Archive for the ‘Auf Achse’ Category

Aug
28

Gorleben ist überall

Geschrieben von (Karl) in Auf Achse, Ökologie am 28. August 2010

Wir sind ja alles sehr froh, daß BP keine Atomkraftwerke baut…

Weil wir aber auch Vattenfall nicht vertrauen und selbst wenn wir denen vertrauen könnten blieben immernoch genug Argumente gegen Atomenergie: Waffenfähiges Uran, die ungelöste Endlagerfrage, die unflexible Stromerzeugung, die Machtkonzentration bei den Betreibern und die simple Tatsache, daß wir die Dinger nicht brauchen. Und weil das so ist, gehört – bis er unnötig wird, weil es das Zeug nicht mehr gibt – Anti-AKW-Aktivismus zu den Arbeitsfeldern der Grünen Jugend. So auch auf der Tramptour.

In Miesbach sind wir durch rege Beteiligung der Ortsgruppe und Verstärkung durch Swanjte und ein paar anderen zu elft. Mit zwei Fässern, Anzügen und von Franz eigens für die Aktion vorbereiteten, giftig grünen “Brennstäben” machen wir so ganzschön Eindruck. Und weil Miesbach an diesem Tag den jährlichen “kulinarischen Einkaufsabend” feiert, haben wir auch ausreichend Publikum.

Wir fragen die PassantInnen, ob sie nicht ein wenig Atommüll bei sich zu Hause lagern könnten. Viele MiesbacherInnen haben ja Häuser mit Gärten und Kellern und Garagen und da die deutschen Atomkraftwerke jedes Jahr 500 Tonnen neuen Atommüll produzieren und niemand weiß, wo der hin soll, bietet sich eine Verteilung auf Privathaushalte als letzte Lösung an. Dabei gilt auch hier: Starke Schultern können mehr tragen als schwache. Doch niemand will das Zeug haben. Aber irgendwo muß es doch hin. Also machen sich ein paar von uns dann doch auf den Weg, im öffentlichen Raum nach mehr oder weniger geeigneten Orten.

Im Gegensatz zu großen Endlagern in Salzstöcken wie in der Asse, bietet die Miesbacher Innenstadt große Vorteile: Durch die Verteilung der abgebrannten Brennstäbe in kleinen Einheiten fällt der Müll garnicht so auf und durch eine oberflächennache Lagerung ist garantiert, daß man das Zeug wieder rückholen kann, falls es doch auffällt.

Atommüll. Jetzt in Miesbacher Baumscheiben – vielleicht auch bald in deiner Stadt?

Aug
28

Was es nicht alles gibt

Geschrieben von (Karl) in Auf Achse am 28. August 2010



Beim trampen bekommt man ja viel mit, was es alle so gibt. Ein paar Anekdoten aus der Kategorie “Was es nicht alles gibt” bietet dieser Blogeintrag:

  • Mit einem elektronischen Navigationssystem findet einE AutofahrerIn sicher zum Ziel. Die weite Verbreitung, die diese Dinger inzwischen haben, hat für TramperInnen negative Begleiterscheinungen. Viele AutofahrerInnen, die an Raststätten gefragt werden, ob sie denn in die selbe Richtung fahren, müssen offen zugeben: “Ich weiß weder, wo ich gerade bin, noch in welche Richtung ich fahre.”, denn “Ich folge nur dem Navi.”
  • Wer beim surfen im Internet gerne Musik vom Micky Krause hört, dem kann man das Internetcafe “Speed” in Halle empfehlen. Für alle, die den Namen dieses Künstlers noch nie gehört haben, hier ein Link zu seinem Hit Jan Pillemann Otze Arsch, vor dem die Tramptour in Halle aus dem Internetcafe geflohen ist.
  • Die Wahrscheinlichkeit, daß AutofahrerInnen die Verkehrsregeln und jeden gesunden Menschenverstand mißachten, ist dann besonders hoch, wenn es sich dabei um einen Mann handelt und auf dem Beifahrersitz eine Frau sitzt. Zumindest sagt das die anekdotische Empirie von TramperInnen, die an ihrem Leben hängen und das Rasen, Rechts Überholen, eng Auffahren und Blockieren nicht mögen.
  • Es gibt wohl Leute in Deutschland, die denken, daß nur AusländerInnen trampen und sie deshalb immer auf Englisch ansprechen. Wenn es sich nun bei FahrerIn und TramperIn um Leute handelt, die ganz gut Englisch sprechen, kann es viele Kilometer dauern, bis man feststellt, daß man die selbe Muttersprache hat.
  • Wer Möbel transportiert, sollte Bremsen haben…
  • Und es gibt die ganz positiven Fälle: Leute in teuren Autos, in denen man sich auch bei 220km/h wohl fühlt, die gerne auch mal drei TramperInnen auf einmal mitnehmen und ihr Navi dazu nutzen, sie auch noch bis vor die Haustür zu fahren.
Aug
28

Flächenfraßaktion in Ingolstadt

Geschrieben von (Karl) in Auf Achse, Ökologie am 28. August 2010

Das Jahr 2010 ist das internationale Jahr der Biodiversität. Biodiversität, die Vielfalt der Arten, Gene und Lebensräume, ist nicht nur etwas schönes, sondern sie garantiert die Anpassungsfähigkeit von Ökosystemen und damit ihre Stabilität und die Fähigkeit der Natur, sich an den Klimawandel anzupassen. Das Ziel der EU, bis 2010 den Verlust an Artenvielfalt in der EU zu stoppen, ist grandios gescheitert, er geht ungebremst weiter.

Ein Grund für das Aussterben von Arten ist die Zerstörung von Lebensräumen. Täglich werden in der BRD 125ha natürlicher oder landwirtschaftlich genutzer Fläche in Verkehrs- und Siedlungsfläche umgewandelt. Pro Stunde sind das 5,2ha oder 52038m². Pro Minute 868m², also ein Quadrat mit einer Länge von 29,45m.

Wenn sich das ändern soll, muß endlich die unsinnige Verkehrs- und Baupolitik in Deutschland aufhören. Viele PolitikerInnen – und die CSU hat das zur Perfektion entwickelt – reagieren auf Probleme – und seien es nur die eigenen Umfragewerte – indem sie Geld in die Hand nehmen und sagen: “Bau’ ma was!”. Das ist nicht nur niveaulos, es ist auch richtig teuer und zerstört wertvolle Lebensräume für Tiere, Pflanzen und nicht zuletzt die Menschen.

Diese Zerstörung brachte die Tramptour nach Ingolstadt. Am Paradeplatz wollten wir ein Quadrat von 29,4m x 29,4m absperren, um den Ingolstädtern und Ingolstädterinnen zu zeigen, wie kraß der Flächenfraß in Deutschland ist. Wie kraß das ist, fiel uns beim Ausmessen auf. Es gab einfach nicht genug Platz für ein Quadrat von 29,4m Seitenlänge. Gezwungenermaßen sperren wir also nur die Hälfte ab.

Der Ingolstädter Paradeplatz ist – abgesehen von seiner Größe – der ideale Ort für unsere Aktion. Noch vor 30 Jahren war er weitgehend offen. Ein paar Parkplätze und ein Weg zum bayerischen Armeemuseum waren die einzigen versiegelten Flächen. Dazwischen war Wiese. Heute ist der Platz ganz gepflastert. Die Bäume durften stehenbleiben, doch gut geht es ihnen offensichtlich nicht. Das sieht man an den vielen blattlosen Ästen im Randgebiet der Krone.

Auch die Fläche, die alle 30 Sekunden in Deutschland versiegelt wird, ist noch ganzschön groß. Viele PassantInnen reagieren entsprechend schockiert. Hier ein Photo aufgenommen vom Balkon im vierten Stock des Gewerkschaftshauses am Paradeplatz:

Es passiert aber auch noch etwas sehr komisches: Eine alte Frau, die auf den ersten Blick recht schockiert sind, fragen, als wir sie ansprechen, nicht nach dem Sinn unserer Aktion, sondern danach, ob wir eine Genehmigung dafür haben. Ja, wir haben eine Genehmigung. Benedikt im Büro der Ingolstädter Bundestagsabgeordneten Agnes Krumwiede hatte uns eine besorgt. Hochoffiziell ist das. Und als Karl versichert, daß wir eine Genehmigung haben, beruhigt sich die alte Frau sichtlich und geht weiter.

Daß das kein Einzelfall ist, sondern mehrmals passiert, wirft ein seltsames Bild auf die Ingolstädter SeniorInnen. Mit solchen Leuten läßt sich ein Staat machen – aber keine Demokratie.

Aug
08

Tramptour gegen Atomkraft

Geschrieben von (Karl) in Auf Achse, Ökologie am 8. August 2010

Nachdem es aufgehört hatte zu regnen, wagten wir uns aus dem Zelt am Rande des Kommz – Festivals bei Aschaffenburg, wo wir den letzten Nachmittag und Abend verbracht hatten. Wir essen je ein Schokocroissant am Aschaffenbuger Bahnhof, machen uns über die Stadt lustig, indem wir ein “r” einfugen und nach einem kurzen Intermezzo an der Autobahnausfahrt Weibersbrunn kommen wir nach Würzburg.

In Würzburg suchen wir das Grüne Büro auf und treffen vier Mitglieder der GJ Würzburg. Es ist noch nicht spät und wir wollen unbedingt noch etwas politisches machen und so beschließen wir, spontan einen Umzug gegen Atomkraftwerke zu veranstalten. Dazu ist noch alles da: Die Anzüge der GJ Bayern lagern hier und im Keller sind zwei gelbe Fässer mit Atomzeichen, Banner und Schilder. Doch während einige das Zeug aus dem Keller holen, entwickelt sich im Büro eine Diskussion um die wichtige Frage:
Was ist eigentlich genau eine Spontandemo?

Braucht es einen spontanen Anlaß, oder reicht eine spontane Durchführung? Sind wir noch spontan – also rein rechtlich gesehen – wenn wir es vor der Demo schaffen, ein Faß aus dem Keller zu holen und auf einen Bollerwagen zu legen? Und fallen diese bemalten Maleranzüge unter das Vermummungs- oder gar das Uniformverbot?
Fragen über Fragen, aber politisch aktive JurastudentInnen oder RechtsreferendarInnen sind gerade nicht zu erreichen. Also ruft Sina einfach mal bei der Polizei an und meldet eine Spontandemo an. Und es funktioniert: Wir treffen uns mit zwei Streifenwagen am Barbarrossaplatz.

Aber ganz so einfach ist es dann doch wieder nicht. Ob unseres Aufzugs bezweifeln die Beamten kurz, daß wir – im rechtlichen Sinne – spontan sind. Wir können jedoch glaubhaft machen, daß uns das nicht viel Zeit gekostet hat. Die Flyer sind zum Teil von 2005 und auf der Rückseite der Schilder sieht man noch Plakate von der Kommunalwahl 2008. Frisch bemalt ist auch nichts. Das Zeug liegt immer im Büro rum oder im Keller vom Büro.

Trotzdem: Sie photographieren uns. Die letzte Entscheidung darüber, wie spontan wir nun waren, fällt dann nächste Woche das Ordnungsamt der Stadt Würzburg. Wir ziehen also los und die Würzburger reagieren sehr positiv auf uns. Immerhin liegt das AKW Grafenrheinfeld um die Ecke.

Aug
06

Wehrpflicht Wegtreten!

Geschrieben von (Karl) in Auf Achse, Demokratie & Antirassismus am 6. August 2010

Inzwischen haben selbst in der Union viele eingesehen, daß die Wehrpflicht völlig unsinnig ist. Sie ist nicht nur ein großer Eingriff in das Leben von jungen Männern, der dem Staat Zugriff auf sie gibt um sie zu disziplinieren. Sie ist auch teuer, militärisch nutzlos und – da in den letzten Jahren nur 14-20% eines Jahrgangs tatsächlich einberufen wurden – zutiefst unfair.

Damit in der Diskussion um die Aussetzung der Wehrpflicht, die Verteidigungsminister zu Guttenberg angestoßen hat, auch die linksliberalen Argumente nicht zu kurz kommen und um den Leuten zu zeigen, daß nicht nur eine Aussetzung, sondern eine Abschaffung dieses Zwangsinstruments Not tut, veranstaltete die Tramptour zusammen mit der GJ Erfurt und dem Landesvorsitzenden der thüringer Bündnisgrünen eine große Aktion unter dem Motto Wehrpflicht Wegtreten!. Dabei verteilten wir nicht nur Flyer mit 10 Gründen gegen die Wehrpflicht, sondern waren mit einem großen, schönen Banner, einem professionellen Infostand und viel Musik zwei Stunden lang auf dem Fischmarkt sehr präsent.

Guppenphoto in Aktion am Erfurter Fischmarkt

Und weil wir ja nicht nur gegen die Wehrpflicht sind, sondern Militarismus insgesamt ablehnen, Krieg scheiße finden und am liebsten nicht nur die Wehrpflicht, sondern die ganze Armee abschaffen würden, begleitet antimilitarische Satire die ganze Aktion. Wir haben einen alten NVA – Stahlhelm dabei, musizieren, singen und tragen das Gedicht Schtzngrmm von Ernst Jandl vor.
Das ist auch bitter nötig, denn während die Abschaffung der Wehrpflicht langsam greifbar wird, dringt die Bundeswehr in anderen bereichen in die Gesellschaft vor. So beschäftigten uns in der letzten Zeit immer wieder öffentliche Gelöbnisse der Bundeswehr, der Verteidigungsminister fordert bei einer Rede zum begräbnis von in Afghanistan gefallenen Soldaten eine Diskussion um die Bedeutung von Tapferkeit und der Karrieretruck der Bundeswehr besucht Berufsschulen im ganzen Land und erzählt jungen Menschen, daß sie beim Bund viel Geld verdienen können. Doch es ist kein Beruf wie jeder andere, den sie da bewerben – Soldat_in zu sein bedeutet im Ernstfall, zu töten und zu sterben.

Robert vn der GJ Erfurt spielt nicht nur Gitarre und singt, er hat zu diesem Anlaß auch extra einen Fünfzeiler geschrieben:
Junge Männer meldet euch beim Bund!
zwar ist ein kriegsähnlicher Auslandseinsatz nicht immer sehr gesund,
doch ihr kriegt viel Geld
und vielleicht ‘ne Therapie,
denn ihr schützt unsere Demokratatatatie!

Live – mit einem Stück von Knorkator – seht ihr Robert hier:

Insgesamt kam unsere Aktion sehr gut an. Aber es gibt auch immer Leute, die anderer Meinung sind und sich nicht überzeugen lassen – was ja ihr gutes Recht ist. Dabei können sich lustige Dinge zutragen. So standen bei unserem Stand lange Zeit zwei alte Männer, die unser Anliegen teilten und die unsere Anwesenheit als Gelegenheit für längere Diskussionen nutzten – mit uns, Dieter und später noch miteinander. Dabei war wohl Afghanistan und die Rolle der Grünen in Regierung und Opposition der Hauptstreitpunkt. Als die beiden da so stehen und miteinander diskutieren, lehnt an anderer Stelle ein anderer alter Mann unseren Flyer ab und schreit uns noch zu, daß Zucht und Ordnung in diesen Staat kommen müßte. Das Niveau sinkt nun schnell. Die anderen beiden Rentner sie schreien zurück: Wander doch aus! Und der eine schreit nochmal was und die anderen wiederholen sich auch: Du kannst ja auswandern, wenn’s dir hier nicht ordentlich genug ist.

Es ist nicht unbedingt Sinn von Aktionen der Grünen Jugend, daß Rentner sich anschreien. Aber es war wirklich sehr erfrischend zu sehen, wie ein rechter alter Mann mit dem schönen Argument Geh doch, wenn’s dir hier nicht paßt konfrontiert wird, das wir alle schon oft genug gehört haben, die wir für Veränderung kämpfen.

Aug
06

Not All Cops Are Bastards*

Geschrieben von (SPUNK) in Auf Achse am 6. August 2010

Am Mittwoch wollte die Tramptour von Halle nach Erfurt. Daniel hatte uns leider schon verlassen, so liefen Sina, Magda, Karl, Simon und Lisa zu fünft zur Autobahnauffahrt und teilten sich zunächst in zwei Gruppen auf. Zu dritt standen wir dann eine Zeit lang auf einer Verkehrsinsel herum, an der kaum jemand vorbeikam. Das erste Auto, das anhielt, war ein Lieferwagen, der nur noch zwei freie Plätze hatte. Also stiegen Simon und Lisa ein und ließen Sina zunächst allein zurück. Der Lieferwagen entpuppte sich als ein Transporter für altes Frittierfett. „Ich fahre Fett durch die Gegend“, erzählte uns der Fahrer fröhlich, „und dann trenne ich das zu Hause in festes und flüssiges Fett. Das feste kommt in die Heizung und das flüssige in den Tank.“ Er strahlte uns an. „Und nächstes Jahr kommen Yoghurtbecher dazu. Die vergase ich dann, um Energie zu erzeugen. Aber die Maschine dafür muss ich noch bauen, bisher klappt es nur im Reagenzglas.“

Leider musste der Frittierfettfahrer nicht Richtung Erfurt, deshalb schmiss er uns auf dem Standstreifen vor der Abfahrt raus. Durch ein Telefonat mit Sina erfuhren wir, dass sie uns inszwischen überholt hatte kurz vorher auf demselben Standstreifen angekommen war, wo sie nach fünf Minuten schon wieder mitgenommen wurde. Hoffnungsvoll hielten wir den vorbeirasenden Fahrzeugen unser Schild entgegen. Manche hupten uns an, manche fuhren uns fast die Zehenspitzen ab. Mitnehmen wollte uns keine_r. Nach über einer Stunde kam endlich ein Auto, das bei unserem Anblick langsamer wurde und hielt. Dummerweise hatte es ein Blaulicht auf dem Dach. Heraus stiegen zwei Autobahnpolizisten. „Seid ihr verrückt“, brüllte der eine, „mitten auf der Autobahn!“ – „Einsteigen!“, befahl der andere. Sie packten unsere Rucksäcke in den Kofferraum und uns auf den Rücksitz.

“Eigentlich ist das eine Ordnungswidrigkeit“, sagte Polizist Nummer Eins. „Kostet Bußgeld, geht bei 500 Euro pro Person los.“ 500 Euro, das ist das Budget der gesamten Tramptour.„Es ist scheißgefährlich, auf dem Standstreifen zu stehen“, sagte Polizist Nummer Zwei. „Ihr habt Glück, dass wir das früher auch mal gemacht haben.“ Statt unsere Personalien aufzunehmen und uns in den finanziellen Ruin zu stürzen, fuhren sie uns bis zu einem Autohof in Leipzig und wünschten uns eine gute Reise. Dann widmeten sie sich dem Rentner_innenpärchen, das direkt vor ihnen falsch abgebogen war.

Nachdem wir uns bei einer Tafel Schokolade von dem Schrecken erholt hatten, versuchten wir, jemanden zu finden, der/ die uns auf die A9 Richtung München mitnehmen konnte. Leider waren fast alle in die entgegengesetzte Richtung unterwegs. Als Sina bereits in Erfurt angekommen war, saßen wir noch immer in Leipzig. Nach zwei Stunden stießen wir endlich auf eine junge Mutter, mit der wir bis zur nächsten Autobahnraststätte fahren konnten. Als wir uns in ihr Auto quetschten, wurden wir von zwei anderen Tramper_innen abgelöst – zwei Leuten aus der Schweiz, die ebenfalls nach Erfurt wollten. Wir wünschten ihnen Glück und waren froh, endlich weg zu sein.

Nach zwei weiteren Umsteigeaktionen auf Autobahnraststätten, eine Stunde Wartezeit inbegriffen, erreichten wir abends um sieben den Stadtrand von Erfurt. Karl, Madga und Sina hatten dort schon den ganzen Nachmittag mit der Grünen Jugend Erfurt im Garten gesessen und Banner gemalt. Doch zum Abendessen kamen wir noch pünktlich.

Insgesamt waren Simon und Lisa damit neun Stunden unterwegs auf einer Strecke von 160 Kilometern. Fazit des Tages: Wenn mensch ausreichend Pech hat, ist es möglich, beim Trampen langsamer zu sein als mit dem Fahrrad. Und: Not All Cops Are Bastards!*
* Fußnote: Wer sich über den Artikel von Katja Weiden im letzten SPUNK aufgeregt hat, darf diese Überschrift als Gegendarstellung begreifen ;-)

Aug
03

Stadt der Karnickel

Geschrieben von (Karl) in Auf Achse am 3. August 2010

Wir sitzen gerade im Naturzentrum Wolfsburg, bewundern die liebevoll einlaminierten Plakate, die von den Erfolgen der Wolfsburger “Heckengruppe” (grinsende Leute mit weißen Haaren) künden, und essen Reis mit Gemüse, als plötzlich einer der Heckengruppensenioren vor uns steht. Sofort fängt er an zu nörgeln, was wir denn hier zu suchen hätten. “Euer Grüne-Jugend-Treffen ist doch dienstags! Da könnt ihr nicht einfach so montags kommen, wir haben gleich eine außerordentliche Sitzung hier!” Als er unsere Rucksäcke entdeckt, steigert sich sein Redeanfall zur Schimpftirade. “Was fällt euch ein, einfach so mit Übernachtungssachen hier anzurücken! Und am Schreibtisch habt ihr auch gesessen, aber das ist unser Schreibtisch, das hab ich euch doch schon zigmal gesagt!”
Sina erklärt ihm, dass wir gar nicht aus Wolfsburg kommen, dass wir gerade eine Tramptour machen und lediglich von der GJ Wolfsburg den Schlüssel und die Erlaubnis erhalten haben, hier zu übernachten. Nach dem dritten Anlauf dringt diese Erkenntnis zu ihm durch. Nach einer halben Stunde und etlichen weiteren Beschwerden (“Und euren Müll solltet ihr auch wegräumen!”) sagt er: “Hm, ihr könnt ja gar nichts für die Situation, ihr habt einfach Pech, dass ihr ohne Absprache hier reingelassen wurdet. Aber ich würde euch bitten, das Haus jetzt zu verlassen.” Sobald wir anfangen zu packen, bessert sich seine Laune. Und als wir schließlich mit Sack und Pack wieder auf der Straße stehen, ist er richtig freundlich: “Ihr seid hier jederzeit willkommen!” Danke, das haben wir gemerkt.

Zum Glück dürfen wir dann ersatzweise bei den Eltern von Nils von der GJ Wolfsburg schlafen, was sich als sehr viel komfortabler herausstellt. Abends fahren wir auf ein Zeltlager mit 5.000 evangelischen Pfadfinder_innen, das gerade am Stadtrand auf einem riesigen Acker stattfindet. Karl, Sina, Magda, Dani und Simon sind fasziniert von der Infrastruktur, den uniformähnlichen Hemden und den gigantischen schwarzen Zelten. Lisa hat in ihrer Jugend selbst viele Wochen auf katholischen Pfadfinder_innenlagern verbracht. Daher weiß sie, dass die Hemden Kluft heißen, die großen Zelte Jurten und die kleinen Koten, und fasziniert ist sie nur von der Faszination der anderen. Nach einigen netten Unterhaltungen und einer vergeblichen Suche nach Daniel Völkoi von der Grünen Jugend Hamburg, der auf dem Camp bekanntermaßen anwesend, aber unauffindbar ist, fahren wir mit dem letzten Bus zurück in die Stadt.

Nachts kleben wir bei einer namhaften Discountkette unsere tollen “Arbeitsstandards? Nein danke!”-Sticker auf die Schiebestangen der Einkaufswagen. Auf dem Rückweg werden wir vom Regen überrascht, flüchten in einen Pavillon auf der Wiese vor einem Altenheim. Weil Lisa um Mitternacht 22 Jahre alt wird, haben wir Wein dabei, also trinken wir zwei Flaschen Wein, haben Spaß und warten, bis der Regen nachlässt.

Von Simon Kuchinke

Trotz eines Lockschadens und damit verbundenen Verspätungen haben viele GRÜNE JUGEND Mitglieder aus Brandenburg, Berlin, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen den Weg ins „Haus der Offiziere“ nach Brandenburg an der Havel gefunden.

Sofort starteten die ersten drei Workshops. Paul Dörfler vom BUND referierte über Gewässerschutz und Infrastruktur am Beispiel der Elbe. Clara Herrmann, Mitglied des Abgeordnetenhauses zu Berlin diskutierte in ihrem Workshop über Rechtsextremismus und die Frage, was kann die Jugend im Kampf gegen Nazis unternehmen. Nach einer stillen Diskussion über verschiedene Antithesen zum Geschlechterverhältnis, tauschten sich die TeilnehmerInnen im Workshop des Frauen- und Genderrates über konkrete Maßnahmen, Geschlechterhierarchien abzubauen, aus.

Nach veganem Abendessen und kurzer Begrüßung durch Bündnis 90/Die Grünen Brandenburg, startete die Podiumsdiskussion „Nazis, Nein Danke“ mit Monika Lazar (MdB), Clara Herrmann (MdA Berlin) und Annalena Baerbock (Vorsitzende der Grünen in Brandenburg) diskutierten über den Begriff des Extremismus und die Frage der Gleichsetzung von Links- und Rechtsextremismus. Außerdem berichteten die drei Politikerinnen über ihre Erfahrung im Umgang mit Nazis. Die Mittelkürzung von AussteigerInnenprogrammen für Nazis durch die Bundesfamilienministerin waren auch ein Thema und wurde aufs Schärfste kritisiert.

Der Abendausklang verlagerte sich bei den mediterranen Temperaturen eher nach draußen, wo sich bei Bier und Apfelschorle vernetzt und ausgetauscht wurde, aber die Musik von DJ Schatzi war dennoch zu hören.

Spät oder früh lagen auch die letzten in ihren Hostelbetten in einer heimeligen Platte, um doch noch ein bisschen Schlaf abzukriegen, bevor der zweite Tag des Okos startet.

Jul
04

Auch hier gilt die Devise, dass nicht nur die Politik verändert werden muss, sondern die Menschen müssen sich ändern (siehe dazu auch meinen letzten Blog). Ökonomisch gesehen schaffen Autos Externalitäten (= Dreck) welche durch Gesetze, Regulierungen oder Steuern internalisiert (= eingepreist) werden müssen. Das ist rational. Doch statt wie Commander Spock agieren die Menschen eher wie Homer Simpson – so zumindest das Beispiel. Die Menschen müssen also nicht nur mit rationalen Argumenten überredet werden, sondern das „framing“ (wie etwas dargestellt wird) ist wichtig. „Carfree by social marketing“ also. Wieder wird Freiburg als Beispiel bemüht. Hier wurden autofreie Straßen als sozialer Raum beworben und das Leben in solch einer Straße (ohne Parkplatz vor der Tür!) wird als Privileg gesehen. Dafür geht mensch auch mal gerne ein wenig weiter zum Auto bzw. vielleicht auch lieber zur Haltestelle.
Menschen haben aber Pflichten (v.a. gegenüber anderen Menschen) welche Grund für ihre Mobilität ist. Wer fährt sonst nachts noch zu Oma wenn es ihr nicht gut geht? Menschen haben auch Möglichkeiten und es ist (bisher) ihr Recht, diese zu nutzen. Das Auto bietet hier sehr große Anreize. So meinte ein Herr zu uns Aktivist_innen: „It is the only place where I don’t have to listen to my wife, where I can hear country music and smoke.“ Es wird ein langer Kampf um die Köpfe… Read the rest of this entry »

Jul
02

Etwas etwas besser machen

Geschrieben von (Georg) in Auf Achse, Europa & Internationales, Ökologie am 2. Juli 2010

Einen relativ guten OpenSpace Teil gab es am Mittwoch. Von den rund 20 gemeinsam gesammelten Ideen wurden 12 ausgewählt und mit großen Vorsprung „gewann“ der WS „Revolution or not? Burning cars and new cycle paths“ (Wer hat das nur vorgeschlagen?) und so wurde über die Frage wie radikal so ein Netzwerk und die dahinter stehende Bewegung eigentlich sein kann diskutiert. Die Ergebnisse waren weder konzeptionell noch konfrontativ wie in der Klimabewegung und die brennenden Autos wurden nicht weiter besprochen. Jedoch gibt es hier weniger eine realpolitische Sicht auf die Dinge, weil es wenig politisch zu geht. „Pragmatisch bis aktivistisch“ würde es besser beschreiben. So forderte eine französische Aktivistin den autofreien Hungerstreik in York (und lachte dabei) und einige ältere Damen vor mir klatschten als ob Howard Carpendale persönlich gerade hereingekommen wäre als ein Sprecher vorne erklärte, dass die Abschaffung des Kapitalismus „indeed, the best solution“ wäre. Nun gut, Che Guevara wäre auch in York nicht älter geworden. Dennoch gibt es viel Energie im Netzwerk und die vielen Praktiker_innen haben interessante Präsentationen vorbereitet wie mensch halt den Verkehr etwas besser machen kann, zumindest etwas in der Welt.
Elliott aus Canberra berichtet beispielsweise ganz pragmatisch von seiner Arbeit zur Integration von Rad und Öffentlichem Verkehr (ÖV). Wenn der Bahnhof eine gute Rad-Anbindung (Wege und Parkplätze) hat, dann kann seine Reichweite (von wo Menschen dorthin strömen) bis auf das Vierfache wachsen (ca. 0,8km auf 3,2km), die abgedeckte Fläche sogar 15fach! Gerade in diesen peripheren Gegenden haben die Menschen häufig sogar mehr als 2 Autos, das ist zu viel! In Washington D.C. Und Canberra gibt es bereits Busse, die vorne 2-3 Fahrräde auf Ständern (wie bei den Skibussen in Tschechien!) mitnehmen können. Kund_innenumfragen haben zudem gezeigt, dass sichere Parkplätze an den Haltestellen, bessere Buchsysteme (für Bike-Tickets) und einfach mehr Platz für die Räder in den Zügen und Bussen dringend erforderlich ist. Hierbei hat sich dort auch in Straßenbahnen ein vertikaler Stauraum in Türnähe bewährt. Die Fahrräder werden dabei wie beim Fleischer an Haken senkrecht aufgehängt. Sowas gibt es bei uns bisher m.E. nur in den langsamen Regios. Wann kommt der Fahrradfreundliche ICE? Auf die Frage, ob Räder zur Rush-Hour (Hauptverkehrszeit) nicht im ÖV verboten werden sollten kam die Antwort: Das machen die einmal, und dann nie wieder… Eine weitere Frage ist, ob Parklätze für Fahrräder, zumindest die professionelleren an Bahnhöfen, kostenfrei sein sollen. Eine zusätzliche Einnahmequelle würde sicher einige Stadträte zusätzlich anspornen. Als Grüner bin ich natürlich dennoch für kostenfreies Parken für Biker_innen und für eine schnelle Einführung der Pkw-Park-Steuer. Aber da findet sich hier keiner zur Diskussion, eine Grundradikalität sollte es ja schon geben…
Ein Herr aus Amsterdam mit einer lustigen Brille berichtet davon, dass die EU jetzt Städten hilft wenn diese endlich auch mal den Durchblick haben. Mit seinem SpyCycle-Programm hilft er diesen Kommunen bei der Erstellung und Umsetzung von Fahrradplänen. Mittlerweile hat wohl fast jede Großstadt so etwas und tatsächlich sieht mensch in Lyon, Stockholm, Brüssel, Malmö, Barcelona und Berlin schon öffentliche Fahrräder als ein derzeit sehr beliebtes Mittel. Auch hier wird ganz pragmatisch mit den Akteuren zusammen geschaut, was möglich ist. Für brennende Autos gibt die EU aber auch noch kein Geld aus – bei aller spicyness.
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