Wer gerne Auto fährt könnte hier leicht als Psychopath beschimpft werden – jedenfalls habe ich das aus dem Yorkshirer-Akzent an den ersten Tagen verstanden. Erst heute dämmerte es dann, dass statt „psychopaths“ eigentlich „cycle paths“ gemeint waren. Passend dazu hat eine Frau von der Ecotopia-BikeTour einen Aufnäher (Ökoversion von Aufkleber) mit „Make bike not cars“ an ihrem Hemd. Autos sind also, bei allen Mißverständnissen dennoch die Tod-bringer der Gesellschaft: Tod für den öffentlichen Raum, Tod für das Kind unter dem Hinterrad, Tod für die Atmosphäre usw. Passend bemerkte ein Teilnehmer gestern: „we don’t need to start wars, we just have to drive cars into each other.“
Heute morgen hat dann der Wissenschaftler James Woodcock aus London einen Vortrag zu den Gesundheitseffekten von Autoarmen und -freien Städten vorgestellt. Seine Heimatstadt möchte auch bis 2030 ganze 60% der CO2-Emissionen pro Kopf im Verkehrssektor einsparen. Doch nur auf die Emissionen zu achten (bei aller angebrachten „Climate awareness“) malt nicht das komplette Bild aus. Es sind v.a. die zusätzliche physische Anstrengung die unternommen werden würden, wenn die Leute nicht mehr Auto fahren, die sich positiv auf die Gesundheit auswirken. Marginal sind dagegen die „gewonnenen Lebensstunden“ durch weniger Unfälle und bessere Luft – so jedenfalls Woodcocks Modell.
Er schaute aber auch über den westlichen Horizont hinaus: In Delhi, wo alle Prognosen einen ekelhaften Anstieg des motorisierten Individualverkehrs vorgeben, liegen die Gesundheits-Gewinne bei einer Vermeidung dieses Anstieges, also einer Verschiebung des „modal shift“ (Aufteilung der Anteile von Auto, ÖPNV, Rad usw.) eher in der sauberen Luft und weniger Unfällen – beides ist schon jetzt unerträglich dreckig/hoch.
Interessant sind auch die Statistiken, welche er bereit hält.
Ab einer gewissen Anzahl von Autos sinken die Opferzahlen wieder (vielleicht weil dann nur noch Stau ist?) und somit würde in der Theorie eine nur leichte Reduzierung des Fahrzeugbestandes zu einem Anstieg an Opfern führen. Führ Fahrräder gilt: weniger Räder bedeuten ein größeres Einzelrisiko bei wenig Unfällen und viele Räder bedeuten ein geringes Risiko bei dennoch relativ mehr Unfällen. Doch auch hier kann mit Erreichen einer kritischen Masse auch die absolute Anzahl an Opfern sinken. Die ersten werden also die totesten sein – sterben für die Autofreiheit! Oder? Jedenfalls fühle ich mich so avantgardistisch auf Neuköllns Straßen manchmal. Kommt dazu und macht mit (aber nur mit Helm!) Für Fußgänger_innen gilt die Daumenregel: egal wie viele Autos rumfahren, das Risiko zu verunglücken ist statistisch immer hoch. Neuer Slogan sollte also sein: „Until all streets are free.“ oder „Bis nur noch einer steht.“
Zudem zeigt Woodcock, dass wir alle mehr Zeit mitbringen müssen. In einer komplett Autofreien Welt (wo es nur unsere Füße und einige Pedale gibt) steigt die durchschnittliche Zeit unterwegs in London beispielsweise von 55min auf 207min. Wenn wir noch einige Busse erlauben (und diese dann auch 50% der Fortbewegung ausmachen), steigt die Zeit auf 151min. Ich vermute allerdings, dass Woodcock vergessen hat, dass die berühmten Doppeldecker dann nicht mehr in den durch Autos verursachten berühmten Staus stecken würden.

Um ein wenig die Weltsicht der meisten Leute hier bei der TCC-IX sehen wollt, müsst ihr mal zu den Ökos in der GJ kommen (zum tollen FaFo-Öko zum Beispiel!!!) oder einfach diesen Film schauen.

Das Rad
Ergo: Die Natur wird vielleicht überleben, aber die menschliche Gesundheit wird total untergraben.

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