Auch hier gilt die Devise, dass nicht nur die Politik verändert werden muss, sondern die Menschen müssen sich ändern (siehe dazu auch meinen letzten Blog). Ökonomisch gesehen schaffen Autos Externalitäten (= Dreck) welche durch Gesetze, Regulierungen oder Steuern internalisiert (= eingepreist) werden müssen. Das ist rational. Doch statt wie Commander Spock agieren die Menschen eher wie Homer Simpson – so zumindest das Beispiel. Die Menschen müssen also nicht nur mit rationalen Argumenten überredet werden, sondern das „framing“ (wie etwas dargestellt wird) ist wichtig. „Carfree by social marketing“ also. Wieder wird Freiburg als Beispiel bemüht. Hier wurden autofreie Straßen als sozialer Raum beworben und das Leben in solch einer Straße (ohne Parkplatz vor der Tür!) wird als Privileg gesehen. Dafür geht mensch auch mal gerne ein wenig weiter zum Auto bzw. vielleicht auch lieber zur Haltestelle.
Menschen haben aber Pflichten (v.a. gegenüber anderen Menschen) welche Grund für ihre Mobilität ist. Wer fährt sonst nachts noch zu Oma wenn es ihr nicht gut geht? Menschen haben auch Möglichkeiten und es ist (bisher) ihr Recht, diese zu nutzen. Das Auto bietet hier sehr große Anreize. So meinte ein Herr zu uns Aktivist_innen: „It is the only place where I don’t have to listen to my wife, where I can hear country music and smoke.“ Es wird ein langer Kampf um die Köpfe…
Aber auch im WCN muss noch Arbeit gemacht werden – es sind halt auch nur normale Menschen die hier sitzen. So kam es beispielsweise beim Open Space zu (kleinen) Diskussionrunden zu Gender und Gentrifizierung. Es ist ja klar, dass wir auch mehr Frauen auf Rädern sehen wollen (70% der Menschen im ÖPNV sind Frauen, 70% im Auto Männer), aber diese müssen auch in die Planung des Verkehrswesens einbezogen werden und die Entscheidungen mit fällen. Frauen wollen aber (angeblich) eher Sicherheit statt Geschwindigkeit beim Fahren – meint Ian. Ian kommt aus Schweden und bringt dort schwed. Frauen bei, wie diese dort Frauen mit Migrationshintergrund das Fahrradfahren beibringen. Da gibt es wirklich Bedarf! Er erzählt, dass es diesen Frauen v.a. auf die physische Trennung von Rad- und Autospuren ankommt. Insofern wäre Berlin ganz attraktiv mit den vielen Wegen auf den Bürgersteigen. Sollten diese auf die Straßen verlegt werden, muss das dringend mit einer starken Geschwindigkeitsbegrenzung einhergehen. Frauen sind übrigens statistisch auch leider öfter Opfer von Auto-Rad-Unfällen. Zudem ist das zum Großteil auch eine Statusfrage. Männer haben halt einfach den größeren und müssen das immer wieder unter Beweis stellen.
Die in Berlin heiß diskutierte Problematik der selektiven Stadtaufwertung und damit einhergehende Verdrängung einkommensschwacherer Gruppen finden viele hier nicht so spannend. Aber für einige Gruppen unserer Gesellschaften ist die Gefahr für das eigene Leben(sgefühl) durch Gentrifizierung vielleicht sogar höher als durch Verkehr? Der WS kam überein, dass Gentrifizierung ja auch Ausdruck einer Knappheit an schönen Wohnumfeld ist, deshalb ist eine Lösung natürlich nicht nur eine, sondern ganz viele Straßen Autofrei zu machen. So einfach ist es aber natürlich nicht, daher wäre ein Ansatz, nicht die schicken kleinen Gassen in Neukölln und St.Pauli noch mehr von Autos zu säubern, sondern auch mal in Marzahn oder Gelsenkirchen (alles nur ad hoc Beispiele!) ein Kiez Autofrei zu machen. Natürlich muss den Leuten kommuniziert werden, dass mensch ihnen nicht den Rest noch wegnehmen will sondern ihnen etwas geben will: Ruhe, Frieden, Sicherheit und eine neue Bushaltestelle sowie evtl. relativ preiswerte Parkplätze in Fahrradentfernung. Zudem ist es ja auch nötig, die Gegenden zu identifizieren, in denen Gentrifizierung gerade vonstatten geht (wie das Schanzenviertel in Hamburg, oder das Schillerkiez in Berlin) und dort dann vielleicht nicht die gesamte Energie zur Errichtung einer netten Fußgänger_innenzone hinlegen. Hier wären sogar Allianzen mit lokalen Anti-Gentri-Gruppen denkbar. Gemeinsam gegen Autos, sozusagen. Doch so weit gehen die WCNler_innen nicht, noch nicht.

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