Und fallen diese bemalten Maleranzüge unter das Vermummungs- oder gar das Uniformverbot?
Fragen über Fragen, aber politisch aktive JurastudentInnen oder RechtsreferendarInnen sind gerade nicht zu erreichen. Also ruft Sina einfach mal bei der Polizei an und meldet eine Spontandemo an. Und es funktioniert: Wir treffen uns mit zwei Streifenwagen am Barbarrossaplatz.
Aber ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Ob unseres Aufzugs bezweifeln die Beamten kurz, daß wir – im rechtlichen Sinne – spontan sind. Wir können jedoch glaubhaft machen, daß uns das nicht viel Zeit gekostet hat. Die Flyer sind zum Teil von 2005 und auf der Rückseite der Schilder sieht man noch Plakate von der Kommunalwahl 2008. Frisch bemalt ist auch nichts. Das Zeug liegt immer im Büro rum oder im Keller vom Büro.
Trotzdem: Sie photographieren uns. Die letzte Entscheidung darüber, wie spontan wir nun waren, fällt dann nächste Woche das Ordnungsamt der Stadt Würzburg. Wir ziehen also los und die Würzburger reagieren sehr positiv auf uns. Immerhin liegt das AKW Grafenrheinfeld um die Ecke.
Auch hier gilt die Devise, dass nicht nur die Politik verändert werden muss, sondern die Menschen müssen sich ändern (siehe dazu auch meinen letzten Blog). Ökonomisch gesehen schaffen Autos Externalitäten (= Dreck) welche durch Gesetze, Regulierungen oder Steuern internalisiert (= eingepreist) werden müssen. Das ist rational. Doch statt wie Commander Spock agieren die Menschen eher wie Homer Simpson – so zumindest das Beispiel. Die Menschen müssen also nicht nur mit rationalen Argumenten überredet werden, sondern das „framing“ (wie etwas dargestellt wird) ist wichtig. „Carfree by social marketing“ also. Wieder wird Freiburg als Beispiel bemüht. Hier wurden autofreie Straßen als sozialer Raum beworben und das Leben in solch einer Straße (ohne Parkplatz vor der Tür!) wird als Privileg gesehen. Dafür geht mensch auch mal gerne ein wenig weiter zum Auto bzw. vielleicht auch lieber zur Haltestelle.
Menschen haben aber Pflichten (v.a. gegenüber anderen Menschen) welche Grund für ihre Mobilität ist. Wer fährt sonst nachts noch zu Oma wenn es ihr nicht gut geht? Menschen haben auch Möglichkeiten und es ist (bisher) ihr Recht, diese zu nutzen. Das Auto bietet hier sehr große Anreize. So meinte ein Herr zu uns Aktivist_innen: „It is the only place where I don’t have to listen to my wife, where I can hear country music and smoke.“ Es wird ein langer Kampf um die Köpfe… Diesen Beitrag weiterlesen »
Einen relativ guten OpenSpace Teil gab es am Mittwoch. Von den rund 20 gemeinsam gesammelten Ideen wurden 12 ausgewählt und mit großen Vorsprung „gewann“ der WS „Revolution or not? Burning cars and new cycle paths“ (Wer hat das nur vorgeschlagen?) und so wurde über die Frage wie radikal so ein Netzwerk und die dahinter stehende Bewegung eigentlich sein kann diskutiert. Die Ergebnisse waren weder konzeptionell noch konfrontativ wie in der Klimabewegung und die brennenden Autos wurden nicht weiter besprochen. Jedoch gibt es hier weniger eine realpolitische Sicht auf die Dinge, weil es wenig politisch zu geht. „Pragmatisch bis aktivistisch“ würde es besser beschreiben. So forderte eine französische Aktivistin den autofreien Hungerstreik in York (und lachte dabei) und einige ältere Damen vor mir klatschten als ob Howard Carpendale persönlich gerade hereingekommen wäre als ein Sprecher vorne erklärte, dass die Abschaffung des Kapitalismus „indeed, the best solution“ wäre. Nun gut, Che Guevara wäre auch in York nicht älter geworden. Dennoch gibt es viel Energie im Netzwerk und die vielen Praktiker_innen haben interessante Präsentationen vorbereitet wie mensch halt den Verkehr etwas besser machen kann, zumindest etwas in der Welt.
Elliott aus Canberra berichtet beispielsweise ganz pragmatisch von seiner Arbeit zur Integration von Rad und Öffentlichem Verkehr (ÖV). Wenn der Bahnhof eine gute Rad-Anbindung (Wege und Parkplätze) hat, dann kann seine Reichweite (von wo Menschen dorthin strömen) bis auf das Vierfache wachsen (ca. 0,8km auf 3,2km), die abgedeckte Fläche sogar 15fach! Gerade in diesen peripheren Gegenden haben die Menschen häufig sogar mehr als 2 Autos, das ist zu viel! In Washington D.C. Und Canberra gibt es bereits Busse, die vorne 2-3 Fahrräde auf Ständern (wie bei den Skibussen in Tschechien!) mitnehmen können. Kund_innenumfragen haben zudem gezeigt, dass sichere Parkplätze an den Haltestellen, bessere Buchsysteme (für Bike-Tickets) und einfach mehr Platz für die Räder in den Zügen und Bussen dringend erforderlich ist. Hierbei hat sich dort auch in Straßenbahnen ein vertikaler Stauraum in Türnähe bewährt. Die Fahrräder werden dabei wie beim Fleischer an Haken senkrecht aufgehängt. Sowas gibt es bei uns bisher m.E. nur in den langsamen Regios. Wann kommt der Fahrradfreundliche ICE? Auf die Frage, ob Räder zur Rush-Hour (Hauptverkehrszeit) nicht im ÖV verboten werden sollten kam die Antwort: Das machen die einmal, und dann nie wieder… Eine weitere Frage ist, ob Parklätze für Fahrräder, zumindest die professionelleren an Bahnhöfen, kostenfrei sein sollen. Eine zusätzliche Einnahmequelle würde sicher einige Stadträte zusätzlich anspornen. Als Grüner bin ich natürlich dennoch für kostenfreies Parken für Biker_innen und für eine schnelle Einführung der Pkw-Park-Steuer. Aber da findet sich hier keiner zur Diskussion, eine Grundradikalität sollte es ja schon geben…
Ein Herr aus Amsterdam mit einer lustigen Brille berichtet davon, dass die EU jetzt Städten hilft wenn diese endlich auch mal den Durchblick haben. Mit seinem SpyCycle-Programm hilft er diesen Kommunen bei der Erstellung und Umsetzung von Fahrradplänen. Mittlerweile hat wohl fast jede Großstadt so etwas und tatsächlich sieht mensch in Lyon, Stockholm, Brüssel, Malmö, Barcelona und Berlin schon öffentliche Fahrräder als ein derzeit sehr beliebtes Mittel. Auch hier wird ganz pragmatisch mit den Akteuren zusammen geschaut, was möglich ist. Für brennende Autos gibt die EU aber auch noch kein Geld aus – bei aller spicyness.
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Grundlegend ging es zu hier in York. Es wurden auf den Tisch gehauen und betrübt mit dem Kopf geschüttelt. Das System. Das System. Wirklich, das System ist schuld. Was war passier? Dr. Schmucki, eine Verkehrhistorikerin der örtlichen Uni, führte sehr anschaulich in die Geschichte der „pedestrians“ (Fußgänger_innen) ein. Fußgänger waren mal frei aber wurden dann immer mehr reguliert als die Anzahl der Autos zunahm. Die zunehmende Separation zu Gunsten der Automobile schränkte den Platz der „pedestrians“ immer weiter ein. Auch wenn heute die Fußgänger_innenzonen wieder in Mode gekommen sind, beherrscht das Auto dennoch die Mobilitätsinfrastruktur und es sind die Bedürfnisse der Autos, welche primär entscheiden was, wann und wo beruhigt wird. Dabei musst aber auch den Fußgänger_innen erst beigebracht werden, wie eine Straße überquert wird. Schmucki schiebt es auf den natürlichen Freiheitsdrang der Briten und zeigte einen sehr unterhaltsamen Film von 1948, der vom Staat gemacht wurde. Die Einführung des Zebrastreifens folgte erst 1951 kurz nachdem die in England bekannten Belisha Beacons ihre Wirkung verfehlten. 1971 kam dann der Green Cross Man um den Kids zu erklären, wie eine Straße zu X-en ist. Fußgänger waren also oft Subekt von Erziehungsmaßnahmen während Autos nur scheinbar mit Regeln (zu ihrer eigenen Sicherheit) belegt wurden. Ihr Fazit: „Politik wurde durch die Windschutzscheibe gemacht“.
Anschaulich hierzu auch der Film „Fixing the Great Mistakes“
Und daran anschließend die tolle Nachricht: „Time Square is free!“ Revolution!
Link zum Online Carbusters.
Der „Carbusters“ ist das Mitgliedermagazin des World Carfree Networks und die GRÜNE JUGEND bekommt auch eine Ausgabe alle 2 Monate zugeschickt. Die liegt dann meist in der BGS rum. Das ist schade, denn die Qualität der Artikel ist m.E. besser als in so manch anderer Mitgliederzeitung. Das schwedische Aktivobündniss Planka.nu hat einen Artikel zur Verkehrs Hierarchie (“The Traffic Hierarchy“) geschrieben. Darin wird u.a. auf Mobilität und Klassen eingegangen, denn beides hängt eng miteinander zusammen. Nicht nur, weil an der größe des Autos häufig auch die dicke der Brieftasche zu sehen ist, sondern weil die Autozentrierte Wirtschaft diese Ungerechtigkeiten ständig reproduziert. In der derzeitigen Verkehrshierarchie steht das Auto ganz oben und der ÖV, das Fahrrad und die „pedestrians“ unten. Diese Hegemonie wird ständig verteidigt und sogar ausgebaut. Der Aufstand von unten wird umso nötiger. Doch hinterm Steuer werden die Menschen zu Motoris_innen, welche zum Großteil ganz AUTOmatisch egoistischer werden: Hier komm ich! Lass mich durch! Platz da! Ich bin so geil! Alles außer mir ist ein Hindernis zu meiner Entfaltung! Die Autobahn wird zum Wettbewerb der Hubräume. Wäre die FDP ein Fortbewegungsmittel, sie wäre ein fettes Auto. Jede_r kann zu einer/m Motorist_in werden, doch Planka.nu denkt, dass die Gegenbewegung zumindest dieses Risiko etwas eindämmt. Doch konsequenterweise muss nicht nur das Auto vom Thron der Hierarchie gestoßen weren, sondern ganz aus dem Verkehr ausgeschlossen werden. Autos sind harte Drogen. Rezeptpflicht wäre das Mindeste. Diesen Beitrag weiterlesen »
Wer gerne Auto fährt könnte hier leicht als Psychopath beschimpft werden – jedenfalls habe ich das aus dem Yorkshirer-Akzent an den ersten Tagen verstanden. Erst heute dämmerte es dann, dass statt „psychopaths“ eigentlich „cycle paths“ gemeint waren. Passend dazu hat eine Frau von der Ecotopia-BikeTour einen Aufnäher (Ökoversion von Aufkleber) mit „Make bike not cars“ an ihrem Hemd. Autos sind also, bei allen Mißverständnissen dennoch die Tod-bringer der Gesellschaft: Tod für den öffentlichen Raum, Tod für das Kind unter dem Hinterrad, Tod für die Atmosphäre usw. Passend bemerkte ein Teilnehmer gestern: „we don’t need to start wars, we just have to drive cars into each other.“
Heute morgen hat dann der Wissenschaftler James Woodcock aus London einen Vortrag zu den Gesundheitseffekten von Autoarmen und -freien Städten vorgestellt. Seine Heimatstadt möchte auch bis 2030 ganze 60% der CO2-Emissionen pro Kopf im Verkehrssektor einsparen. Doch nur auf die Emissionen zu achten (bei aller angebrachten „Climate awareness“) malt nicht das komplette Bild aus. Es sind v.a. die zusätzliche physische Anstrengung die unternommen werden würden, wenn die Leute nicht mehr Auto fahren, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Marginal sind dagegen die „gewonnenen Lebensstunden“ durch weniger Unfälle und bessere Luft – so jedenfalls Woodcocks Modell. Diesen Beitrag weiterlesen »
In seiner Eröffnungsrede am ersten Tag hat der Vorsitzende des „City Councils“, Andrew Waller noch York gepriesen als eine von nur zwei Fahrradstädten im Vereinten Königreich (arme Insel!). York ist Partnerstadt von Münster, der selbsternannten Radhauptstadt Deutschlands. Es soll sogar ein „Christiana-bike“ geben (Dreiräder mit Stauraum für Kinder oder Gepäck vorne), welches die lokale Brauerei nutzt. Dennoch scheint mir, dass die Möglichkeiten zum Ausbau der menschenfreundlichen Infrastruktur noch groß genug sind. Zwar konnten wir auf einer Fahrradtour die schöne Umgebung auf teilweise breiten Fahrradwegen erkunden, doch gerade innerhalb der komplett erhaltenen Stadtmauern ist es oft gefährlich sich ohne 4 Räder und eine Tonne Metall drumherum fort zu bewegen. Diesen Beitrag weiterlesen »

