Ein Streitgespräch zwischen Fritz Marquardt, seit September ASF (Aktion Sühnezeichen Friedensdienste) – Freiwilliger u.a. im Leo Baeck Institut in Jerusalem, und Alexandra Blöcker, 08/09 ASF-Freiwillige u.a. in Yad Vashem, der nationalen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem.
Was bedeutet der 27. Januar für Dich?
Alexandra: Mir bietet er vor allem die Möglichkeit zum Gedenken gemeinsam mit anderen. So klein die Gruppe auch sein mag – an diesem Tag gedenken Menschen auf der ganzen Welt der Shoa. Das bedeutet nicht, dass ich den Tag besonders zelebrieren muss. In diesem Jahr werde ich eine Veranstaltung besuchen. Doch auch, wenn ich nur kurz darüber nachdenke – vielleicht aufgrund eines Artikels in der Zeitung -, dass heute der Jahrestag der Befreiung Auschwitz ist, dann regt dies vielleicht ein Gespräch an. Im Fokus stehen hierbei die Todesopfer und die Überlebenden der Shoa, ihnen allein ist dieser Tag gewidmet.
Fritz: Der 27. Januar hat einen großen symbolischen Wert für Deutschland. Ich gedenke der Opfer des Nationalsozialismus und nehme Auschwitz als Zeichen an, was Menschen Böses zu leisten in der Lage sind. Dieser Tag ist für mich ein Tag des Nachdenkens, des Grübelns. Ich bin, anders als Du der Meinung, dass dieser Tag zelebriert werden muss. Dieser Tag muss Jahr für Jahr die Debatte anregen, was die Menschheit aus der unbeschreiblichen Katastrophe, der Shoah lernen sollte. Die Befreiung Auschwitz ist für mich das stärkste Symbol für die Offenlegung des Bösen, dieser Tag stellt Streichhölzer zwischen müde Augenlider und schreit danach das Böse zu wahrzunehmen, von dem es auch heute noch genug gibt in der Welt.
Wie würdest Du Dir einen 27. Januar vorstellen, der auch in der deutschen Öffentlichkeit Aufmerksamkeit erhält? Wie soll Gedenken aussehen, damit es nicht im Sande verläuft?
Fritz: Angenommen dieser internationale Holocaust-Gedenktag findet endlich Wahrnehmung in der Öffentlichkeit. In Schulen zum Beispiel, wie sollte dann ein beispielhafter Gedenktag in der Schule aussehen?
Es darf nicht darum gehen einen weiteren Schultag lang das bekannte Grauen in möglichst vielen Facetten zu beleuchten, dazu muss im Rahmenplan genug Platz sein. Es wäre eine Idee, dass die Rede des Bundespräsidenten oder der Bundespräsidentin aus dem Plenarsaal des Deutschen Bundestages live in die Schulen übertragen wird und als Input für eine Debatte dient, die sich mit ethisch-moralischen Fragen auseinandersetzt. Natürlich wird es an diesem Tag in erster Linie um den Holocaust gehen, wenn dann aber die Debatte in eine Richtung gelenkt würde, was uns der Holocaust für eine Bürde und Verantwortung für morgen auflegt, dann wäre das Gold wert.
Schon in den letzten Jahren haben die Bundespräsidenten den Holocaust-Gedenktag als Plattform genutzt um neue Gedanken einfließen zu lassen. Es sind keine bloßen Gedenkreden, nein, es sind immer schon Reden gewesen, die Verantwortung für die Zukunft anmahnen.
Gerade die jungen Menschen sind vielleicht wacher bei der Sache, wenn es nicht nur darum geht, was geschehen ist, sondern wenn man von ihnen Aktivität und Kreativität für die Gegenwart und die Zukunft einfordert. Dann schläft auch das Gedenken nicht ein.
Alexandra: Grundsätzlich stimme ich Dir zu – Primo Levis Zitat ist nicht umsonst berühmt geworden: „Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen.“ Das sollten wir mitdenken. Es aber zum zentralen Aspekt unseres Gedenkens an diesem besonderen Tag zu machen… Nein, das sehe ich sehr kritisch. Es gibt etliche internationale Gedenktage, den Tag der Menschenrechte, den Tag des Friedens etc. Es gibt nur einen Tag, an dem Menschen auf der ganzen Welt zum Gedenken an die Shoa aufgefordert werden. Diesen einen Tag sollten wir dementsprechend behandeln.
Bald werden ZeitzeugInnengespräche nicht mehr möglich sein. Aber Yad Vashem und andere Institutionen sammeln ihre Berichte – Schrift, Ton und Video. Diese Zeugnisse sollten den SchülerInnen am Holocaust-Gedenktag vermittelt werden. Im Rahmenplan ist Platz für Fakten, für Daten, für schreckliche Zahlen. Am 27. Januar könnte sich eine Schulklasse mit einer Person befassen, nicht mit „Opfergruppen“. Ein Mensch, vielleicht besuchte er diese Schule, vielleicht wohnte sie in der Nebenstraße. Wenn die SchülerInnen das Schicksal dieser Person an diesem Tag recherchieren, dann kann Gedenken vielleicht ermöglicht werden ohne zu überfordern.
Wie gedenkt ihr selbst?
Alexandra: Früher hatte ich große Ehrfurcht vorm Gedenken. Diese Ehrfurcht führte zu Überforderung, nicht aber zum Gedenken. Ich wusste nicht, was von mir erwartet wird. Meine Schulklasse besuchte das ehemalige KZ Neuengamme und ich empfand Wut und Hass – nicht aber Trauer.
In Israel lernte ich sozusagen ein bisschen damit umzugehen – eben, indem ich Menschen zuhören durfte, die mir berichteten. Das Einzelschicksal wurde für mich greifbarer. Als Mensch auf einen Menschen zu reagieren ist einfacher, als einer Massengedenkstätte oder einem Buch mit siebenstelligen Zahlen meine Trauer auszudrücken. Heute empfinde ich es als Bedürfnis, jeden einzelnen Stolperstein zu beachten, ihn anzublicken, stehen zu bleiben und zumindest zu lesen. Da beginnt für mich schon gedenken. Das „große“ Gedenken überfordert mich immer noch. Dann beginnen plötzlich unübersichtlich viele Einzelschicksale auf mich einzuwirken und ich versuche „der Shoa“ zu gedenken. Letztlich führen meine Gedanken dann doch wieder zu einer Situation, einem unendlich traurigem Gespräch und ich finde mich in Gedenken an einen Menschen wieder.
Fritz: Das ist keine einfache Frage. Den Holocaust-Gedenktag nutze ich dazu jedenfalls erst seit einem Jahr, davor war mir dieser Tag nicht geläufig. Ich lese viel zu diesem Thema, mein Anspruch ist es möglichst viel über das System des menschlich-maschinellen Massenmordes und des Nationalsozialismus zu erfahren. Jede Seite, die ich lese, ist Gedenken, darin ist aber gleichzeitig dieses „Verstehen-Wollen“ einbegriffen.
Bei einem Besuch in Auschwitz habe ich anders als Du keine Wut empfunden. Für Wut hätte ich verstehen müssen. Ich habe nicht verstanden, ich war schockiert. Das ist eine sehr wichtige und verständliche Emotion, aber keine, die der Welt irgendwie weiterhilft.
Wenn ich Stolpersteine sehe, dann halte auch ich meistens an um mir die Inschriften durch zu lesen. Wenn ich am Mahnmal für die ermordeten Juden Europas vorbeikomme, dann streife ich durch das Labyrinth der Stehlen und fasse sie an, gehe kurz in mich. Ich habe da aber nichts institutionalisiert, ich habe keine spezielle Art des Gedenkens. Meine Art des Gedenkens ist die permanente Beschäftigung mit dem Thema.
Mein Zivildienstjahr in Jerusalem wird mich mit Sicherheit noch ein bisschen durcheinander würfeln. Die Eindrücke, die Du schon hattest, kommen bei mir noch.
Was ist die Aufgabe unserer Generation?
Fritz: Unsere Generation ist noch jung, noch gibt es in der Geschichte kein Bild von „uns“. Wir haben eine große Verantwortung für die Zukunft. Der Holocaust darf sich nie mehr wiederholen, wird er auch nicht, nicht genau so. Unsere Generation muss jetzt das Blickfeld erweitern, muss, wo immer es in ihrer Macht steht, wachsam sein und sich anbahnenden Konflikte die Spur verstellen. Unsere Generation muss eine für den Frieden sein und überall auf der Welt müssen die Menschen für sich gegenseitig Verantwortung übernehmen. Völkermorde sind die grausamen Verbrechen von gestern und morgen. Sie gilt es zu verhindern. Der Holocaust-Gedenktag muss genutzt werden um zu sensibilisieren, um das Bewusstsein zu erhalten, dass der Mensch ursprünglich kein Pazifist ist. Dann haben wir eine Chance, dass die Welt eine friedlichere wird. Das ist das Ziel.
Wir müssen mit wachen Augen durch die Welt gehen und ein gutes moralisches Verständnis sich etablieren lassen.
Alexandra: Zusätzlich oder vielleicht ergänzend sollten wir uns aber auch mit der Vergangenheit befassen. Das beginnt bei der Familiengeschichte, geht über die Stolpersteine im Wohnviertel und führt schließlich zur „Holocaust Education“ im klassischen Sinne, d.h. ich informiere mich um anschließend andere zu informieren. Ich glaube, beide Aufgaben können eine gelungene Symbiose bilden. Wir müssen wissen um nicht zu vergessen. Und wir mahnen, damit das, was wir wissen sich nicht wiederholt.
Fritz: Ja, verbinden lässt sich das gut am 13.02.2010: “Nazifrei! Dresden stellt sich quer” siehe http://www.dresden-nazifrei.de
Zum Hintergrund dieses Gesprächs:
Wir beide sind/waren ASF-Freiwillige in „Holocaust-Projekten“ in Jerusalem. Wir beide schimpfen gerne über die fehlende Gedenkkultur in Deutschland. Wie die aber aussehen sollte, darüber haben wir uns in Israel gestritten. Das fiktive Interview soll dieses Gespräch dokumentieren. Wir freuen uns auf Kommentare und alternative „Konzeptideen“!

[...] [http://blog.gruene-jugend.de/archives/2337] [...]
Meine Frage ist, ob ihr überhaupt wisst das auch viele andere Volksgruppen, politische Gegner, Behinderte etc. getötet wurden. Eure Sicht ist viel zu sehr auf jüdische Opfer gelegt. Ich halte das für sehr gefährlich und sehe dies als Ausbeutung des Leids der Juden. Es ist wichtig, dass es Menschen gibt, die an das Verbrechen erinnern. Es darf dabei aber keineswegs das es noch viele andere grausame Verbechen in der Menschheitsgeschichte gab und leider immer noch gibt. In den 90er Jahren in Europa. Davor werden die Augen verschlossen. Ich stelle die Behauptung auf, dass gerade dieser Scheukappenblick auf den Völkermord an den Juden und die stetige Thematisierung eine Lethargie auf eben dies fördert. Vll sollte die Geschichte einfach mal Geschichte sein lassen.
Der zu erwartenden Kritik, stelle ich folgende Frage ggü. Wie sieht das Gedenken an den Dreizigjährigen Krieg aus, welche Lehren ziehst du daraus.
Dokumentation eines Redebeitrages der AAH. GEDENKEN HEIßT KÄMPFEN!
Redebeitrag
Es ist schön, dass sich heute am 27. Januar doch ein paar Menschen zusammengefunden haben, um zusammen den Opfern von deutschen Konzentrationslagern zu gedenken. Wie am neunten November, dem Gedenktag an die Novemberpogrome, geht an solchen Tagen immer die gleiche kleine Menschenmenge auf die Straße. Die Tendenz nimmt stetig ab.
Wir sind heute jedoch nicht allein hier, um im Schatten eines Denkmals für deutsche Soldaten den 14 jüdischen Säuglingen zu gedenken, die dem deutschen Faschismus zum Opfer fielen. Vielmehr wollen wir für ein Gedenken plädieren dem Taten folgen sollen.
Hielten es so manche Intellektuelle, die aus Deutschland flüchten konnten und später aus der Emigration nach Deutschland zurückkehrten, für unmöglich, dass es weiterhin Antisemiten gäbe, mussten sie dies sehr schnell verneinen. Wie der jüdische Intellektuelle Theodor Wiesengrund Adorno sorgen auch wir uns heute um das Fortbestehen von faschistischen Tendenzen in der Demokratie. Dies liegt nicht einzig allein daran, dass ehemalige Täter mehrheitlich in den Dienst von Militär, Justiz und Politik des jungen Deutschlands übernommen wurden oder überzeugte Nationalsozialisten weiter existierten und existieren. Vielmehr muss erkannt werden, dass jene gesellschaftlichen Verhältnisse, welche die massenhafte Vernichtung von Unschuldigen erst ermöglichten, weiter bestehen. Seit dem deutschen Faschismus hat sich in der BRD einiges getan: So brannte im März 1993 das erste mal wieder in Lübeck, Schleswig-Holstein eine Synagoge. So wurde das Recht auf Asyl, eine Lehre aus Nazi-Deutschland, im Mai 1993 vom Parlament mit zweidrittel Mehrheit abgeschafft. So führte Deutschland 2001 unter rot-grün das erste mal wieder Krieg in Afghanistan und tut dies weiterhin. Antisemitische und rassistische Hetze auf der Straße lässt sich weithin als deutsche Realität beschreiben. Weiterhin werden Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung oder ihrem Aussehen Opfer von Gewalt. Dieser Hetze stehen manche Forderungen in den Parlamenten mit nichten nach.
Wer sich dies anschaut, kann sagen, dass Deutschland sich von seiner Praxis wenig von anderen Ländern unterscheidet. Deutschland eine ganz normale Demokratie, eine ganz normale Nation, ein ganz normaler Staat. Deutschland führt Krieg, Deutschland schiebt ab.
Wir sehen den Schwur von Buchenwald (der da heißt): „Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung“ als nicht verwirklicht an. Vielmehr gibt sich die so genannte „geläuterte Nation“ als ein verantwortungsbewusster Akteur der Weltgesellschaft, der sich selbst die Schuld eingesteht und doch im gleichen Moment verlauten lässt, dass der Nationalsozialismus das schlimmste sei, was Deutschland in seiner Geschichte je widerfahren sei. So besagte Gerhard Schröder 2004: der „Sieg der Alliierten war kein Sieg über Deutschland, sondern ein Sieg für Deutschland.“ Durch jene Entkontextulisierung, die den achten Mai 45 für sich als Befreiung anstatt als das was es für die deutsche Bevölkerung war: eine Niederlage, interpretiert, wird ein positiver Bezug auf die deutsche Nation unbeschwerter als je zuvor: Man feiert sich als Weltmeister der Aufarbeitung.
Genau an diesem Punkt der Geschichte ist ein problemloses Gedenken der eigenen Opfer möglich und wird in ganz Deutschland wie auch hier in Burgwedel praktiziert. Dass um persönliche Angehörige getrauert werden soll, soll an diesem Punkt nicht bestritten werden. Vielmehr soll dieses kollektive Betrauern der eigenen Opfer, die nationale Inszenierung der Gedenkfeier hier heute skandalisiert werden, die schon längst zum deutschen Alltag gehört. Eine standfeste Nation, welche in schlechten Zeiten einfach näher zusammenrückt und einen Staat beansprucht, welcher in der Weltpolitik mitmischt, benötigt eine möglichst einheitliche Kultur. Eben jene einheitliche Gedenkkultur wird hier und anderswo gepflegt: Der Nationalsozialismus als Bezugspunkt der Nation. Mittels des Vergleichs und der Aussage, dass auch Deutsche im Krieg ihr Leben ließen und viele unwissentlich den Nazis nachliefen, werden deutsche Nazis zu ebenbürtigen Opfern erklärt. Noch mehr: Sie, die überlebenden Deutschen, hätten nun die erschwerende Schuld zu tragen, was sie zu zeitlosen Opfern macht.
Es muss sich eingestanden werden, dass sich die Forderung aus jenem Schwur von Buchenwald(die da heißt):„Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel“ nicht verwirklicht hat und auch momentan nicht in Aussicht steht. Somit steht einer Wiederholung der Geschichte alles zur Verfügung, was es benötigte: Eine Welt, eingeteilt in Nationen und Staaten, die die Ausbeutung von Menschen und ihre gegenseitige Feindschaft mittels der Konkurrenz schürt, und einem Antisemitismus, der sich tagtäglich beobachten lässt.
Die so genannte „Aufarbeitung der Vergangenheit“ und die „Zerstörung des Nazismus in seinen Wurzeln“, hieße eben diese Verhältnisse abzuschaffen, sie einzureißen.
In diesem Sinne gedenken wir heute den Opfern der deutschen Verbrechen und enden mit den Worten: Nie wieder Deutschland – Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.
http://www.antifa-hannover.de/2010/100127auschwitzgedenktag-grossburgwedel/