Brüssel, eine Stadt wie jede andere? – Denkste! Dies durften um die 50 grünpolitikinteressierte Jugendliche auf Einladung des Europaparlamentariers Frithjof Schmidt feststellen. Und so hieß es für die meisten 2 Tage Brüssel – statt zwei Tage Schule.
Die europäische Odyssee begann Montag um 10:45 am Duisburger Hauptbahnhof. Langsam fanden sich die TeilnehmerInnen am Bus ein – dies geschah aufgrund des pfiffigen organisatorischen Geschäftsführers der GJ NRW, Reiner Neumann. In weiser Voraussicht hatte er die tatsächliche Abfahrtszeit mit unserem Busfahrer Harald (Name von der Redaktion geändert) für 15 Minuten später vereinbart. Dieser wusste auch über unsere Fahrt schon gut bescheid. „Ja, wir fahren ja nach Brüssel, und vorher halten wir noch in … Düsseldorf oder so?“ – „Ja, Köln“ (Daniel), und da nahmen wir auch noch einige weitere MitfahrerInnen auf. Harald unterhielt uns auch weiterhin auf der Fahrt mit interessanten Anekdoten.
Pflichtschuldig informierte er uns über Verhaltensmaßregeln während der Fahrt. Auf seiner letzen Tour musste er ein Knöllchen von sage und schreibe 35€ (in Worten fünfunddreißig Euro) bezahlen, weil Personen auf dem Mittelgang standen. Um eine solchen Bußgeldzahlung zu vermeiden, bat er uns während der ganzen Fahrt sitzen zu bleiben („Auf Klo gehen ist nicht mehr“), ansonsten drohte er rechts ran zufahren und die nötigen Maßnahmen in die Wege zu leiten.
Schon auf der Fahrt zur Jugendherberge quer durch Brussels/Bruxelles/Brüssel (so stand es auf den Straßenschildern) konnten wir uns davon überzeugen, dass es offensichtlich keinen Bebauungsplan gab. Schließlich in der „Génération Europe“ angekommen, galt es sich auf die Zimmer aufzuteilen, an denen sich an farbwütiger Maler-Azubi oder Azubine ausgelassen hatte. Zudem stand ein Dunch (Kombination aus Dinner und Lunch) gegen 17 Uhr auf der Tagesordnung. Die Küche der Jugendherberge war offenbar nicht auf einen Ansturm notorischer VegetarierInnen vorbereitet. Der Küchengehilfe fragte jedeN „Fîsssh?“ und schien jedes mal enttäuschter, wenn er ein „Non, merci“ als Antwort erhielt. So gestärkt konnte der inhaltliche Teil beginnen. Dazu verzogen wir uns in die fensterlosen Kellergewölbe der Jugendherberge („Führerbunker“). Es begann mit einem spannenden Vortrag von Malte Woydt, einem alternativen Stadtführer, der uns einen Einblick in Geschichte, Gesellschaft, Politik und Kultur Belgiens und insbesondere Brüssels vermittelte. So gibt es einige Kuriositäten Belgiens, die wir der/dem werten LeserIn nicht vorenthalten wollen:
- Auf jedeN BrüsselanerIn kommen 12 Quadratmeter Bürofläche – Weltrekord!
- Belgien ist geteilt in zwei Sprachgebiete: Flandern und Wallonien, das führt zu einer strikten Trennung in vielen Lebensbereichen. Parteien wie etwa Écolos und Groen sind doppelt vorhanden, jeweils für den einen Landesteil
- Belgien ist zu 90% katholisch und das Mutterland der Christdemokratie
- Es vereint radikale Gegensätze: liberale Gewerkschaften bestreiken sozialistische Arbeitgeberbünde
- Das Wort „Verfassungsfeinde“ gibt es in Belgien nicht, hier ist jedeR PolitikerIn Verfassungsfeind, da monarchiekritisch.
- Ökologie finden die BelgierInnen uninteressant – die Abwässer Brüssels fließen noch immer ungeklärt in die Nordsee.
- Belgien kommt in der deutschen Presse lediglich bei drei Themengebieten vor: Pädophilie, Rechtsradikalismus, Pommes.
- Belgien besteht aus 6 Verwaltungsgebieten: Drei Sprachgemeinschaften und drei Regionen. Diese überschneiden sich territorial, jedoch nicht in den Kompetenzen. Das führt dazu, dass Politiker eines Landesteils sich jeweils zeitgleich in Opposition und Regierung befinden können.
- Anders als in Deutschland spielt der erste Weltkrieg in der öffentlichen Wahrnehmung eine größere Rolle als der Zweite.
- BelgierInnen sind die zufriedensten Menschen Europas, doch die FlämInnen haben am meisten Angst.
- Die Tatsache, dass 85% der WählerInnen der rechtsextremen Partei Vlaams Blok für einen starken Monarchen sind, wobei die Partei diesen abschaffen will, illustriert anschaulich die Aufgeklärtheit rechter WählerInnen.
- Belgien könnte auch in Skandinavien liegen: 60% der Einjährigen Kinder gehen bereits in die Krippe, mit 4 Jahren sind 100% in der Vorschule.
- Belgien ist Münteferings Albtraum, hier gehen die meisten Menschen schon mit 50 in Rente. Das offizielle Renteneintrittsalter liegt bei 60.
Es folgte ein Vorstellung der flämischen Grünen Jugend, Jong Groen. Diese hat 600 Mitglieder, die in über 20 Basisgruppen organisiert sind. Mitmachen darf jeder im Alter zwischen 15 und 31 Jahren. Nach dem scheitern an der 5% Hürde, für die die Grünen zuvor im Parlament votiert hatten, setzen sie sich momentan besonders für Junge Gesichter bei den Alten ein. Abschließend führten sie uns noch in eine Kneipe, nicht aber ohne uns vorher zu ermahnen, kein Duivels-Bier zu trinken, da die Brauerei den Vlaams Blok mitfinanziert.
Noch in der Nacht, um 10 Uhr morgens ging das Programm bereits weiter: So besuchte uns Martha Gomez vom European Youth Forum, um uns ihre Organisation vorzustellen. Dies ist der Dachverband europäischer Jugendorganisationen, der „tens of millions of young people“ in Europa und der Welt eine Stimme verleiht.
Zum Abschluss stellte sich unser europäischer Dachverband FYEG vor.
Dann ging es endlich, wiederum mit Harald, zum europäischen Parlament. Auf der Fahrt hatten wir die Gelegenheit zwischen tausenden zu vermietenden „prestigious Offices“ auszuwählen. Doch keine Sorge, weitere sind auch für eure Lobby im Bau.
Nach einer Sicherheitskontrolle standen wir im Gebäude, für das an diesem Tag die, scheinbar an U.S.-amerikanische Vorbilder angelehnte, Sicherheitsstufe weiß galt.
Bevor wir zum Gespräch mit Frithjof Schmidt gingen, ging es erst einmal in die Kantine. Diese wurde offensichtlich von einigen heimtückischen VegetarierInnen betrieben: Ein Salat mit Pommes kostete 2,10€, das gleiche mit einem kleinen Stück Fleisch 11€.
Nicht um Fleisch, aber unter anderem um Fisch drehte sich das Gespräch mit Frithjof, der im Entwicklungsausschuss sitzt, und dort die Arbeit der Grünen Fraktion koordiniert. Er berichtete von dem Problem der Kohärenz, also eine einheitliche Politik zu gestalten. Hier geraten verschiedene Ausschüsse häufig aneinander, da Probleme die etwa den Entwicklungsausschuss beschäftigen häufig erst durch die Arbeit anderer Ausschüsse verursacht werden. Dies ist auch bei der europäischen Fischereipolitik der Fall, die erst zu den erhöhten Zahlen von Bootsflüchtlingen mit Ziel Europa geführt hat. Dieses wichtige Thema der Entwicklungspolitik versucht der Fischereiausschuss dem Entwicklungsauschuss abzusprechen. Die meiste Zeit der Diskussion drehte sich jedoch um Fair Trade, wobei einige die Möglichkeit Fragen zu stellen, zu ausgedehnten Vorträgen ihrer eigenen Meinung ausbauten.
So auch bei Cem Özdemir, mit dem wir vor allem über den Beitritt der Türkei zur europäischen Union sprachen.
Das absolute Highlight stellten jedoch die Ausschussbesuche am Ende des Tages dar. Die TeilnehmerInnen besuchten den Industrie-, Frauen-, Entwicklungs-, und Grundfreiheitenausschuss. Wir fühlten uns wie bei einer Art Vereinte Nationen light, die Ausschussmitglieder diskutierten in über 20 Sprachen miteinander. Über Kopfhörer konnten wir uns die Redebeiträge in einer der 21 Sprachen in eine der anderen 21 Sprachen anhören, wobei die DolmetscherInnen sichtbar in Kabinen um den Ausschusssaal herum saßen und häufig wilder gestikulierten als die PolitikerInnen selbst.
Im Bus erwartete uns schon Harald. Der Ärmste hatte die ganze Zeit im Bus auf uns warten müssen, weil wir unsere Wertsachen darin liegen gelassen hatten, wie er uns mitteilte. Auf der Rückfahrt unterhielt der um optimale klimatische Bedingungen bemühte Fahrer uns mit dem Hinweis, „es ist so warm hier, weil sie ihre Taschen vor die Lüftung gelegt haben. Ich habe schon auf 16° runtergeregelt.“ Wohltemperiert verließen die TeilnehmerInnen in Köln und Duisburg den Bus. Ein interessantes „Wochenende“ nahm sein Ende.
Ein Reisebericht von Arndt Leininger und Daniel Schade.
Ich habe nicht alle verstanden, weil mein deutscht schlecht ist.
Ich suche Deutsche Freunde zu sprechen. Ich lese die Deutschen Texts. Natürlich versteh nicht ganze Text.
Hi Daniel,
wieder mal ein schöner Artikel von dir! Ärgert mich echt, dass ich die Ausschreibung für diese Fahrt verpennt habe! Habt ihr denn auch noch lustige Bildchen von eurer Reise?
lg. Michi
Nein, Fotos habe ich diesmal keine gemacht. Aber es waren einige Leute mit einer Kamera dabei, vielleicht bekommen wir ja von denen noch was zu sehen.
> dass es offensichtlich keinen Bebauungsplan gab
das ist mir in Brüssel auch aufgefallen. Die Straßen sind voller ungleich hoher Häuser, die auch nicht alle den gleichen Abstand zur Straße haben. Überall Zweistöcker neben Sechsstöckern in unterschiedlichstem Stil. Als ich das sah, fragte ich mich selbst: Und – sieht es nun so schlimm aus, dass es einen Bebauungsplan rechtfertigt (der immerhin ein gravierender Eingriff in die Freiheit des Grundstücksbesitzers ist, sein Land nach eigenem Gusto zu bebauuen)? Ich fand die Uneinheitlichkeit ungewohnt, aber nicht so störend, dass der Staat hier mit Vorschriften einschreiten sollte. Nagut, bei das Stadtbild prägenden Hochhäusern sollte die Allgemeinheit (der Stadtrat) Mitentscheiden dürfen, aber sonst? Was meint ihr? Oder gibt es noch andere Vorteile eines Bebauungsplanes, die ich aber übersehen habe?
Also ich denke, dass ursprünglich der ästhetische Aspekt den Ausschlag für einen Bebauungsplan gegeben hat und vielleicht lässt sich das historisch auch gut begründen, dass die Stabilität der Bauwerke dadurch besser ist, wenn nicht ein großes Haus neben einem kleinen steht.
Heutzutage ist es aber auf jeden Fall möglich stabile Häuser zu bauen ;-) Ich würde aber dennoch einen Vorteil des Bebauungsplan anführen (zumindest bei der Häuserhöhe). Nämlich der energetische Aspekt. Ungleich hohe Häuser vergrößern die Oberfläche, d.h. es kann auch mehr Wärme verloren gehen. Auch wenn dies wahrscheinlich nicht die Intention gewesen ist…ist die zumindest ein Vorteil.
Ich wäre aber auch dafür die Vorschriften abzuschaffen. Wer die Hundertwasser-Häuser kennt und liebt, wird schnell zustimmen, dass diese das Stadtbild attraktiver machen. Und die langweilige Einheitshäuserfront ist ja wohl von gestern.
Na vielen Dank, daß Ihr mich hier so nett bedacht habt – ich nutze die gelegenheit, auch gleich noch den Link zu meinen Stadtführungen und Vorträgen hinzuzufügen!
Es gibt seit einigen Jahren in Brüssel Bebauungspläne, auch Flächennutzungspläne und Stadtentwicklungspläne. Aber Brüssel ist erst seit 1989 eine eigenständige Region. Bis 1989 war der Zentralstaat für baugenehmigungen zuständig, und dem war egal, was aus Brüssel und den Brüsselern wurde und genehmigte deshalb so ziemlich alles, was Investoren haben wollten. Erst die Region Brüssel seit 1989 sorgt für verschärften Denkmalsschutz, für eine Kanalisierungd es Bürowildwuchses und Stadtsanierung zur Aufpäppelung heruntergekommener Stadtviertel.
Traufhöhen fand hier noch nie jemand wichtig, das hat sich auch mit den Bebaungsplänen nicht geändert. Wichtig ist, daß die massive Wohnraumszerstörung der letzten Jahrzehnte aufhört und den seit 1999 wieder zahlreicheren Einwohner anständige Wohnungen angeboten werden!