Ich war gerade in meiner vierten nationalistischen Demo innerhalb einer Woche. Diesmal war ich absichtlich dort, es ist Nationalfeiertag in der Türkei und ich bin an den Taksimplatz gegangen, um ein paar Photos zu machen, die fast alle nichts geworden sind. Die anderen drei waren Spontandemos, da konnte ich nichts dafür. In Berlin passiert sowas ja auch.
Es ist alles voll mit Flaggen. An jedem Gebäude. Und wenn das Gebäude ein sehr großes Gebäude ist, dann ist die Flagge eben sehr groß. Oder es hängt noch ein Portrait von Atatürk daneben. Das Ding, das an dem Fahnenmast am Reichstag hängt ist wirklich garnichts. Man stelle sich eher mal das Gebäude vom Bayerischen Rundfunk am Münchner Hauptbahnhof vor, wenn es zu zwei Dritteln mit einer Deutschlandflagge geschmückt ist…
Vorgestern machte ich zum Beispiel einen Spaziergang (Von Beyoğlu nach Beşiktaş und zurück) und als ich fast die ganze Anhöhe zum Taksimplatz wieder rauf gestiegen war, sperren zwei Verkehrpolizisten eine Ampelkreuzung und regeln den Verkehr per Hand. Eine sehr große Gruppe Taxifahrer hatte sich türkische Flaggen besorgt und fuhr nun sehr langsam, hupend und Flaggenschwingend durch die Stadt. Eine spontane Demo von ca. 15 Leuten, hauptsächlich junge Männer, lief nach der ersten Welle Taxis mitten auf der Straße, vier davon trugen eine riesige Flagge, einige formten die Hand zum Gruß der Grauen Wölfe.
Die Grauen Wölfe sind eine extrem nationalistische und gewaltbereite Organisation, von der man sich sogar erzählt, daß sie junge Männer im Azerbaijan zum Untergrundkampf ausbilden läßt. Däe Grauen Wölfe stehen der MHP (Milliyetçi Hareket Partisi – Partei der nationalistischen Bewegung) nahe, die die dritte Kraft im Parlament ist.
Dagegen zählt die CHP (Cumhüriyet Halk Partisi – Republikanische Volkspartei) zwischen der MHP und der regierenden, islamisch ausgerichteten AKP (Adalet ve Kalkınma Partisi – Gerechtigkeits- und Entwicklungspartei) als fortschrittlich und “links”, obwohl sie auch ohne Ende nationalistisch ist und wegen dem kemalistischen Erbe eng mit der Armee verbunden ist. Mit dem Spruch, den ich als Titel dieses Blogeintrag verwendet habe, grüßte der Vorstand des Bezirksverbands der CHP in Beşiktaş zum Nationalfeiertag auf einem großen Banner über einer Straße am Fährhafen von Beşiktaş.

Warum also gehen die Leute hier gerade so ab? Das hat mit den Kurden zu tun.
Zur Erinnerung: Es leben ca. 14.000.000 KurdInnen in der Türkei. Beträchtliche Zahlen KurdInnen leben auch im Iran und Irak, einige in Syrien und kleinere Gruppen in Armenien, Georgien und Aserbaidschan (Nachitschewan). Die KurdInnen in Syrien sind am übelsten dran, weil das Regime der Assads sowieso krass ist, im Iran dürfen sie zumindest ihre Kultur und Sprache pflegen und im Irak gibt es seit 1992 autonome Regionen. 1992 haben nämlich die USA Flugverbotszonen im Irak eingerichtet und seitdem hatte Saddam praktisch keine Verfügung mehr über einen Teil der Kurdengebiete im Nordirak. Seit dem Krieg 2003 sind sie erst recht autonom. Das Gebiet ist verglichen mit den Verhältnissen im Süd- und Mittelirak recht ruhig und das freut die KurdInnen und die USA.
In der Türkei war von Ende der Achtziger bis Ende der Neunziger eine Art Bürgerkrieg, in der die PKK (Partiya Karkerên Kurdistan – Arbeiterpartei Kurdistans) und die türkische Armee gegeneinander mit Waffengewalt kämpften und ca. 30.000 Menschen getötet wurden.
Momentan sieht es so aus, als würde der Konflikt wieder aufflammen. Bei Kämpfen im Südosten sind in den letzten Wochen einige Dutzend Menschen ums Leben gekommen und es wurden 7 oder acht Soldaten von der PKK gefangen genommen. Die PKK nutzt die Kurdengebiete im Irak als Rückzugsgebiet und das paßt natürlich der Türkei nicht. Deswegen hat die türkische Armee 100.000 SoldatInnen an der Grenze zum Irak zusammengezogen und das Parlament hat beschlossen, daß es es für legitim hält, in den Nordirak einzumarschieren. Das paßt wiederum den USA garnicht.
Soweit konnte man das wohl auch in Deutschland in der Zeitung lesen.
Dazu kommt jetzt folgendes: Die türkische Armee ist mit über 500.000 SoldatInnen die zweitgrößte in der NATO. Davon sind mindestens zwei Drittel Wehrdienstleistende. In der Türkei ist der Wehrdienst sehr hart und es gibt nicht die Möglichkeit, aus Gewissensgründen zu verweigern. Nur wer körperliche Probleme hat, kommt darum herum, wer im Ausland arbeitet kann gegen eine Zahlung von 10- bis 15.000 Euro seinen Dienst auf einen Monat verkürzen.
Schwule können auch darum herumkommen, sie müssen dann aber beweisen, daß sie wirklich schwul sind – beweisen tut man das, indem man ein Photo präsentiert, das einem beim sexuellen Verkehr mit einem anderen Mann zeigt. Die türkische Armee, so witzelt man, hat das größte Archiv von Homo-Pornobildern im Land. Wer diese entwürdigende Prozedur über sich ergehen läßt, bekommt eine psycho-sexuelle Störung attestiert und muß nicht dienen. Wer sich auch nach mehrmaligen Gefängnissaufenthalten weigert, eine Uniform anzuziehen, wird irgendwann entlassen und hat dann folgendes Problem: Ohne Wehrdienst geleistet zu haben und ohne einen negativen Musterungsbescheid vorweisen zu können kann diese Person keinen Paß beantragen, keine legale Arbeit ausüben, darf nicht wählen und nicht heiraten. Der Europäische Gerichtshof nannte diesen Zustand “Civil Death”. Es gibt aber auch Leute, die das in Kauf nehmen.
Da ein großer Teil der SoldatInnen, die im Südosten töten und sterben, Wehrpflichtige sind ist dieser Konflikt nahe an den Menschen hier dran. Jeder und jede kennt jemanden, der Wehrdienst macht. In Zeiten wie diesen Bewerben sich besonders viele Leute für einen Master oder ein Zweitstudium, um den Wehrdienst hinauszuschieben, bis das gröbste vorbei ist. Eigentlich eine Ideale Stituation für eine Bewegung gegen den Krieg.
Aber es passiert das Gegenteil.
Die beiden Oppositionsparteien CHP und MHP werfen der Regierung vor, den USA gegenüber zu nachgiebig zu sein. Ihnen kann der Krieg nicht schnell genug kommen. Durch die ständigen Demos kommt die Regierung unter Druck. Viele Leute teilen diese Ansicht. Selbst von den StudentInnen an meiner Uni sind viele klar für den Krieg.
Schuld daran sind meiner Ansicht nach die Medien und der politische Diskurs in diesem Land, der sehr nationalistisch geprägt ist. In den Zeitungen und im Fernsehen hier wird für die Wehrpflichtigen, die dort unten gestorben sind, der Begriff “Märtyrer” (Şehit) verwandt. Die vielen Flaggen, die hier überall herumhängen, sind auch zu anderen Zeiten, ohne Nationalfeiertag und drohendem Krieg, überall präsent. Und die Dinger abzuschneiden um bok (Scheiße) darauf zu schreiben, ist hier wahrscheinlich sehr, sehr illegal.
Daß der Krieg durch die vielen Wehrpflichtigen (Mehmetçiks genannt) so nahe an die Leute heranrückt führt in dieser Atmosphäre also nicht dazu, ihn abzulehnen, sondern dazu, daß man sich gemeinsam angegriffen fühlt. Und dann soll die Regierung diesen paar FreischärlerInnen von der PKK richtig eins auf die Mütze geben.
[...] und gerade auf Gastsemester in Istanbul, hat im Blog der Grünen Jugend den Artikel “Für das Vaterland zu sterben ist für uns eine Selbstverständlichkeit” über die Situation in der Türkei geschrieben. Ein paar Auszüge: Es ist alles voll mit [...]
[...] Ein anderer Demospruch, der sehr lustig ist war Lalalalalala… Ampultayyıp. Das ist sehr lustig, damit ist folgendes gemeint: Ampul ist eine Glühbirne und die Glühbirne ist das Symbol der Regierungspartei AKP und Tayyıp ist der Vorname des Regierungschefs. Als Glühbirne bezeichnet zu werden ist kein Kompliment und dazu machen die DemonstrantInnen eine Geste, als würden sie eine Glühbirne herausdrehen, das finde ich sehr demokratisch und es macht einen selbstbewußten Eindruck. So sehe ich diese Demo auch im Licht der vielen rechten Demos, in denen ich vor einiger Zeit versehentlich war und bin viel positiver gestimmt als bei meinem Eintrag darüber. [...]