Wir leben in einer “freien” Gesellschaft – so scheint es gesellschaftlicher Konsens zu sein. Die Freiheit, das zu tun, was nicht die Freiheit der anderen einschränkt, ist es, was diese Gesellschaft ausmacht.
Diese Freiheit ist keineswegs selbstverständlich: Jahrhundertelang haben Menschen für die geringsten Fortschritte gekämpft. Doch, so wird uns immer wieder vor Augen geführt, wir sind noch längst nicht am Ende dieser politischen Auseinandersetzung.
Nun bezieht sich die Freiheit nicht nur beispielsweise auf die Meinungsäußerung oder Reisefreiheit, es geht auch um die Freiheit, den eigenen Lebenswandel bestimmen zu können, das eigene Konsumverhalten festzulegen. Gerade in diesem Punkt liegt noch so Einiges im Argen. So ist es nach wie vor der Fall, dass gewisse Drogen zum Kulturgut verklärt (Mensch denke zum Beispiel an das Oktoberfest), andere aber kriminalisiert werden. Die GRÜNE JUGEND streitet für die Freiheit auf ein selbstbestimmtes Leben und selbstbestimmten Konsum.
Für die Freiheit!
Doch wo endet diese Freiheit? Endet sie bereits da, wo ich in vollem Bewusstsein nicht das tue, was als “gesund” angesehen wird, wo ich zu fett- oder salzhaltige Nahrung zu mir nehme, wo ich rauche, mich betrinke oder gar als illegal deklarierte Drogen konsumiere? Wo ich zu wenig schlafe, keinen Sport treibe? Gibt es ein Recht auf Zerstörung des eigenen Körpers?
Selbstbestimmtes Sterben
Kontrovers wird bisweilen über das Thema „Selbsttötung“ (Suizid) diskutiert, ist es doch eine endgültige Form der Selbstzerstörung. Zum Recht auf ein selbstbestimmtes Leben gehört das Recht, den Zeitpunkt des Todes selbst zu bestimmen. Konservativ-Religiös motivierte Einwände, die Suizid für eine Sünde halten, sind kein gutes Mittel gegen dieses Phänomen und haben in einer säkularen Gesellschaft keinen Platz. Darum verbietet es sich auch, den negativ wertenden Begriff „Selbstmord“ zu verwenden.
Selbstverständlich ist der Schritt, das Leben zu beenden ein sehr drastischer, der nicht ungeschehen gemacht werden kann. Darum ist es notwendig, Menschen die an Suizid denken ernsthafte Unterstützung zu geben und nicht das Thema zu tabuisieren.
„Volksgesundheit“
Die Gesundheit des Einzelnen hat Auswirkungen auf die Gesellschaft als Ganzes. So sind Staaten seit jeher daran interessiert gesunde, also in ihrer Arbeitskraft nicht eingeschränkte BürgerInnen, zu haben. Denn gesamtgesellschaftlich gesehen, bedeutet Krankheit nicht in erster Linie körperliche Schmerzen, sondern ein Verlust an Produktivität.
Doch “Gesundheit” ist ein individueller Zustand, kein kollektives Gut. Das Ziel, ein gesundes Leben zu führen ist ein ehrenwertes, aber das ist eine persönliche Entscheidung. Wenn wir einen “gesunden” Lebenswandel vorschreiben wollten, so wäre es notwendig, dies zu überwachen und zu dokumentieren. Ein Überwachungsstaat jenseits unserer Vorstellungskraft wäre die Folge. Verbote ohne Überwachung und Strafandrohung werden nur eine begrenzte Wirkung entfalten und sind daher nicht ernsthaft in Betracht zu ziehen.
Außerdem wird an dieser Stelle gerne übersehen, dass jede Handlung ein gewisses Krankheitsrisiko in sich trägt. Ob mensch lieber Extremsportarten betreibt, Limonaden und Chips konsumierend fern sieht oder zum Joint greift, geht “die Gesellschaft” nichts an. Die Freiheit, das eigene Tun zu bestimmen und der Anspruch “Sicherheit” zu bieten widersprechen einander diametral.
Was heißt hier “gegen”?!
Es ist nicht so, dass die GRÜNE JUGEND eine “gesunde” Lebensweise grundsätzlich ablehnt, was auch immer mensch im Detail darunter verstehen möge. Gesundheit ist ein Selbstzweck, sie ermöglicht ein freies und selbstbestimmtes Leben. Dass durch sie auch eine Steigerung der Arbeitsproduktivität möglich ist, ist ein völlig nebensächlicher Effekt. Doch der Selbstzweck “Gesundheit” kann niemandem aufgedrückt werden.
Dann stellt sich die Frage, ob wir überhaupt ein solidarisches Gesundheitssystem haben möchten, so wie dies in der Bundesrepublik zumindest im Ansatz verwirklicht ist. Wäre es nicht wesentlich freier, auf den Zwang zur Krankenversicherung zu verzichten, so wie dies in den Vereinigten Staaten von Amerika der Fall ist!?
Nein, denn Solidarität ist eine grundlegende Eigenschaft einer funktionierenden Gesellschaft. Diese aufzugeben, gibt nicht dem Einzelnen mehr Freiheit, da der Grad von Freiheit, den mensch sich leisten könnte vom Wohlstand abhinge.
Versicherungspflicht: Liberal oder Sozialistisch?
In Deutschland muss mensch in einer Krankenversicherung versichert sein. Ganz im Gegensatz zum Beispiel zu den USA. Was auf den ersten Blick nach Zwang und somit gegen die Freiheit gerichtet klingen mag, ist ganz im Gegensatz ein wichtiger Garant einer gewissen Freiheit.
Wer im Wissen lebt, jederzeit ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen zu können, lebt freier, als wenn bekannt ist, dass mensch erst im Notfall eine Behandlung erstattet bekommt.
Heftige Debatten gab es in den letzten Jahren um die Pläne von Präsident Obama, der eben eine Versicherungspflicht in den USA einführen wollte. Letzten Endes scheiterte er unter Anderem am Widerstand der so genannten „Tea-Party-Bewegung“. Obama sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, er wolle die USA zu einer „sozialistischen“ Gesellschaft umformen.
“Wir wissen schon, was gut für Dich ist”
Doch auch heute haben wir diesen Kampf um die Freiheit noch nicht endgültig gewonnen. So kämpften Grün-konservative Nannys beispielsweise für Rauchverbote – in Bayern haben sie per Volksentscheid das strengste im Bundesgebiet durchgesetzt.
In diesem Fall tut sich ein weiterer Konflikt auf. Menschen, die rauchen setzen nicht nur ihre eigene Gesundheit aufs Spiel, sondern auch die ihrer Mitmenschen. Kritisch wird dies im Falle eines Abhängigkeitsverhältnisses wie es zum Beispiel in der Eltern – Kind – Beziehung gegeben ist.
Doch auch sonst entsteht an dieser Stelle ein Konflikt: Dort wo im öffentlichen Raum konsumiert wird, können unter Umständen Einschränkungen für die Freiheit anderer Menschen entstehen. Hitzig geführt wurde diese Debatte nach den Vorstößen eines Grünen Oberbürgermeisters auch innerhalb der GRÜNEN JUGEND.
Auch andere Grüne setzen sich scheinbar mit größtem Vergnügen in dieses Fettnäpfchen: In jüngerer Vergangenheit zum Beispiel die wahlkämpfende Renate Künast, die meinte, das „Recht auf Rausch“ (welches die GRÜNE JUGEND in ihr Selbstverständnis aufnahm) sei eine Forderung aus dem letzten Jahrhundert und sie kämpfe für eine drogenfreie Gesellschaft.
Aber warum möchten wir denn nicht einsehen, dass “sie”, der “Staat”, die “JugendschützerInnen”, die Nannys es nur gut mit uns meinen?
Weil wir genug haben von gut gemeinten Ratschlägen, weil das Leben aus Fehltritten und den daraus gelernten Erfahrungen besteht. Ein Leben, eingepackt in Watte mag zwar sicher wie ein Bausparvertrag sein, es wäre aber ähnlich spannend wie dem Brot beim Schimmeln zuzusehen. Wir möchten leben und uns nicht alles vorschreiben lassen.
Florian Wilhelm

[...] Freiheit gegen Volksgesundheit – Leitartikel [...]