Wir sitzen gerade im Naturzentrum Wolfsburg, bewundern die liebevoll einlaminierten Plakate, die von den Erfolgen der Wolfsburger “Heckengruppe” (grinsende Leute mit weißen Haaren) künden, und essen Reis mit Gemüse, als plötzlich einer der Heckengruppensenioren vor uns steht. Sofort fängt er an zu nörgeln, was wir denn hier zu suchen hätten. “Euer Grüne-Jugend-Treffen ist doch dienstags! Da könnt ihr nicht einfach so montags kommen, wir haben gleich eine außerordentliche Sitzung hier!” Als er unsere Rucksäcke entdeckt, steigert sich sein Redeanfall zur Schimpftirade. “Was fällt euch ein, einfach so mit Übernachtungssachen hier anzurücken! Und am Schreibtisch habt ihr auch gesessen, aber das ist unser Schreibtisch, das hab ich euch doch schon zigmal gesagt!”
Sina erklärt ihm, dass wir gar nicht aus Wolfsburg kommen, dass wir gerade eine Tramptour machen und lediglich von der GJ Wolfsburg den Schlüssel und die Erlaubnis erhalten haben, hier zu übernachten. Nach dem dritten Anlauf dringt diese Erkenntnis zu ihm durch. Nach einer halben Stunde und etlichen weiteren Beschwerden (“Und euren Müll solltet ihr auch wegräumen!”) sagt er: “Hm, ihr könnt ja gar nichts für die Situation, ihr habt einfach Pech, dass ihr ohne Absprache hier reingelassen wurdet. Aber ich würde euch bitten, das Haus jetzt zu verlassen.” Sobald wir anfangen zu packen, bessert sich seine Laune. Und als wir schließlich mit Sack und Pack wieder auf der Straße stehen, ist er richtig freundlich: “Ihr seid hier jederzeit willkommen!” Danke, das haben wir gemerkt.

Zum Glück dürfen wir dann ersatzweise bei den Eltern von Nils von der GJ Wolfsburg schlafen, was sich als sehr viel komfortabler herausstellt. Abends fahren wir auf ein Zeltlager mit 5.000 evangelischen Pfadfinder_innen, das gerade am Stadtrand auf einem riesigen Acker stattfindet. Karl, Sina, Magda, Dani und Simon sind fasziniert von der Infrastruktur, den uniformähnlichen Hemden und den gigantischen schwarzen Zelten. Lisa hat in ihrer Jugend selbst viele Wochen auf katholischen Pfadfinder_innenlagern verbracht. Daher weiß sie, dass die Hemden Kluft heißen, die großen Zelte Jurten und die kleinen Koten, und fasziniert ist sie nur von der Faszination der anderen. Nach einigen netten Unterhaltungen und einer vergeblichen Suche nach Daniel Völkoi von der Grünen Jugend Hamburg, der auf dem Camp bekanntermaßen anwesend, aber unauffindbar ist, fahren wir mit dem letzten Bus zurück in die Stadt.

Nachts kleben wir bei einer namhaften Discountkette unsere tollen “Arbeitsstandards? Nein danke!”-Sticker auf die Schiebestangen der Einkaufswagen. Auf dem Rückweg werden wir vom Regen überrascht, flüchten in einen Pavillon auf der Wiese vor einem Altenheim. Weil Lisa um Mitternacht 22 Jahre alt wird, haben wir Wein dabei, also trinken wir zwei Flaschen Wein, haben Spaß und warten, bis der Regen nachlässt.

1 Kommentar zu „Stadt der Karnickel“