In den vergangenen Tagen übertrafen sich die Medien förmlich gegenseitig in ihrer empörten Berichterstattung über Bundespräsident Christian Wulff und seinen Umgang mit den Medien im Zuge der Affäre um seinen Privatkredit.

In der Bevölkerung verlor Wulff infolgedessen derart an Unterstützung, dass Frau Merkel sich nun schon zum zweiten Mal Vergleiche mit dem römischen Kaiser Caligula gefallen lassen muss, der seinerzeit sein Pferd zum Konsul ernannt haben soll.

Das Fernsehinterview, in welchem Wulff sich erklären wollte, sollte für ihn ein Befreiungsschlag sein – die Bürger indes überzeugte es wenig. In einer Umfrage der ARD vom nächsten Tag sprachen nur 37% der Befragten dem Bundespräsidenten „Glaubwürdigkeit“ aus, nur 31% hielten ihn für „ehrlich“. „Das war nichts“ spottete der SPIEGEL in einer Schlagzeile.

„Einer flog übers Eigenheim“, resümierte ein Blogger kopfschüttelnd, „Pump Fiction“ ein anderer, „Liebling, ich habe die Würde des Amtes geschrumpft“ legte ein dritter Herrn Wulff in den Mund.

Wie soll es nun weitergehen mit dem angeblich „angezählten“ Präsidenten? Rücktritt?

Nach Äußerungen des Präsidenten und der Bundesregierung sieht es im Moment nicht so aus.

Die schwarz-gelbe Regierung pocht darauf, dass Wulff die Debatte einfach aussitzt.

Wulff, der einräumt, Fehler begangen zu haben, sieht offensichtlich in seinem Verhalten eher kleinere moralische Schnitzer als schwerwiegendes Fehlverhalten.

Seine Falschaussage gegenüber der Grünen-Anfrage im niedersächsischen Landtag zur Herkunft seines Privatkredites begründete er mit Unsicherheit im Zuge der „aufgebrachten Stimmung“ in der „parlamentarischen Auseinandersetzung“. Seinen Drohanruf bei Bild-Chefredakteur Diekmann, in welchem er den Journalisten dazu aufforderte, die der Zeitung vorliegenden Informationen über den Privatkredit nicht in der geplanten Form zu veröffentlichen, erklärt er durch die Hilflosigkeit, die er nach eigenen Angaben bei der Vorstellung empfand „das private Dinge in die Öffentlichkeit gezogen werden“.

Es tue im Leid, er habe einen Fehler begangen. Nun ja. Das mag sein.

Aber in Ordnung bringt seine Reue die Affäre nicht. Anders als CDU-PolitikerInnen uns dieser Tage glauben zu machen versuchen, ist ein Bundespräsident, der die Pressefreiheit in unserem Land mit Füßen tritt keine Lappalie. Seine Fehler einzugestehen und Besserung zu loben ist ehrenwert,

reicht aber nicht aus um verlorene Glaubwürdigkeit wieder herzustellen, die für das Amt notwendig ist, um sich in anderen Ländern glaubhaft für Menschenrecht wie beispielsweise die Pressefreiheit einzusetzen. Die Demonstrationen der vergangenen Tage vor dem Schloss Bellevue, nachdem neben neuen Vorwürfen bezüglich der Privatkreditaffäre dem Präsidenten nun auch noch Pflichtverletzung in seinem Amt als Aufsichtsratsmitglied bei VW vorgeworfen wird, zeigen einmal mehr:

Herr Wulff kann es nicht.

Schlimmer noch als die Skandale und Skandälchen ist sein Umgang mit Ihnen – der Gipfel wurde im Fernsehinterview am 04.01. erreicht: Wir brauchen keinen Präsidenten, der bei „fünf Terminen in vier Tagen“ gegenüber der Presse ausfällig wird, und erst Recht keinen, der sich als Opfer stilisiert.

Den BürgerInnen haben kein Verständnis für Wulffs Eskapaden..

Sie fordern Konsequenzen. Nicht alle, aber zu viele. Immerhin 41% forderten in einer Umfrage der ARD am 05.01. seinen Rücktritt. Das ist eine alarmierend hohe Zahl in einem Land, in dem Würdenträger auch schon wegen unbedeutenderer Vergehen zurückgetreten sind. Nun stellt sich wie auch schon beim Rücktritt von Wullfs Vorgänger Horst Köhler die Frage nach den Ansprüchen an das Amt des/der BundespräsidentIn. Als RepräsentantIn unserer Nation sind diese hoch. KritikerInnen argumentieren nun, einenN qualifizierteN KandidatIn mit völlig reiner Weste und einem Lebenslauf aus schillernder Tugendhaftigkeit und moralischer Integrität finden zu wollen wäre illusorisch.

Die Frage ist: Können wir von unseren PolitikerInnen ein gesetzlich und moralisch einwandfreies Verhalten fordern?

Nein, wir müssenWenn unser derzeitiger Präsident den Anforderungen des Amt nicht genügt ist das kein Anlass die Messlatte niedriger zu hängen sondern eineN KandidatIn zu suchen, der/die das Amt hinreichend ausführen kann. Wenn wir aufhören moralische Ansprüche an unsere RepräsentantInnen zu stellen wird unsere Gesellschaft politisch bald Italien-ähnliche Züge annehmen, wo Politiker der Berlusconi-Riege sich eine Unverfrorenheit nach der anderen erlauben, dubiose Schulterschlüsse mit der Wirtschaft schließen, ihre Bürger belügen, und die Opposition bis vor kurzem einfach hilflos zugeschaut hat. Selbst in Frankreich wäre Artikel wie die über Herrn Wulff niemals in gleicher Form über den Präsidenten veröffentlicht worden – schon häufiger sind Redakteure geflogen, die unliebsame Berichte über Sarkozy und Konsorten verfasst hatten.

So etwas darf es in Deutschland nicht geben!

Wenn sich unser Präsident durch sein Amt finanzielle Vorzüge verschafft, das Parlament anlügt und Medienvertreter bedroht, ist das kein Allerweltsfehler, der jedem hätte passieren können – vor allem nicht für den Bundespräsidenten als Wächter der Verfassung und der Grundrechte.

Nicht diejenigen, die das Amt in Frage stellen sind die die es beschämen, sondern die es in ihrem Verhalten nicht würdevoll ausführen.

Wir als Junge Grüne weigern uns, ein derartiges Verhalten einfach hinzunehmen. Wir lassen uns nicht von CDU PolitikerInnen wie Generalsekretär Gröhe den Mund verbieten, die ein Ende der Debatte fordern, nur weil ein Rücktritt Wulffs unangenehme personelle Konsequenzen für eigene Machtkonstellationen hätte.

Die Liste der deutschen Bundespräsidenten, die Ihre Amtszeit ohne beschämende Skandale und laute Rücktrittsforderungen beendeten, ist zum Glück länger, als die Liste derer die es nicht konnten. Im Klartext: Es gibt durchaus PolitikerInnen die besser geeignet sind als Wulff, und obwohl Angela Merkel bei der Auswahl ihrer Präsidenten bislang kein geschicktes Händchen bewiesen hat, muss sie Konsequenzen aus den einmaligen Verfehlungen unseres Staatsoberhaupt gegenüber Anstand und Grundrechten ziehen und Wulffs Rücktritt herbeiführen. Denn sonst würde sie die Geste Caligulas sogar noch übertreffen, in dem sie nicht nur ein Pferd zum Konsul gemacht hätte, sondern einen Präsidenten im Amt belassen würde der sich als Schaf entpuppt hat. Als Schaf im Wulffs-Pelz.

Autoren: Felix Bohn und Paola Viehoff, Grüne Jugend Mannheim

2 Kommentare zu „„Liebling, ich habe die Würde des Amtes geschrumpft““

  • Marie Förg:

    ‘ Immerhin 41% forderten in einer Umfrage der ARD am 05.01. seinen Rücktritt.’
    Der Bundespräsident repräsentiert jeden einzelnen Bürger, weswegen er auch Sonderrechte wie zum Beispiel besonderen Rechtsschutz (Tatbestand: Verunglimpfung der Bundespräsidenten) genießt.
    In wie weit seine finanziellen Geschäfte richtig waren muss juristisch geprüft werden, aber sein Verhalten der Presse gegenüber ist unentschuldbar.
    Wenn fast die Hälfte der Bevölkerung nicht mehr von Ihm repräsentiert werden will, müsste er in meinen Augen zurücktreten, da auch seine öffentliche Entschuldigung die Meinungen in der Bevölkerung über ihn ja nicht geändert haben und ein Großteil nicht von ihm vertreten werden will.

    ‘…In Frankreich..[sind] schon häufiger Redakteure geflogen, die unliebsame Berichte über Sarkozy und Konsorten verfasst hatten…’
    Deutschland war in den letzten Jahren immer ein glänzendes Beispiel in puncto Pressefreiheit und das ist auch gut und wichtig! Nur, wenn die Bevölkerung die Möglichkeit hat sich umfassend zu informieren und sich selbst ein Bild ohne Zensur zu machen, können sie auch fundierte Entscheidungen treffen und die Lage in ihrem Land verbessern.
    Wird Kritik jedoch zensiert, fehlt den Bürgern jedoch eine wichtige Entscheidungsgrundlage!
    Natürlich sind Politiker auch nur Menschen die Fehler machen dürfen, doch sie haben auch willentlich viel Verantwortung übernommen und müssen sich ihren Wählern und Bürgern gegenüber auch rechtfertigen.
    Verlieren sie durch ihr Fehlverhalten das Vertrauen der Bevölkerung, können sie doch gar nicht mehr ihr Amt voll ausfüllen, da die Bürger ihnen nicht mehr die Vertretung ihrer Interessen zutrauen!

    Wulff macht sich in meinen Augen momentan sehr lächerlich, indem er versucht seine längst verlorene Glaubwürdigkeit aufrecht zu erhalten.
    Die Kreditangelegenheit hätte er sicherlich mit offenen und ehrlichen Auskünften innerhalb von wenigen Wochen klären können, doch sein Umgang mit der Presse hat ihm das politische Genick gebrochen!
    Er ist schon so lange im politischen Geschäft und gerade von einem Bundespräsidenten sollte man doch einen souveränen Umgang mit der Presse erwarten können!
    Er jedoch hat es geschafft sich zur Marionette von ausgerechnet der Bildzeitung zu machen!

    Lieber Christian, tu dir selbst einen Gefallen und beende diese Komödie! Vielleicht behältst du dann noch ein klein wenig Würde.

  • G.S.:

    So, dann wollen wir das doch mal neutral betrachten.

    Was wird Herrn Wulff vorgeworfen? Er hat sich bei einem langjährigen Freund seiner Familie bzw. dessen Frau Geld zu Freudschaftskonditionen geliehen zu einer Zeit zu der er vermutlich eine sicherere Anlageform war als der Aktien- oder Anleihenmarkt.

    Mir wird nicht besonders klar was daran außerordentlich verwerflich sein soll. Unser Parteivorsitzender hatte sich vor einiger Zeit Geld bei einem nicht langjährig befreundeten Lobbyisten zu sehr günstigen Konditionen geliehen und musste dafür die Konsequenzen ziehen. Das scheint heute keinen mehr zu stören.

    http://www.manager-magazin.de/unternehmen/karriere/0,2828,206839,00.html

    Die Konditionen des BW-Kredits sind günstig, aber nicht außergewöhnlich günstig. Das muss sogar die kritische Presse zugeben.

    Zitat: Kurios sind solche flexiblen Geldmarktdarlehen nicht – im Grunde stehen sie jedem offen und es gibt durchaus Banken, die sie als Standardprodukt, etwa für Handwerker und Selbständige mit unregelmäßigen Einkünften anbieten.

    Quelle: http://www.n-tv.de/ratgeber/Kein-Kunde-wie-jeder-andere-article5143956.html

    Wulff soll nur 3,62 % Zinsen zahlen und ehrlich gesagt: Ich zahle bei der Sparkasse für meinen Kredit nur 3,6% und das ohne Minsterpräsidenten oder Bundespräsidentengehalt.

    Weitehin wird ihm vorgeworfen, dass er sich vehement bei der Presse beschwert hat. Na Donnerwetter. Dass die Grüne Jugend und die BILD-Zeitung mal so gut zusammenhalten hätte ich mich nie träumen lassen. Wie würdet ihr denn reagieren, wenn ihr nicht nur in einem öffentlichen Amt seid, sondern im höchsten Amt der Bundesrepublik und eine Boulevardzeitung mit einer privaten Kreditzgeschichte euren Ruf ruinieren will? Wulff beruft sich ja sogar darauf, dass die BILD-Zeitungen mit Enthüllungen aus dem früheren Privatleben seiner Frau gedroht hat. Im Internet wird ihr zum Beispiel die Tätigkeit als Escortdame “vorgeworfen”. Unabhängig davon, ob das stimmt oder nicht, geht das frühere Privatleben der Bundespräsidentengattin niemanden etwas an. Wenn ihr auf einer Auslandsreise erfahrt, dass die BILD-Zeitung Euren Ruf und den Ruf Eurer Frau ruinieren will, würdet ihr dann in gemäßigten Ton bei der Redaktion anrufen und darauf hinweisen, dass ihr als Bundespräsident natürlich voll hinter der Pressefreiheit steht?

    Wenn ich mir anschaue, dass Herrn Wulff sogar vorgeworfen hat, er hätte für Übernachtungen bei seinen Freunden kein Geld bezahlt, muss ich zu dem Schluss kommen, dass wir offenbar keine Bundespräsidenten, sondern eine Medienkrise haben. Das ist eine Hexenjagd sondergleichen, die ich der Form noch nicht erkebt habe.

    Herr Wulff soll seinen Freund – einen Unternehmer ! – zu einer Wirtschaftsdelegationsreise mitgenommen haben bei der dieser die Reisekosten voll übernommen hat. Aha! Herr Westerwelle hat eine Bonner Künstlerin (!) auf eine diplomatische Reise mitgenommen haben, weil er es ihr irgendwann lange vor seiner Amtszeit versprochen hatte. Und Herr Westerwelle scheint das medial ganz gut überstanden zu haben.

    Der einzige Vorwurf, den man Herrn Wulff machen kann ist, dass er ein miserables Krisenmanagement hat. Nur, wenn man ansieht, wie die Medien mit ihm umgehen und aus lange bekannten Lappalien jeden Tag eine neue Skandalstory machen, muss man sich fragen, ob sein Verhalten nicht auch in diesem Punkt nachvollziehbar ist.

    Dann fallen ihm jetzt auch noch Leute wie Heinz Riesenhuber (CDU) in den Rücken, der politisch natürlich völlig unabhängig zeitweise in 19 Aufsichtsräten (!) während seiner Bundestagszeit tätig war. Lächerlich!

    Nach dem Hype um Sarrazin, der nationalsozialistische Rassenlehre in Deutschland wieder diskussionsfähig gemacht hat, ist das das zweite große Versagen der Massenmedien innerhalb kurzer Zeit. Lobenswert ausnehmen muss ich davon das Magazin “Stern” das sich erfreulicherweise sowohl von dem Sarrazin-Hype als auch von dem Wulff-Bashing in klarer Weise distanziert hat.

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