Am 19. November 2009 ernannte Bundesgesundheitsminister Dr. Philipp Roesler die Abgeordnete Mechthild Dyckmans (beide FDP) zur Drogenbeauftragten. Viele dachten nach der Moralapostelin der Nation, Sabine Bätzing, kann es nur noch besser werden ebenso bestand die Hoffnung innerhalb der FDP könnte sich eine Liberale finden, der Eigenverantwortung und Wahlversprechen zu Cannabis als Medizin wichtig sind. Nun sind 100 Tage vergangen und… ja, was eigentlich? Nicht viel wäre noch euphemistisch.

Einzig im Bereich Alkoholpolitik war Dyckmans zu hören, mit dem FDP üblichen wirtschaftliberalen Mantra: Selbstverpflichtung des Handels, keine verschärften Gesetze – verkündet wird so was im besten Mövenpickstil auf einer Pressekonferenz des Bundesverbandes der Deutschen Spirituosen-Industrie und -Importeure (BSI). Nachdem Dyckmans bei der Abstimmung um die Diamorphinabgabe in der letzten Legislaturperiode eine der beiden zwei FDP Bundestagsabgeordnete war, die nicht dafür stimmte, besuchte sie nun einmal brav Frankfurt und nickte die bestehende Regierungspolitik ab… Man kann über ihre Vorgängerin Bätzing ja sagen was man will, aber hier war selbst die SPDlerin progressiver und engagierter.

Abgeordnetenwatch is watching Dyckmans

Beim Onlineportal Abgeordnetenwatch wurden Dyckmans zahlreiche Fragen gestellt und ihr Gelegenheit gegeben ihre realtiätverzerrten Ansichten zu verbreiten: Bei Fragen zu einer möglichen Cannabislegalisierung unterstellt sie den Fragestellerinnen pauschal sie würden die Droge verharmlosen: “[...] und Sie darüber informiert, dass die oft behauptete völlige Unbedenklichkeit des Cannabiskonsums nicht den vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnissen entspricht.” Eine Kriminalisierung von Kiffern sei auch kaum vorhanden, denn “der weitaus größte Teil der Verfahren gegen Cannabiskonsumenten wird entsprechend dieser Vorschrift eingestellt, wenn die genannten Voraussetzungen zutreffen.” Führerscheinentzug bei Cannabiskonsumentinnen? Da gibt’s doch schon Urteile dagegen.. Ja, aber die werden nicht umgesetzt, Frau Juristin!

Ferner kämpft sie wacker für “wirkungsvolle und qualitätsgesicherte [Cannabis-]Arzneimittel [...], die nicht die ”’unerwünschte Rauschwirkung”’ hervorrufen”, natürlich von der Pharmaindustrie und nicht aus dem eigenen Garten, den “vor einem Selbstanbau von Cannabis zur Selbsttherapie kann ich nur warnen. Wer Cannabis selbst anbaut, setzt sich dem Risiko einer Strafverfolgung aus.”. Der Cannabisrausch ist für sie etwas gar Gruseliges, denn “eine Cannabisintoxikation führt nach anfänglicher Euphorie zu Müdigkeit, motorischen Störungen, beeinträchtigt Konzentration, Reaktionszeit und Gedächtnis, Wahrnehmungsstörungen, Gleichgültigkeit, Panikreaktionen, manchmal auch zu psychotischen Reaktionen, Verwirrtheit, Gedächtnisverlust und Halluzinationen.” Die Millionen Kiffer Deutschlands sind also in Wirklichkeit panikattackengeplagte Zombies, von Euphorie keine Spur… bei mir auch nicht, aber nur im Bezug auf die Drogenbeauftragte.

Zu den hohen Kosten einer Behandlung mit natürlichem Cannabis aus der Apotheke erklärt die Parteikollegin Westerwelles lapidar: “Da Cannabinoide in Deutschland nicht als Medikament zugelassen sind, besteht grundsätzlich auch keine Verpflichtung der Krankenkassen, für die Behandlungskosten mit Cannabinoiden aufzukommen. Wenn Sie sich die Behandlungskosten nicht leisten können, haben Sie leider nur die Möglichkeit, mit Ihrem behandelnden Arzt zusammen nach Therapiealternativen mit zugelassenen Medikamenten zu suchen.” – So sieht die Umsetzung des Wahlversprechens “Außerdem setzen sich die Liberalen dafür ein, Cannabis in der medizinischen Verwendung zur Schmerzlinderung zuzulassen.” in der Realität aus!

Diagnose: Merkbefreit

Merkbefreit immer heiter weiter, heißt die Devise, egal ob da Professoren vom Schildower Kreis, einem Netzwerk von Experten aus Wissenschaft und Praxis im Bereich Drogen, erklären dass es “notwendig ist, Schaden und Nutzen der Drogenpolitik ideologiefrei wissenschaftlich zu überprüfen.” oder ein Polizeipräsident die Entkriminalisierung von Cannabiskonsumenten fordert – von den zahlreichen Ereignissen im Ausland einmal ganz abgesehen. In der Schweiz hat die Politik keine Lust mehr auf Strafverfolgung von Kifferinnen, die tschechische Regierung entkriminalisiert den Besitz von zahlreichen Drogen sowie den Anbau von Cannabis und Zauberpilzen und wird als die neuen Niederlande gefeiert, in den USA befürwortet eine Mehrheit der Amerikaner die Legalisierung von Cannabis, in Seattle lässt ein neu gewählter Staatsanwalt die Verfolgung von Cannabisbesitzern ganz sein, in Kalifornien stimmt der Parlamentsausschuss für öffentliche Sicherheit gar dem Antrag AB390 zu, der vorsieht Cannabis für Erwachsene zu legalisieren und zu besteuern.

Während Deutschland in anderen Bereichen den Anspruch hat in der internationalen Politik global mitzuwirken, ist im Bereich internationale Drogenpolitik ebenfalls nichts zu hören. In Mexiko tobt einer brutaler Drogenkrieg, die Opiumfrage bleibt trotz ihrer enormen Bedeutung für Afghanistan unbeantwortet und die europäische & globale Reformstimmung, die echte Änderungen in der Drogenpolitik – und sei es nur Entkriminaliserung & Harm Reduction weltweit – möglich machen könnte, zieht an der deutschen Regierung vorbei.

Der Status Quo = Verfolgung & Leid & Tod

Das wäre ja alles nicht so schlimm, würden nicht Menschen wegen der Untätigkeit der Drogenbeauftragten leiden, schwerste Verletzungen erledigen oder gar sterben. Stichwort Gestrecktes Cannabis “In einigen Regionen gibt es kaum noch sauberes Marihuana. Millionen Deutsche rauchen Kunststoff, Zucker und Schlimmeres”. schreibt der Deutsche Hanfverband, oder Cannabis als Medizin: “Die generelle Situation ist aber weiterhin dramatisch, so Dr. Franjo Grotenhermen, Vorsitzender der “Arbeitsgemeinschaft Cannabis als Medizin” (ACM). Ferner geht die Kriminalisierung von Ärzten, die Methadon abgegeben, weiter und der Erfolg der Heroinabgabe wird noch immer durch restriktive Regelungen gehemmt, die Suchtprävention und Drogenarbeit wird bundesweit kaputt gespart und beim Thema problematischer Alkoholkonsum ist auch nichts substanziell neues zu hören. #100tage #dyckmans #fail

Kommentare:

aXXL am Samstag, 27. Februar 2010 um 9:14 #

Das hast Du sehr zutreffend auf den Punkt gebracht. Man kann aus Betroffenensicht sagen, dass Mechthilds erste 100 Tage für Drogengebraucher und Regulierungsverfechter vergleichsweise ebenso unergiebig gewesen sind wie die letzten 100 Tage des legendären Eduard “Schoppen-Ede” Lintner.

Drogenpolitischer Stillstand in der Republik. Oder doch schon Rückschritt?

Von einer an Verbesserung/Veränderung der Situation interessierten Juristin hätte man erwarten dürfen, dass sie sich frühzeitig mit Dr. Harald Hans Körner und/oder mit Prof. Böllinger, die beide profunde Kenner der Betäubungsmittelgesetzgebung und der damit einhergehenden negativen Auswirkungen sind, an einen Tisch setzt.
Aber von Verbesserung der Verhältnisse scheint Madame Dyckmans nicht sonderlich angetan zu sein. Womöglich liegt ihr das Verurteilen, Abstrafen, Aussondern und Sozialschaden-Anrichten zu sehr im Blut. Bestärkt durch Westerwelles Hartz-IV-Statements und bestätigt durch Röslers Unfähigkeit das Gesundheitswesen zu sanieren.

Unmittelbar von einer solch rückwärts orientierten Drogen- und Gesundheitspolitik Betroffenen bleibt nur die Hoffnung auf einen schnellstmöglichen Niedergang der FDP.
Und auf ein Erstarken von LINKEn und GRÜNEn, damit vielleicht andere Juristen – z.B. Nescovic oder Ströbele – als Bundesdrogenbeauftragte den Job irgendwann mal (sehr viel) besser machen…

Mari Jo am Samstag, 27. Februar 2010 um 11:28 #

Besser als Max hätte ich diesen Kommentar kaum schreiben können, (wenngleich ich ein paar Kommas mehr gesetzt hätte…*grins*) aber was uns die FDP innerhalb ihrer bisherigen Amtszeit vorsetzt, dürfte in der Haltung von Mechthilf Dyckmans lediglich einen Spiegel haben.

Dieser Spiegel zeigt das typische Oppositionsdesaster, in welchem vollmundige Ankündigungen angesichts realer Bedarfsmomente zu kleinkarierten Auswürfen mutieren, sobald Rückgrat und Handlungsinitiative gefragt sind.

Dass eben die beiden letzteren Anforderungen bei den vor der Wahl noch so euphorischen FDPlern vollkommen auf der Strecke bleiben, hätte eigentlich klar sein müssen – denn der verheuchelten Drogenpolitik ewig Gestriger waren zu ihrer Amtszeit nicht mal die GRÜNEN gewachsen…!!

Solange auch der Großteil unserer Bevölkerung durch Mechthild D.’s öffentlich vorgetragene Falschaussagen in der Cannabisfrage in seinen Vorurteilen Bestärkung findet, können Schwerstkranke und Opfer der Strafjustiz wohl kaum auf ein Umdenken (Um-Lenken!) oder Erleichterung in ihren schwierigen Lebenslagen hoffen. Stigmatisierung, menschliches Elend und verbaute Berufslaufbahnen werden weiterhin die Folge einer solchen Lügenpolitik sein.

leslie am Dienstag, 2. März 2010 um 8:39 #

Mal zu dem gestreckten Cannabis.

Vorallem das mit Blei gestreckte.

Das war der Staat,denn kein Dealer ist so blöd…

http://www.slate.com/id/2245188

Ihr sollt Angst haben.

Mit Eigenanbau passiert sowas jedenfalls nicht.

Mlg

[...] und beim Thema problematischer Alkoholkonsum ist auch nichts substanziell neues zu hören. ” (Link) Tags: Drogenpolitik, [...]

hanfsamen am Samstag, 6. März 2010 um 20:33 #

guter beitrag, super artikel

[...] member of the Executive Committee of GRÜNE JUGEND. You can find the original article (in German) here. Share and [...]

buster am Dienstag, 9. März 2010 um 14:04 #

@leslie
Mal zu dem gestreckten Cannabis.
Vorallem das mit Blei gestreckte.
Das war der Staat,denn kein Dealer ist so blöd…
http://www.slate.com/id/2245188
Ihr sollt Angst haben.
Mit Eigenanbau passiert sowas jedenfalls nicht.
Mlg

nee mit eigenanbau kriegste nur 1.5Jahre Knast auf 3 jahre bewährung 2000€ geldstrafe+Gerichtskosten+Anwaltskosten+jede menge probs mit führerschein (auch wenn man nie dicht gefahren ist) und nen eintrag ins führungszeugnis der dich die nächsten 10 jahre begleitet.(alles schon am eigenen leib erfahren)
Ach ja und die Grünen hier sollten sich mal lieber überlegen was sie den in ihren 6 Jahren mitregierung so Drogenpolitsch verändert hat so viel ich weiß war da gar nix.Verfolgung hat in der Zeit eher noch zugenommen anstatt und es wurde im Prinzip gar nix unternommen.Bei den Grünen kommt das Thema Cannabislegalisierung doch nur immer kurz vor der Wahl auf den Tisch und dann wird groß behauptet man würde was unternehmen aber sobald man dann regiert lösen sich die ganzen Versprechen in Luft auf und es heißt dass sowas in der Realität gar nicht möglich währe usw.Ihr habts ja net mal geschafft irgendwelche Grenzwerte in der Führerscheinproblematik einzuführen.Von daher nicht mit Steinen werfen wenn man im Glashaus sitzt.
MFG

Stefan am Freitag, 12. März 2010 um 8:46 #

@Buster

Ich würde dich erstens bitten ein wenig zu differenzieren. Weder der Artikelschreiben, noch irgendein anderes Mitglied der GRÜNEN JUGEND war in der Regierungszeit von rot-grün in verantwortlicher Position um irgendetwas an der Drogenpolitik der damaligen Bundesregierung zu verändern. Wir sind also schlichtweg der falsche Adressat für diese Kritik.

Zweitens möchte ich dich Fragen ob gerade eine Wahl auf Bundesebene bevorsteht? Der Artikel hat den Anlass, dass gerade eine Wahl stattgefunden hat, die nächste Wahl im Bund ist erst in 4 Jahren. Und Landtagswahlen haben bei der Fragestellung recht wenig Einfluss. Das Betäubungsmittelgesetzt ist ein Bundesgesetz. Der Vorwurf das “Wir” da immer nur zu Wahlen thematisieren ist also recht haltlos.

Was ist denn die Alternative? Du Beschwerst dich, gibst aber keinen Ausblick. Deine Kritik, dass nichtmal Cannabis legalisiert wurde in rot-grüner Regierungszeit teile ich voll und ganz. Aber die GRÜNE JUGEND die schon immer für eine emanzipatorische Drogenpolitik stand und stehen wird dafür anzupissen hilft dir und uns nicht weiter. Du musst Druck bei Bündnis90/Die Grünen machen. Du musst dich organisieren, mit anderen die das gleiche Ziel verfolgen zusammenschließen und politischen Druck aufbauen. Deinen Frust über die Partei im Blog der Jugendorganisation rauszulassen hilft da nicht viel weiter…

[...] Geschrieben von (Max) in Grüne Wiese am 26. Februar 2010 Blog der Grünen Jugend [...]

[...] Geschrieben von (Max) in Grüne Wiese am 26. Februar 2010 Blog der Grünen Jugend [...]

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