Reisebericht Jordanien | Jana und Alexandra Blöcker | Mai 2009

Auf Siedlerstraßen nach Jordanien

Während dieser Tage das Nachbereitungsseminar der diesjährigen Israel-Reise der GRÜNEN
JUGEND stattfindet, blicke ich auf unsere Erlebnisse in Jordanien zurück – ein Land, dass nicht
unbedingt zu den Top 10 der Tourist/innenziele zählt. Aber vielleicht wird auch Jordanien einmal
das Ziel einer GRÜNE JUGEND-Delegation… es lohnt sich! Der Ausgangspunkt der gemeinsamen
Reise von Jana und mir war Jerusalem. Auch diese Stadt barg eine Fülle von Erfahrungen und, wie
es in Middle East wohl immer der Fall ist, viele Fragen:

Auf dem Weg nach Jordanien…

Unsere Reise nach Jordanien begann zunächst mit einer neuen „Israel-Erfahrung“:
Nachdem uns am Egged-Informationsschalter ein Bus nach Beit Shean empfohlen hat, steigen Jana
und ich, gemeinsam mit auffallend vielen Soldat/innen1 ein und studieren unseren Jordanien-
Reiseführer. Nicht ganz überraschend nimmt der Bus den doch weitaus kürzeren Weg durch die
Westbank, anstatt um sie herum zu fahren. Dies erscheint uns sinnvoll und interessant zugleich,
denn sonst fährt die hiesige Touristin eher mit den arabischen Bussen durch die Westbank bzw. nach
Ramallah etc.
Was wir zunächst als interessant einschätzten, entwickelte sich für uns europäisch und junggrünnaiv
geprägten Reisenden zu einem Abenteuer inklusive Kulturschock. Ist doch in unserer
pazifistisch angehauchten Blase schon auffällig, wer bei der Bundeswehr dient(e)…
Nach kurzer Fahrzeit fanden wir uns plötzlich in einer beschaulichen Siedlung wieder, in der die
ersten Fahrgäste in langen Röcken den Bus verließen. Weiter ging’s, selbstverständlich auf
Siedlerstraßen, in die nächste, schon etwas größere jüdische Siedlung in der Westbank. Langsam
fragten wir uns, ob wir in den richtigen Bus gestiegen seien…
Wir fuhren weiter, ab und an eine Haltestelle, in der Ferne arabische Dörfer und Kleinstädte. Nach
fast zwei Stunden saßen wir, in den Ohren Europa via Podcasts, nun inmitten der Soldat/innen.
Auch der/die letzte Siedler/in war nun ausgestiegen. Langsam weckten sich die Uniformierten
gegenseitig; endlich stiegen sie aus und – huch – Jana und ich blieben allein im Bus zurück. Doch
fragten wir uns nun nicht mehr, ob wir im falschen Bus seien, nun waren wir vollends überzeugt
davon. Die Soldat/innen verließen den Bus nämlich im Eingangsbereich einer militärischen Base.
Was wir sahen war mehr, als uns die vielen lobenswerten NGO-Westbanktouren2 bisher geboten
hatten: Herzliche Wiedersehensbegrüßungen neben Kampf- und Abwehrübungen. Nicht weit von
uns, wir fuhren mit dem Bus noch näher, Schießübungen auf alte, schon völlig durchlöcherte Panzer
und anderes Gefährt.
Dürfen wir das überhaupt sehen? Wusste der Mann am Egged-Schalter nicht, welche Route dieser
Bus fährt? Vorsichtig fragten wir den Busfahrer, ob er nach Beit Shean fahre. Er nicht, wir müssten
nämlich gleich umsteigen. So stiegen wir denn also in der nächsten Siedlung um und warteten,
begleitet von einem kleinen Plausch mit „Siedlungskindern“3, auf unseren nächsten Bus, in dem wir
wiederum von Soldat/innen begrüßt wurden.
Die anschließende Fahrt in die nächste militärische Basis nahmen wir nunmehr gelassener hin und
waren am Ende doch froh, die Grenze nach Jordanien (natürlich ohne Unterbrechung, Egged-Busse
werden nicht kontrolliert) erreicht zu haben um uns von Beit Shean auf den weiteren Weg nach
Amman zu begeben.

Die Intention, am Ende des Besuchs von Jana, nach etlichen Reisen in Israel und einigen
Aufenthalten in der Westbank, in Jordanien eine andere Kultur kennen zu lernen, wird sich erfüllen.
Doch zuvor und ganz zufällig war uns noch ein ganz anderer, unkommentierter Blick auf den
Nahostkonflikt vergönnt. Während man in den arabischen Bussen fernab der Straße die jüdischen
Siedlungen sieht, ist es in den israelischen Bussen genau umgekehrt.
Zugleich aber zeigte sich uns auch ein ganz anderes Bild der israelische Gesellschaft: Während den
meisten Tourist/innen nach einigen Tagen die Omnipräsenz der jungen Soldat/innen in den Bussen,
Geschäften, beim Kaffeetrinken oder im Fernsehen gewohnt vorkommt und die Soldat/innen nach
und nach „normale junge Menschen“ werden, die eben eine andere Kleidung und eine Waffe tragen,
wurde uns durch unsere unfreiwilligen Kurzexpeditionen in die militärischen Basen bewusst, dass
ihr Alltag ein doch so anderer ist, als der unsrige. Nicht nur Kaffeetrinken, einkaufen, Busfahren.
Die Brutalität einer Kampfübung hat uns erschreckt und das nicht nur, weil es uns (aus unserem
europäischen Leben) unbekannt ist. Eine Kampfübung ist brutal und verändert einen Menschen.
Insbesondere dann, wenn es bei der „Übung“ nicht bleibt.

Auf dem Weg nach Amman…

Doch endlich, nachdem wir zeitintensiv die Grenze nach Jordanien überquert hatten, fanden wir uns
im Haschemitischen Königreich Jordanien wieder. Die Wikipedia wahrt eine Fülle von
Informationen über dieses Land, an dessen Grenzen sich vom Ausgangspunkt unserer Reise, Israel,
im Uhrzeigersinn weiter Syrien, der Irak, Saudi-Arabien, Ägypten (eine Seegrenze durch das Rote
Meer, Golf von Aqaba) und schließlich die Westbank befinden. Die Amtssprache Jordaniens ist
arabisch, die Währung Jordanischer Dinar lernten wir beim Erstehen des „Visa on Arrival“ kennen.
Weniger „sichtbar“ bzw. hörbar und erkennbar ist aber, dass etwa 70 Prozent der Bevölkerung
Palästinenser bzw. palästinensische Flüchtlinge sind, die vor 61 Jahren, nach der Staatgründung
Israels nach Jordanien kamen.
Und so hat uns neben den wirklich vielen archäologischen Attraktionen, die es in Amman, Petra und
anderswo zu bestaunen gibt, besonders interessiert, wie die Menschen hier leben. Vielleicht auch im
Vergleich zur Westbank, natürlich mit dem Bewusstsein, dass besonders solche Vergleiche hinken,
Mit dieser, für Grüne ja nicht unüblichen, Reiseintention, die Menschen und ihre Kultur kennen zu
lernen, begannen wir voller Elan unsere Reise und fuhren zunächst einmal nach Amman, wo wir
zwei Nächte schlafen würden.
Auf der Fahrt dorthin boten sich uns viele Bilder der Armut, wir fuhren durch kleine Dörfer und
sahen wenig, was uns an Europa erinnerte. Zelte und Höhlen, die als Behausung dienen. Viel
wüstenartige Landschaft. Exemplarisch sei auch erwähnt, dass wir kein einziges Mal während
unserer Reise einen Spielplatz gesehen haben….

Endlich in Amman – wir werden von Kontrasten erwartet

Zu Beginn der Abenddämmerung, nach nunmehr zehnstündiger Fahrt für eine Strecke, die
eigentlich doch in drei Stunden zu bewältigen wäre, erreichten wir Amman, die Hauptstadt
Jordaniens. Sie bot sich uns am kommenden Tag als Stadt der Kontraste: Arm und Reich, Bildung
und Analphabetismus4, Alt und Jung, Modernität und Tradition5, ja auch Mann und Frau – vieles
davon eint Amman und zugleich sind es jeweils Aspekte, die Lebens(lauf)bestimmend sind.
Überwältigend ist auch die Größe Ammans: Mehr als zwei Millionen Menschen leben in Amman
und die Stadt endet offenbar nicht an ihren Grenzen – auch davor reiht sich Haus an Haus und so
wirkt die Stadt riesig.

Amman ist in jedem Falle eine Reise wert, es gibt viel zu entdecken und zu erfahren, was die
Tourist/innenwelt scheinbar bisher noch nicht entdeckt und kommerzialisiert hat. Dieser Eindruck
drängt sich auf, denn Tourist/innen sind in Ammans Stadtbild eine Seltenheit, allenthalben sieht
man eine Traube fotografierender Frauen und Männer, die aber sogleich wieder in ihren
Touristenbus einsteigen. Und fühlten auch wir uns sofort als Seltenheit, was nach und nach zu
einem Stressfaktor wurde… Zwei junge (blonde) Frauen, die ohne Begleitung in den Straßen
spazieren? „Welcome in Jordan“ war das Geringste, was wir zu hören bekamen. Schnell fiel uns
auf, dass in den reichen Vierteln durchaus auch Frauen alleine auf der Straße gingen, in den armen
Vierteln aber sind zu schätzungsweise 80-90 Prozent Männer auf den Straßen; Frauen sahen wir
hier meistens nur in männlicher Gesellschaft oder zumindest zu zweit. Auffällig bleibt, dass in
Jordanien kein Mittelstand im europäischen Sinne zu existieren scheint: Insbesondere in Amman
reihen sich in den reichen und superreichen Vierteln teilweise palastartige Häuser aneinander,
während es in den armen Vierteln nach Abfall stinkt.
Mann und Frau? Mann oder Frau? Diese Frage scheint sich bei den Bussen zu stellen. Wir
entdeckten drei Bus-Arten: Gemischte Busse, Frauenbusse, Männerbusse.
Doch im Eingangsbereich der Amman-Universität, d.h. gegenüber von globalen Imbiss- und Café-
Ketten, wird einem dann die Vielfalt Ammans auf dem Tablett serviert: Frauen in Burka oder mit
Kopftuch oder mit Kopftuch und Ausschnitt oder aber mit offenem Haar und Jeans, alle gemeinsam
und das auch im Gespräch; hier wurden selbst wir letztlich sogar wir für Studentinnen gehalten. In
den ärmeren Gegenden aber dominiert das Kopftuch, kein Global Player ist zu finden, noch nicht
einmal jene Imbisskette, die es überall zu geben scheint. Nichts von jener „Westlichkeit“, mit der
Amman in Reiseführern immer beschrieben wird. Und immer noch keine Spielplätze, vielleicht
hätten wir dafür über die Mauern der reichen Palastbauten schauen müssen.
Wir verlassen Amman mit einem, für selbstironisch selbsterklärte Weltenbürgerinnen
unangenehmes, Gefühl der Erleichterung. Zuvor hatte sich uns ein Zoo-Gefühl aufgedrängt, dem
wir entfliehen wollten. Wir sehen anders aus und denken auch anders. Endlich wieder in eine
Gesellschaft „passen“… Auch, wenn es eine Illusion ist und so einfach schon gar nicht. Eigentlich
verlassen wir Amman mit Fragen, die sich, nach einem Zwischenstopp in Aqaba, auch an der
israelischen Grenze noch nicht beantwortet haben. Fragen, die im Grenzort Eilat6, der
„Partyzentrale“ Israels am Roten Meer, nur noch mehr werden.

Alexandra Blöcker (Freiwillige in Yad Vashem, der Shoa-Gedenkstaette Israels,
Mitglied der Internationalen Vertretung der Grünen Jugend)

1 Besonders vor und nach Shabbat, dem jüdischen Ruhetag, reisen Soldat/innen der IDF, dem israelischen Militär, mit
den Egged-Bussen, dem meistgenutztem öffentlichen Verkehrsmittel in Israel. Sie besuchen über Shabbat ihre Familien.
Da jede/r junge Israeli zur IDF muss und eine Verweigerung schwer ist und gesellschaftlich größtenteils abgelehnt wird,
führt dies oft zu überfüllten Bussen.
2 Beispielsweise: http://www.shovrimshtika.org/index_e.asp | http://www.ir-amim.org.il/eng/
3 Der Junge und das Mädchen, die wir trafen, waren erstaunt und sichtlich beeindruckt, dass wir den langen Weg aus
Deutschland in ihre Siedlung in der Jordan Valley nicht gescheut hatten…
4 Laut Wikipedia.de (Mai 2009) liegt die Analphabetenrate der jordanischen Frauen bei 14 % und die der Männer bei
4 %.
5 Über 90 % der Bevölkerung bekennt sich zum sunnitischen Islam, doch was das in der (religiösen) Praxis bedeutet ist
Fülle von Lebensentwürfen, die gänzlich nicht in einfache Kategorien wie „modern“ oder „traditionell“ zu fassen sind.
6 Aquaba und Eilat liegen sozusagen gegenüber am Roten Meer, von beiden Städten aus kann man die jeweils andere
sehen.

1 Kommentar zu „Auf Siedlerstraßen nach Jordanien“

  • was gibts in israel sehenswertes. werde demnächst dort urlaub machen und brauche ein paar tips von euch