Am Mittwoch wollte die Tramptour von Halle nach Erfurt. Daniel hatte uns leider schon verlassen, so liefen Sina, Magda, Karl, Simon und Lisa zu fünft zur Autobahnauffahrt und teilten sich zunächst in zwei Gruppen auf. Zu dritt standen wir dann eine Zeit lang auf einer Verkehrsinsel herum, an der kaum jemand vorbeikam. Das erste Auto, das anhielt, war ein Lieferwagen, der nur noch zwei freie Plätze hatte. Also stiegen Simon und Lisa ein und ließen Sina zunächst allein zurück. Der Lieferwagen entpuppte sich als ein Transporter für altes Frittierfett. „Ich fahre Fett durch die Gegend“, erzählte uns der Fahrer fröhlich, „und dann trenne ich das zu Hause in festes und flüssiges Fett. Das feste kommt in die Heizung und das flüssige in den Tank.“ Er strahlte uns an. „Und nächstes Jahr kommen Yoghurtbecher dazu. Die vergase ich dann, um Energie zu erzeugen. Aber die Maschine dafür muss ich noch bauen, bisher klappt es nur im Reagenzglas.“
Leider musste der Frittierfettfahrer nicht Richtung Erfurt, deshalb schmiss er uns auf dem Standstreifen vor der Abfahrt raus. Durch ein Telefonat mit Sina erfuhren wir, dass sie uns inszwischen überholt hatte kurz vorher auf demselben Standstreifen angekommen war, wo sie nach fünf Minuten schon wieder mitgenommen wurde. Hoffnungsvoll hielten wir den vorbeirasenden Fahrzeugen unser Schild entgegen. Manche hupten uns an, manche fuhren uns fast die Zehenspitzen ab. Mitnehmen wollte uns keine_r. Nach über einer Stunde kam endlich ein Auto, das bei unserem Anblick langsamer wurde und hielt. Dummerweise hatte es ein Blaulicht auf dem Dach. Heraus stiegen zwei Autobahnpolizisten. „Seid ihr verrückt“, brüllte der eine, „mitten auf der Autobahn!“ – „Einsteigen!“, befahl der andere. Sie packten unsere Rucksäcke in den Kofferraum und uns auf den Rücksitz.
“Eigentlich ist das eine Ordnungswidrigkeit“, sagte Polizist Nummer Eins. „Kostet Bußgeld, geht bei 500 Euro pro Person los.“ 500 Euro, das ist das Budget der gesamten Tramptour.„Es ist scheißgefährlich, auf dem Standstreifen zu stehen“, sagte Polizist Nummer Zwei. „Ihr habt Glück, dass wir das früher auch mal gemacht haben.“ Statt unsere Personalien aufzunehmen und uns in den finanziellen Ruin zu stürzen, fuhren sie uns bis zu einem Autohof in Leipzig und wünschten uns eine gute Reise. Dann widmeten sie sich dem Rentner_innenpärchen, das direkt vor ihnen falsch abgebogen war.
Nachdem wir uns bei einer Tafel Schokolade von dem Schrecken erholt hatten, versuchten wir, jemanden zu finden, der/ die uns auf die A9 Richtung München mitnehmen konnte. Leider waren fast alle in die entgegengesetzte Richtung unterwegs. Als Sina bereits in Erfurt angekommen war, saßen wir noch immer in Leipzig. Nach zwei Stunden stießen wir endlich auf eine junge Mutter, mit der wir bis zur nächsten Autobahnraststätte fahren konnten. Als wir uns in ihr Auto quetschten, wurden wir von zwei anderen Tramper_innen abgelöst – zwei Leuten aus der Schweiz, die ebenfalls nach Erfurt wollten. Wir wünschten ihnen Glück und waren froh, endlich weg zu sein.
Nach zwei weiteren Umsteigeaktionen auf Autobahnraststätten, eine Stunde Wartezeit inbegriffen, erreichten wir abends um sieben den Stadtrand von Erfurt. Karl, Madga und Sina hatten dort schon den ganzen Nachmittag mit der Grünen Jugend Erfurt im Garten gesessen und Banner gemalt. Doch zum Abendessen kamen wir noch pünktlich.
Insgesamt waren Simon und Lisa damit neun Stunden unterwegs auf einer Strecke von 160 Kilometern. Fazit des Tages: Wenn mensch ausreichend Pech hat, ist es möglich, beim Trampen langsamer zu sein als mit dem Fahrrad. Und: Not All Cops Are Bastards!*
* Fußnote: Wer sich über den Artikel von Katja Weiden im letzten SPUNK aufgeregt hat, darf diese Überschrift als Gegendarstellung begreifen ;-)

Ah, die brüllenden und befehlenden Bullen sind also gar keine Schweine, weil sie euch an einen Autohof(!) verfrachten, nachdem ihr an einer noch blöderen Stelle gestanden habt?
Ihr seid ja leicht zu beeindrucken.
Es wäre toll, wenn diese Artikel genau so im nächten Spunk erscheinen könnte.