„New Urbanism“ – ein Konzept auch für Europa?

Um die als unendlich empfundene Weite des nordamerikanischen Kontinents ranken sich viele Sehnsüchte – als ein Ort romantisierter Freiheit bietet sie die Möglichkeit physischer Entgrenzung. Insbesondere das Auto beflügelte amerikanische Städteplaner_innen, doch der erreichte Grad an Mobilität führte zu einem regelrechten Ausufern der Siedlungsgebiete. Statt egalitärem Zugang aller zu Ressourcen und den Schönheiten des Landes zergliederten sich die Metropolen und entwickelten funktional und sozial segregierte Viertel. Das Bild des Vorstadtlebens begann sich in eines von Abschottung und kultureller Isolation zu verwandeln. Ineffizienter Flächenverbrauch, das Aussterben der Kernstädte und die „gated communities“, in denen sich die Wohlhabenden mit Stacheldraht vor den Unannehmlichkeiten der Städte zu schützen versuchen, sind alles Phänomene dieses Vorgangs. Ende des 20.Jahrhunderts jedoch erhoben sich dagegen Architekt_innen, Umweltaktivist_innen und Entwicklungsplaner_innen mit dem Ziel, die Stadt wieder zu einem kohärenten Gebilde zu machen: Die Diversität menschlichen Zusammenlebens sollte zurück in die zu Büroeinheiten umfunktionierten Zentren.

Dieser selbst betitelte „New Urbanism“ kann als Reformbewegung verstanden werden, die sich, der Vision einer humanen und lebenswerten Stadtlandschaft folgend, auch von autogerechter Planung verabschiedet. Federführend waren dabei in erster Linie Vertreter_innen der weißen Mittelschicht, die sich nach einer sehr bildungsbürgerlichen Utopie von Lebensqualität sehnten. Doch abgesehen davon, und von der historisch gewachsenen Verschiedenheit, hält der New Urbanism auch für Europa Konzepte bereit, die für einen progressiven Städtebau adaptiert werden können. Zwar mag der Status Quo von urbanem Zentrum und Peripherie hier weniger dramatisch sein, doch die geistigen Monokulturen in peripheren Räumen sind ebenso existent: riesenhafte Shopping-Malls, großflächige Areale mit überdimensionierten Containern, die Bau- und „Hypermärkte“, Möbelcenter und Fast Food – Restaurants beherbergen und von asphaltierten Parkplatzwüsten umgeben werden. In den Raum zwischen diesen Konsumballungen und den Zentren wuchsen standardisierte Gebiete identischer Einfamilienhäusern hinein.

Dem New Urbanism (EURbanism in der europäischen Variante) geht es nicht unbedingt um einen festgelegten architektonischen Stil oder beständigen Neubau, sondern eher um qualitative Umstrukturierung altindustrieller Brachflächen und Methoden der Prozessbegleitung, wie das „Charrette“-Verfahren. Dieses atmet den Geist der demokratischen, dezentralisierten Stadt: Möglichst alle interessierten Bürger_innen, Regionalplaner_innen, Stadtvertreter_innen etc. werden in einem offenen Verfahren zusammen gebracht und entwerfen gemeinsam regionale Struktur- und Entwicklungskonzepte. Zugegebenermaßen sind diese Inhalte für den europäischen Städtebau nicht revolutionär neu, doch z.B. die konsequente Öffentlichkeit des Charrette- Verfahrens ist kaum institutionalisiert und oft auf kleinteilige Projekte beschränkt. Stadtvisionen werden noch zu oft in Büros und exklusiven Zirkeln ausgetüftelt, statt jene miteinzubeziehen, die letztlich in den Reißbrettentwürfen leben sollen.

Norma Tiedemann

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