UN-Kongress in Kiel (MUN-SH)

Die Delegation Polen traf sich am Donnerstag am Hamburger Hauptbahnhof. Sie war gewillt, nach Kiel zu fahren, wo vom 15.-19. März der simulierte UN-Kongress stattfinden sollte.

Obwohl meine drei Freundinnen und ich uns für Mexiko beworben hatten, sollten wir nun Polen vertreten, unser Drittwunsch.
Ohne große Vorstellung, wie alles werden würde, saßen wir nun im Zug. Allerdings waren wir alle immer noch der Meinung, zu wenig über das Nachbarland Deutschlands zu wissen. Nie in der Schule behandelt, kannten wir vor der Entscheidung, Polen zu vertreten, nur die Kaczynskis. Also lasen wir ein bisschen hier und da, und versuchten, speziell Information zu den Themen unser jeweiligen Gremien zu finden. Das war gar nicht so leicht. Schließlich hat Polen auch nicht zu allem eine Meinung. Außerdem dachten wir, wir müssten zu jedem der 3 Themen ein Arbeitspapier, d.h. einen Resolutionsentwurf, schreiben und machten uns mehr Mühe als nötig…
Richtig los ging es erst am Freitag, als wir in den Gremien sofort mit den Sitzungen anfingen. Ich saß als Delegierte der Generalversammlung im Plenarsaal des Kieler Landtags. Zuerst ging es um die Aufstellung und Finanzierung einer ständigen UN-Friedenstruppe, was das militärbegeisterte Polen, wie ich dachte, befürwortet. Ich habe dabei allerdings zu wenig auf die Position der USA geschaut, obwohl Polen sich sehr an denen orientiert. Das war im Nachhinein aber gar nicht so schlecht, da der Delegierte der USA nicht fähig war, eine Position zu vertreten, sondern andauernd seine Meinung wechselte.

Unterbrochen von Lobbyingphasen, in denen neue Resolutionsentwürfe geschrieben werden konnten, wurde das Thema in einer allgemeinen Debatte behandelt. Ich tat mich mit Finnland zusammen, die eine sehr ähnliche Position wie die, die ich erarbeitet hatte, vertrat, und so stellten wir den Resolutionsentwurf mit den zweitmeisten Unterstützerländern.

Gerade am Freitag hatte ich sehr viel Spaß. Reden schwingen, Geschäftsordnungsanträge und Fragen stellen, Kurzbemerkungen machen – all das mache ich sonst nicht so oft. Mensch musste sich vor allem erstmal an die Formulierungen gewöhnen. Es darf von sich nur in der dritten Person gesprochen werden und mensch darf andere auch nur so ansprechen, sodass es letztlich zu umständlichen Sätzen kam wie: „Die Delegierte Polens bittet das Präsidium, dem Delegierten der Türkei eine Rüge zu erteilen, da dieser das polnische Volk zutiefst beleidigt hat, indem er behauptete, die polnischen Bürger würden Automobile unrechtmäßig erwerben.“ (Hab ich echt gesagt, dem wurde aber leider nicht stattgegeben.)

Mein junggrünes Herz ging auf, als sich der schwedische Delegierte für eine Genderformulierung einsetzte, welche vom Präsidium (der eine ist Mitglied bei der FDP) abgelehnt wurde, da auf solch eine Gleichberechtigung von der UNO aus nicht geachtet werde.

Es fiel mir nicht so sonderlich schwer, meine eigenen Positionen zur Seite zu schieben, aber es war gar nicht leicht, immer so zu handeln, wie ich dachte, dass Polen handeln würde. Vor allem in den nächsten beiden Tagen achtete ich stark darauf, nicht anders als die USA abzustimmen, jedenfalls solange diese nicht etwas völlig gegen Polens Meinung sagten.
Genervt war ich schließlich am Sonntag, als wir den Resolutionsentwurf für eine Reform des Sicherheitsrates besprachen und sich schon von Anfang an andeutete, dass die 5 Vetomächte diesem nie zustimmen würden! Wir hatten hinterrücks einen neuen Entwurf zu den UN-Friedenstruppen erarbeitet, der aber durch immer wieder abgelehnte Anträge auf Verschiebung des Tagesordnungspunktes bzw. auf vorzeitige Abstimmung der Resolution zur der Sicherheitsratsreform nicht mehr besprochen wurde.

Nachdem ich vernommen hatte, dass sich China und die USA über einen ständigen Sitz Polens als Vertreter der Osteuropäischen Länder im Sicherheitsrat debattierten, ergriff ich die Chance und fragte Deutschland und Frankreich im Plenum nach deren Position. Dem gab das Präsidium allerdings nicht statt, woraufhin erst die Ukraine und dann Kambodscha eine Begründung für dieses Anliegen hören wollten. So bekam ich die Gelegenheit für einen ständigen Sitz Polens im Sicherheitsrat zu werben. Wenn jemand sagt, ich hätte meine eigenen Interessen vertreten, dann würde ich ihn oder sie für dumm halten, denn wer will Polen im Sicherheitsrat? Als Arschkriecher der USA?
Letztlich hat die Generalversammlung keine eigene Resolution verabschiedet, was als durchaus normal abgetan wurde. Trotzdem schade.
Zwischendurch mussten wir Resolutionen von Untergremien beschließen. Die waren teilweise sehr unrealistisch, vor allem weil z.B. alle Atommächte eine Resolution zum Thema atomare Abrüstung ablehnten, sie aber doch angenommen wurde. Hier passiert, was oft vorkommt: Dass sich die Delegierten nicht an die Positionen ihrer Länder halten. Leider.

Besonders schlimm fand ich, dass gerade Länder wie Deutschland oder Frankreich, die eine große internationale Verantwortung tragen, von unvorbereiteten und fast inkompetenten Jugendlichen vertreten wurden. Dass Deutschland nichts zu einem eventuellen ständigen Sitz im UN-Sicherheitsrat sagt, kann einfach nicht zu einer konstruktiven Debatte führen (dass Polen sich für einen eigenen einsetzt allerdings wohl auch nicht…). In der Kommission für Friedenskonsolidierung sagte die Delegierte Deutschlands sogar: „Wenn ich etwas wüsste, würde ich es auch sagen.“, nachdem das Präsidium sie mehrmals aufgefordert hatte, zu einem Thema Stellung zu nehmen.
Abgesehen von solchen negativen Eindrücken, die es wohl immer gibt, fand ich es allerdings toll. Es gab viele nette junge Leute, auch aus Hamburg, mit denen wir eine Menge Spaß hatten, natürlich besonders nach Ende der Sitzungen. Doch auch während der Debatten konnte mensch sich gut vergnügen, z.B. durch Mitteilungen schreiben an andere Delegierte, die dann durch den „KOM-Service“ (Kommunikationsservice) überbracht wurden. Einfach den Arm heben können und jemand bringt meinen Brief an eineN FreundIn, auch wenn er oder sie sich gerade in einem ganz anderen Raum befindet – das ist schon Luxus…

Der nette krönende Abschluss war der Diplomatenball am Sonntagabend. Hier sollte mensch eigentlich in Ballkleidung erscheinen, was nicht immer der Fall war. Es lief schreckliche Partymusik, so wie sie halt überall läuft. Die Delegation Polen, die eh schon wegen manch alberner Gebaren aufgefallen war, stürmte die Bühne und tanzte einfach drauf los, wobei alle wohl das Gefühl hatten, wir meinten es ernst…
Bei der Feedbackrunde muss Polen wohl wieder sehr viel Eindruck hinterlassen haben, da wir alle vier der Meinung waren, dass die ganze Veranstaltung elitär ablief (es wurde z.B. um Laptops gebeten, Unterkunft musste selbst gezahlt werden, es sollte der Dresscode eingehalten werden usw.) und das auch laut äußerten.
Allerdings scheint es in anderen Simulationsspielen noch „schlimmer“ zu sein – in Baden-Württemberg (MUNBW) muss zusätzlich Essen bezahlt werden, da der Landtag weder seine Räumlichkeiten noch seine Kantine zu Verfügung stellt. Mensch kann sich aber von seiner Schule oder einem Unternehmen sponsern lassen, sodass auch finanziell benachteiligte Jugendliche recht problemlos mitmachen können.

Wenn ihr meint, so eine Veranstaltung könnte euch auch gefallen, dann guckt doch mal im Netz nach! Alle vom 16-21 können sich bewerben und noch gibt es Plätze für MUNBW (www.munbw.de) und für SPUN (www.spun.de)! Also nix wie ran!!!

1 Kommentar zu „UN-Kongress in Kiel (MUN-SH)“

  • Es fiel mir nicht so sonderlich schwer, meine eigenen Positionen zur Seite zu schieben[...]

    Da hast du ja auch schon reichlich Erfahrung drin, Frau Bern. ;-)