Auf Achse

Moskau? Was weiß ich denn von dieser Stadt?

Es ist der 31. 12.2010, ich sitze in Rotterdam in einem Seminarraum und höre mir einen Vortrag über eine Gruppenreise nach Moskau an.

Was sind die Bilder in meinem Kopf, als ich an Moskau denke? Sie sind die eines autoritären Staates, in dem die Korruption grassiert und nur wenige sehr reich werden, ich denke an die Bilder, die ich in alten Filmen über die Hauptstadt der Sowjetunion gesehen habe und an Zahlen aus dem Erdkundebuch, wonach Moskau 11 Millionen Einwohner hätte.

Cut, 20. 4. 2011, ein paar Monate, in denen ich einigen Aufwand betrieben habe, um ein russisches Visum zu bekommen, liegen hinter mir. Ich bin am Flughafen Düsseldorf, habe mein Gepäck eingecheckt und gehe durch die Sicherheitskontrollen. Auf einmal werde ich von mehreren lachenden Stimmen begrüßt und mehrere Mädchen, die ich von diversen anderen Treffen kenne stehen plötzlich vor mir. Zusammen gehen wir durch die Passkontrollen, gehen zum Gate und besteigen das Flugzeug nach Moskau, zu dem Flughafen, an dem es vor einigen Monaten einen Bombenanschlag gab.

Unser Empfang in Moskau fällt herzlich aus, Jugendliche nehmen uns am Ausgang des Flughafens in Empfang und sofort sind die Sorgen vergessen, die ich einige Minuten vorher noch hatte, als ich die Grenzkontrollen passierte und mit Sorge sah, wie die Grenzerinnen mit ihren Blicken fast schon töteten.

Als größere Gruppe fahren wir in die Stadt und ich bekomme eine Impression davon, wieviele Menschen hier zu leben scheinen, die Metro ist wirklich voll von Menschen. Gerade in der Metro fällt einem dann wirklich auf, dass man in einer Stadt ist, die nie zu schlafen scheint, und in der immer Menschen unterwegs sind.

Meine Bilder im Kopf müssen sich während des Aufenthaltes einer wirklich harten Bewährungsprobe unterziehen, so das Bild, dass alle uneingeschränkt die derzeitige Regierung unterstützten. Selten haben mir gegenüber Menschen so hart gesagt, dass sie die Regierung für unfähig erachteten. Zugleich kommt eine große Wertschätzung für Deutschland zum Ausdruck, die ich zwar als etwas haltlos sehe, die aber dazu führt, dass man, wann immer man sagt man käme aus Deutschland, zu hören bekommte, dass das, das beste Land Europas wäre.

Aber auch konservative Ansichten gehören zu dem, was ich zu sehen und zu hören bekomme, so die orthodoxe Kirche, die zwanghaft an ihrem Alleinvertretungsanspruch festzuhalten scheint, oder die sehr konservativen Familienbilder, die keiner richtig in Frage stellt.

Zusammenfassend war der Aufenthalt in Moskau sicher sehr interessant und hat mir viele sehr unterschiedliche Eindrücke beschehrt, die das vorgefertigte Bild eines Landes sehr in Frage stellen.

In Haifa besuchten wir einen Kibbuz. Nachdem wir in den letzten Tagen so oft das Israelische Verhalten in Frage gestellt hatten, habe ich gehofft, endlich mal wieder einen „gemäßigten“, etwas objektiver denkenden, vielleicht sich dem linken Lager zuordnenden Israeli zu treffen. Dieser Wunsch ging leider nicht in Erfüllung. Darüber hinaus hatten wir das Gefühl nur noch ein Artefakt der Kibbuz-Bewegung zu besuchen.

Nachmittags stand dann ein Treffen mit den Frauenorganisationen Isha L`Isha und Kayan an. Zwei der Frauen, die in diesen Organisationen arbeiten, erzählten uns von ihrer interessanten und wichtigen Arbeit im Bereich der Frauenpolitik. Thematisches Hauptaugenmerk lag dabei auf häuslicher Gewalt, dem Frauenhandel und der Methode der künstlichen Befruchtung. Die zwei Frauen sahen einen großen Zusammenhang zwischen den gewaltigen Auseinandersetzung in Israel und der häuslichen Gewalt gegenüber Frauen. So mehren sich zum Beispiel die Fälle von häuslicher Gewalt während eines Krieges.

Nach einer Nacht in einem eindeutig zu günstigen Hotel. trafen wir uns am Donnerstag Morgen in Ramallah mit palästinensischen FilmemacherInnen, welche uns vier ihrer Kurzfilme vorführten. Anschließend hatten wir die Möglichkeit Fragen zu stellen und uns über ihre Filme auszutauschen. Es war sehr interessant zu sehen, welche Themen sie aufgriffen und wie sie diese filmisch umsetzten. Beispielsweise behandelten ihre dokumentarischen Filme:

  1. die Einschränkungen, die jungen Palästinenserinnen auferlegt werden, wenn sie vor der Heirat Beziehungen führen wollen,
  2. wie die Situation von behinderten Menschen in der Gesellschaft ist,
  3. wie palästinensische Jugendliche mit ihrer Zukunft umgehen, ob sie das Westjordanland verlassen wollen oder (ggf. mit weniger Optionen ihr Leben zu gestalten) bleiben sollten,
  4. wie mit wirtschaftlichen Hindernissen umgegangen wird, welche durch die Konfliktsituation ausgelöst wurden.

Am Nachmittag fuhren wir, nach gefühlt dem zehnten Falafel in drei Tagen, in das Jordantal und erlebten mit eigenen Augen welch schweren Stand die Bevölkerung in einem Gebiet, in dem nur 6% aller Bauvorhaben der palästinensischen Bevölkerung genehmigt werden hat. Dies führt dazu, das große Teile der Häuser illegal gebaut werden und die Bewohner damit jeden Tag der Gefahr ausgesetzt sind, dass ihre Häuser von Bulldozern wieder zerstört werden können. Zusätzlich sind sie im Gegensatz zu den Siedlern stark benachteiligt, was z.B. die Wasserversorgung angeht, welche sie teuer bezahlen müssen, während die Siedler sie umsonst bekommen (von Schulbildung und Sicherheit ganz zu schweigen). Auch der Zugang zum Jordan, einem wichtigen Weideland für die Tiere der Beduinen und Palästinenser und vor allem wichtigste Wasserquelle, ist komplett blockiert. Auf dem Rückweg nach Jerusalem fuhren wir durch Jericho, den am längsten durchgängig bewohnten Ort auf der Erde. Von Jerusalem aus ging es noch am selben Abend nach Haifa.

 

Schulbus im Jordantal

Die Nacht von Dienstag auf Mittwoch verbrachten wir wieder im Paulus Haus in Jerusalem. Am Mittwoch morgen sind wir dann mit lokalen Palästinensisch-Arabischen Bussen von Jerusalem über Bethlehem nach Hebron gefahren. In Hebron liegt u.A. Abraham begraben, auf den sich das Judentum, der Islam und auch das Christentum als Ursprung beziehen. Aus diesem Grund sehen sich beide hier lebenden Seiten (Moslems, Juden) auch im Recht Zugang zum Grab zu haben und hier leben zu können. Die Schwierigkeit ist allerdings, dass Hebron eine palästinensische Stadt ist, zu der die Israelis seit dem Krieg 1967 Zugang haben. Mittlerweile gibt es eine Jüdische Siedlung mitten in der Innenstadt, zu der nur die Jüdische Bevölkerung und die letzten Arabischen Bewohner Zugang haben. Sie wird stark durch Israelische Soldaten bewacht und zieht sich an den Außenmauern als eine Festung durch die Stadt. Es ist teilweise so, dass jüdische Häuser genau an arabischen Marktstraßen liegen und ihre Abneigung gegen die Palästinenser mit Steinwürfen und Müll-Abladungen über den Marktstraßen kund taten. Daraufhin wurden diese Straßen mit horizontalen Gittern in ca. 4m Höhe so gesichert, dass Steine usw. nicht mehr auf die Straßen gelangen konnten.

Wir hatten hier eine Führung von einem ehemaligen protestantischen Priester, der zum Judentum konvertierte und nun in einer der Siedlungen lebt. Wir hatten eigentlich vor, mit einer Friedens-Verständnis NGO oder der internationalen Präsenz vor Ort eine Führung zu machen. Da dies jedoch nicht möglich war kamen wir über drei Ecken an diesen Sieder. Es stellt sich bei der Tour leider heraus, dass wir an einen jüdischen Fanatiker gekommen waren, der uns nun auf seine Art das Recht der Juden darlegte, hier in Hebron siedeln zu dürfen. Bei der Beschreibung dieser Begegnung fällt mir einfach kein anderes Wort als „krass“ ein. Ich war schockiert und konnte trotzdem nur noch lachen. Ich wusste, dass es solche Meinungen gibt, aber sie von einer Person live zu hören, war schon noch einmal eine ganz andere Erfahrung.

Am Nachmittag sind wir anschließend mit Palästinensischen Taxis von Hebron nach Ramallah gefahren.

In Ramallah angekommen hatte die Heinrich Böll Stiftung für uns ein Treffen mit dem ehemaligen Außenminister und Chefunterhändler der Fatah und anschließend mit der Jugendorganisation der Fatah organisiert. Vielen Dank auf diesem Wege noch mal an die Böll Stiftung.

Den Chefunterhändler Dr. Shaath erlebten wir als eine sehr charismatische Persönlichkeit. Ein Mann, der schien, als ob er beide Seiten verstehen würde. Ein Mann mit dem es vielleicht Frieden geben könnte. Er schilderte uns uns die diplomatischen Beziehungen und Prozesse der letzten 20 Jahre.

Kurz bevor das Treffen begann, hatten wir vom Anschlag in Jerusalem gehört, welcher uns am Abend emotional noch sehr beschäftigte.

Mit Zeitzeugen in "Beit Moses"

Es ist Donnerstag. Die letzten zwei Tage habe ich nun schon nichts geschrieben. Deswegen, möchte ich dies im Kurzdurchgang nachholen. Mal schauen, wie viel ich noch erinnere, denn die Tage hier sind so intensiv und mit Programmpunkten vollgepackt, dass es schön ist, abends noch ein bisschen mit den Leuten in Ruhe zu verbringen und sich um nichts Gedanken machen zu müssen.

Am Dienstag sind wir nach der zweiten Nacht in Jerusalem am Morgen in die Seniorenresidenz „Beit Moses“ gefahren. Hier haben wir uns mit Zeitzeugen der Judenverfolgung in Deutschland getroffen. Viele sind während der Verfolgung oder danach nach Israel gekommen, haben hier mitgeholfen den Staat aufzubauen und haben teilweise ihre Kinder in einen der vielen Kriege geschickt. Es war interessant und spannend den geschichtlichen Ereignisse aus ihrer Sicht zu lauschen und so neue Eindrücke mit zu nehmen.

Am Nachmittag haben wir uns im Bus auf den Weg nach En Gedi am Toten Meer gemacht, haben dort eine schöne Wanderung durch einen schönen grünen Canyon unternommen und sind anschließen (so richtig schön touristisch) im Toten Meer baden gewesen. Einige waren sogar so „mutig“ sich mit einem am Toten Meer vorkommenden „heilenden“ Schlamm einzureiben. Mutig waren wir wohl nur, weil wir unseren Zimmernachbarn zumuteten unseren durch den Schlamm hervorgerufenen Schwefelgeruch zu ertragen ;-).

Fritz, Vera und Julius am Toten Meer

Diser Artikel wurde vorgestern geschrieben. Wir sind also nicht in Jerusalem, sondern mittlerweile in Rammallah.

Ich liege im Bett und lauche den Sounds von Bossa’n Marley:
Heute waren wir in Yad Vashem.
Yad Vashem ist die zentrale Gedenkstätte des Staates Israel an die Shoah, also an die Judenverfolgung während des Nazi Regimes in Deutschland und Europa. Die Direkte Übersetzung bedeutet „Denkmal und Name“ und ist aus dem alten Testament entliehen. Das Ziel von Yad Vashem ist es also, an all die Millionen Menschen zu erinnern, die während der Verfolgung den Tod fanden. Die zentrale Gedenkstätte ist in einem Tunnel unter der Erde untergebracht hat, welche etwas unangebracht aber anschaulich beschrieben einer ca. 120m langen Toblerone-Schachtel ähnelt. Dieser Tunnel liegt jedoch nicht vollkommen unter der Erde, sondern oben scheint Sonne rein. Dies verdeutlicht, dass sich dieser Abschnitt der Geschichte des jüdischen Volkes in einem dunklen Ort abgespielt hat, jedoch die Welt davon wusste. Dies ist nur eine der Andeutungen welche die Architektur und Gestaltung macht. In dem gesamten Komplex gibt es viele mehr.

 

Selbst nach mehr als 12 Stunden nachdem wir die Gedenkstätte verlassen haben, fällt es mir schwer das dort erlebte in Worte zu fassen. Die ganze Anlage hat mich von Anfang an in ihren Bann gezogen. Die Authentizität mit der dort das Schicksal der Juden dargestellt wurde riss mich emotional fast von den Füßen. Dabei war ich heute morgen noch aufgewacht mit dem Gefühl, dass ich nicht bereit und nicht eingestimmt war auf solch eine Begegnung mit der Geschichte. Die Ausstellung beginnt mit einer Darstellung von Juden vor der Verfolgung und endet mit der Gründung des Staates Israel im ehemaligen Protektorat der Briten in Palästina. Ich möchte gar nicht mehr zur Ausstellung sagen, nur soviel, dass ich glaube, dass der Besuch für jede/n Israel-Besucher_In Pflicht sein sollte und die wohl beste Ausstellung war, die ich je in meinem Leben gesehen habe.

Ich habe Tränen vergossen. Die ganze Zeit mit dem einem Gedanken rotierend durch mein gefühltes zentrales Nervensystem: Wie konnte so etwas geschehen? Und aber auch mit der innerlichen Frage an meine Großeltern, wie sie so etwas unterstützen konnten oder sei es, dass sie der Krankheit des „Nicht-Wissen-Wollens“ anheim gefallen sind.

In der Befindlichkeitsrunde am Abend, nachdem wir eine schöne Tour durch die Jerusalemer Innenstadt gemacht haben, war das Thema Yad Vashem, natürlich immer noch ein großes Thema. Wir sprachen lange und eine Aussage eines uns begleitenden Israelis sagte etwas zu uns, was ich wahrscheinlich, wie so vieles hier nie wieder vergessen werde. Er sagt mir als Jude, dass er uns keine Vorwürfe für die damals begangenen Taten machen würde. Ich war mir vorher schon „bewusst“, dass ich diese Schuld nicht trage, aber dies noch einmal von einem Nachkommen (auch wenn es vielleicht kein direkter sein mag) der damals getöteten zu hören, war Entlastung und einfach gut zu hören.