Autorin: Lisa Bendiek
Wer sich fragt, warum nach all den PISA-Studien, UN-Rüffeln und erziehungswissenschaftlichen Forschungsergebnissen das deutsche Schulsystem noch immer die Ständegesellschaft vergangener Jahrhunderte reproduziert, kann in Hamburg momentan Antworten finden. Hier tobt seit Monaten der Kampf um längeres gemeinsames Lernen, auf Plakatwänden, in Regionalzeitungen, auf der Straße und auf youtube.
Angefangen hat alles mit den Reformplänen der Hamburger Grün-Alternativen Liste (GAL). In den Wahlkampf gegangen war die GAL noch mit dem Ziel, neun Jahre gemeinsames Lernen in einer Schule für alle zu ermöglichen; von der Koalitionspartnerin CDU ließ sie sich auf sechs Jahre und den Fortbestand der Gymnasien herunterhandeln. Das aktuelle Schulreformkonzept des Senats sieht vor, dass die Grundschule in eine Primarschule umgewandelt wird, in der alle Kinder sechs Jahre lang zusammen lernen. Anschließend treffen die Eltern basierend auf einer Empfehlung der Lehrkräfte die Entscheidung, ob ihr Kind ab der siebten Klasse ein Gymnasium besucht, in dem nach sechs weiteren Schuljahren das Abitur ansteht, oder eine Stadtteilschule, die alle Abschlüsse anbietet – das Abitur allerdings erst nach sieben weiteren Jahren. Damit bekämen alle Kinder eine bessere Chance auf eine Hochschulzugangsberechtigung. Andererseits wäre es den Besserverdienenden nach wie vor möglich, ihre Sprösslinge auf Gymnasien zu isolieren. Und auch wenn zukünftig viele Jugendliche an Stadtteilschulen ihr Abi machen, könnten die Gymnasiast_innen auf dem Arbeitsmarkt Vorteile haben, weil sie schneller fertig sind.
In Hamburg ist das vielen trotzdem nicht genug soziale Selektion. Unter dem von einer Werbeagenter entwickelten Namen „Wir wollen lernen“ hat sich um den Anwalt Walter Scheuerl, der ansonsten vor allem durch Abmahnungen von Tierschutzgruppen auffällt, eine Bürgerinitiative gegründet. Im Rahmen eines Volksbegehrens sammelte diese 182.122 Unterschriften gegen die Schulreform. Wie Recherchen des ARD-Magazins „Panorama“ ergaben, hat „Wir wollen lernen“ dafür Studierende zum Unterschriftensammeln rekrutiert und ihnen einen Euro pro Unterschrift gezahlt. Außerdem erhielt die Bürgerinitiative vielerorts privilegierten Zugang zu Einkaufszentren und Hotels, um dort auf Unterschriftenjagd zu gehen, während Vertreter_innen der Gegenbündnisse draußen bleiben mussten.
Bis zum 18. Juli steht nun ein Volksentscheid über die Schulreform an, dessen Ergebnis rechtlich verbindlich ist und darüber entscheidet, ob in Hamburg die Primarschule kommt. Alle in der Bürgerschaft vertretenen Parteien – die schwarz-grüne Regierung sowie SPD und Linkspartei in der Opposition – und ihre Jugendorganistionen machen sich für die Reformpläne stark. Selbst die CDU plakatiert die Straßen mit Werbung für längeres gemeinsames Lernen. Dagegen sind lediglich „Wir wollen lernen“ und die außerparlamentarische FDP.
Während die FDP sich größtenteils auf Plakate mit Sprüchen wie „Keine Axt an die Gymnasien“ und „Jedes Kind ist anders – warum also ein starres Schulsystem?“ (Ja, liebe FDP, das fragen wir uns ja auch – geht das nicht auf eure Kappe?) beschränkt, rotieren die Vertreter_innen von „Wir wollen lernen“ durch ihre Anwaltskanzleien und das Internet. Auf der Homepage der Initiative erklärt ein Werbevideo: „Mit dem Nein gegen die Bürgerschaft verhelfen Sie Hamburgs Kindern zu individueller Förderung, viel Wissen und Kreativität. Und Sie verhindern die Verschwendung von Steuergeldern.“ Eine der größten Sorgen des Hamburger Bildungsbürgertums, staatliche Geldverschwendung, wird somit zielgenau adressiert.
Außerdem finden sich dort eine Reihe von „guten Gründen“ gegen die Schulreform. Das liest sich dann so: „Die Hamburger Gymnasien leisten in den Klassen 5 und 6 eine hervorragende Arbeit. Angesichts der Schulzeitverkürzung auf 12 Schuljahre (G8) und dem laufenden Reformprozess ist es gar nicht denkbar, erst in der 7. Klasse anzufangen, den entsprechenden Stoff auf entsprechendem Niveau zu vermitteln.“ Oder: „Die Gymnasien benötigen die Klassenstufen 5 und 6, um auch den Kindern, die schneller lernen können und wollen, sinnvolle Bildung anzubieten!“ Weiterhin sorgt sich „Wir wollen lernen“ darum, dass Gymnasien mit humanistischem, bilingualem oder musischem Profil möglicherweise Nachteile entstehen, wenn sie die Kinder erst zwei Jahre später aufnehmen. Schrecklich wäre es ja, wenn der Nachwuchs nicht mehr im Alter von zehn Jahren Latein lernen könnte!
Das interessanteste Argument ist jedoch folgendes: „Für das Primarschul-Modell von Senatorin Goetsch ist der Slogan ‘Länger gemeinsam lernen’ ein Etikettenschwindel. Denn tatsächlich würde die Zeit des gemeinsamen Lernens der Schülerinnen und Schüler von bisher 8 Jahren auf 6 Jahre (Klasse 7 – 12) verkürzt!“ Diese Aussage macht gut deutlich, dass für das Klientel von „Wir wollen lernen“ die Gesamtbevölkerung nicht zu denen zählt, mit denen ihre Kinder lernen sollten. Schüler_innen, denen keine akademische Karriere bevorsteht, fallen in dieser Weltsicht überhaupt nicht mehr unter das Etikett „gemeinsam“. Bezugsgruppe sind ausschließlich die selbsternannte Bildungselite und ihr Nachwuchs.
In der Argumentation der Bürgerinitiative geht es fast ausschließlich darum, diese Bevölkerungsgruppe vor dem Schwund ihrer Privilegien zu schützen. Andere Gruppen werden nur am Rande erwähnt. „Wir wollen lernen“ will den Eindruck erwecken, bildungspolitische Refomen sollten sich ausschließlich an den Bedürfnissen derer orientieren, die sowieso schon reich und formell gebildet sind.
Eine Satiregruppe hat diese Haltung im Rahmen des Bildungsstreiks auf den Punkt gebracht. Unter dem Titel „Der Bildungsadel – Herkunft muss sich wieder lohnen!“ veranstaltete sie in vornehmer Kleidung zahlreiche Aktionen und Kundgebungen. Uns bleibt die Hoffnung, dass die Mehrheit der wahlberechtigten Hamburger_innen bis zum 18. Juli den Volksentscheid nutzen wird, um dem Bildungsadel ein paar Zacken aus der Krone zu brechen.
Linktipps:
Panorama-Beitrag zum Volksbegehren über die Schulreform vom Februar 2010:
http://daserste.ndr.de/panorama/media/panorama408.html
Youtube-Video von einer Bildungsadel-Satireaktion auf dem Rathausmarkt: http://www.youtube.com/watch?v=nQKiHbph8Zc
Kurztext von „Bildungsadel – Herkunft muss sich wieder lohnen“:
http://www.hh-heute.de/herkunft-muss-sich-wieder-lohnen/
Wirklch sehr informativ! Werde aufjedenfall wieder kommen. Danke fuer den Beitrag.
Gruss
Andres