Der Dresden Mythos
Geschrieben von (Max Pichl) in Diskussion am 5. Februar 2009
Vorabbemerkung: Dieser Text hat im Vorfeld einiges an Diskussionen ausgelöst. Der Umgang mit der Geschichte ist in Deutschland immer noch hart umkämpft. Gerade in Dresden manifestiert sich dieser Konflikt. Dieser Text spiegelt vor allem meine ganz persönliche Meinung wider und basiert auf meinen Erfahrungen und Überzeugungen im Hinblick auf die Erinnerungskultur in Deutschland. Meine politische Überzeugung fußt darauf, dass die Opferdebatte in Deutschland ein identitätsstiftendes Moment der bürgerlichen Mitte geworden ist. Und das gerade diese Erinnerungskultur, die in Deutschland wieder ihren Einzug erhält, nationalstaatliche Konstruktionen festigt und einen falschen Umgang mit der Geschichte begeht. Es gibt zu dieser Position durchaus Gegenmeinungen und daher folgender Vorschlag:
1. Ihr diskutiert dieses Thema breit in unserem Blog über die Kommentarfunktion.
2. Ihr schickt mir einen Gegenartikel zu und ich veröffentliche diesen für euch auf unserem Blog!
Ich freue mich auf eine spannende Debatte!
Max
Der Dresden Mythos
Am 14. Februar wird in Dresden eine der größten Nazi Demonstrationen des Jahres stattfinden. Die Nazis wollen der Toten des Bombenangriffs der Allierten im Zweiten Weltkrieg gedenken. Über die deutschen Zustände berichtet Maximilian Pichl
Dresden ist in den letzten Jahren zur Pilgerstätte der deutschen Nazi-Bewegung geworden. Am 13. und 14. Februar wollen auch 2009 wieder Nazis den Toten der Bombenangriffe seitens der Allierten im Zweiten Weltkrieg gedenken. Aber nicht nur die Nazis gedenken der Toten, auch viele Menschen aus der Dresdner Bevölkerung, die z.B. bei dem bürgerlichen Fest gegen den Naziaufmarsch teilnehmen, werden an diesem Tag Gedenkfeiern abhalten.
Würde es sich hierbei lediglich um eine individuelle Trauer für Verstorbene und Angehörige handeln und der historische Kontext der Luftangriffe mitgedacht werden, dann wäre das auch vollkommen in Ordnung. Aber in Deutschland hat sich ein nationaler Opfermythos entwickelt, der bedenkenlos geschichtsrevisionistische und faschistische Argumentationsmuster übernimmt.
Um die singuläre deutsche Schuld zu relativieren werden dabei die Opferzahlen der Bomberangriffe ins Unermessliche erhöht, Bilder von der „unschuldigen Stadt Dresden“ konstruiert und die Gründe für den Angriff werden als nichtig dargestellt. Die deutschen Opfer rücken mehr und mehr ins öffentliche Interesse, ausgelöst durch publizistische Arbeiten wie „Im Krebsgang“ von Günter Grass oder durch „Den Brand“ von Jörg Friedrich. Dabei wird vollkommen ausgeblendet, warum die Allierten die drastische Methode des Luftangriffes wählten.
„Dass die Vergangenheit in Deutschland keineswegs bloß im Kreis der sogenannten Unverbesserlichen noch nicht bewältigt ward, ist unbestritten. Wir alle kennen auch die Bereitschaft, heute das Geschehene zu leugnen oder zu verkleinern- so schwer es fällt zu begreifen, dass Menschen sich nicht des Argumentes schämen, es seien doch höchstens fünf Millionen Juden und nicht sechs vergast worden. Irrational ist weiter die verbreitete Schuld, als ob Dresden Auschwitz abgegolten hätte. In der Aufstellung solcher Kalküle, der Eile durch Gegenvorwürfe von der Selbstbesinnung sich zu dispensieren, liegt vorweg etwas Unmenschliches und Kampfhandlungen im Krieg, deren Modell überdies Coventry und Rotterdam hieß, sind kaum vergleichbar mit der administrativen Ermordung von Millionen unschuldiger Menschen.“ (Theodor Adorno, Was ist Aufarbeitung der Vergangenheit, Frankfurt, 1959)
Die Deutschen waren es, die den „totalen Krieg“ ausgerufen hatten und dem Befehl Hitlers, den Krieg bis „fünf nach zwölf“ weiterzuführen auch folgten. Die Bombardierungen der Allierten waren die vorhersehbare Reaktion auf die Verbrechen der Nazis an der Menschheit. Es war zuerst die deutsche Luftwaffe, die die Wohnviertel von Warschau, Wielun, Rotterdam und Coventry zerstörte.
Die allierte Generalität hatte überdies nur zögerlich die Entscheidung getroffen Flächenbombardements vorzunehmen. In Anbetracht der vom britischen Geheimdienst ermittelten Daten, die Deutsche Heeresführung wolle weitere 49 Divisionen und große Teile der eigenen Luftwaffe an die Ostfront verlegen, um den russischen Einmarsch zu stoppen, wurde neben Berlin, Leipzig und Chemnitz auch Dresden für ein legitimes Kriegsziel erklärt, da die Stadt damals zu einer der wichtigsten Städte in Ostdeutschland zählte und den Schnittpunkt der Deportationen von Juden und anderen Verfolgten in die KZs Groß-Rosen und Auschwitz darstellte. Seitens der russischen Stabsführung waren zudem massive Bedenken aufgekommen, ob man die Festung Deutschland wirklich schnell einnehmen könne. Tausende von russischen Soldaten waren bereits an der Ostfront gestorben und die Deutschen hatten immer noch einen intakten Verteidigungsring.
Der Historiker Richard Overy schreibt in seinem Buch „Die Wurzeln des Sieges“ folgendes über die Entscheidung für die Bombardierungen:
„Die Strategie der Flächenbombardierung hatte sich schon Monate vor Harris´ Übernahme des Bomberkommandos als operative Notwendigkeit durchgesetzt. Die Ungenauigkeit der Angriffe auf einzelne Fabriken oder Eisenbahnknotenpunkte zwang das Bomberkommando dazu, andere Wege zu gehen, um eine allgemeine Unterbrechung der Kriegsanstrengungen und Demoralisierung der Fabrikarbeiter zu erreichen.“ (Seite 150 f.)
Gerade um Dresden hat sich eine Legendenbildung entwickelt, die die Angriffe der Allierten für „sinnlos“ und „barbarisch“ geißelt. Dresden sei keine strategisch wichtige Stadt gewesen und die Bombardierungen daher vollkommen unnötig. Jörg Friedrich findet hierzu klare Worte:
„Die Bombardierung ist eine Kulturschande sondergleichen und ein militärischer Wahnsinn sondergleichen. Dresden als Fanal dieses Krieges ist so unsinnig, so unverständlich“. (Vortrag an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Dresden, 4.Sept. 2003)
Der Mythos der unschuldigen Stadt lässt sich aber im historischen Kontext für nichtig erklären.
Dresden war neben Breslau gegen Ende des Krieges einer der letzten intakten Wirtschafts-, Verwaltungs- und Verkehrsknotenpunkte. Vor allem die hervorragende Anbindung Dresdens an das deutsche Schienennetz machte die Stadt zu einem der zentralsten Punkte für die Deportationen nach Auschwitz und Theresienstadt. Dresden zeichnete sich auch durch eine hohe kriegswirtschaftliche Relevanz heraus. Alexander Fischer schreibt hierzu in „Ideologie und Sachzwang“:
„Der Hauptgeschäftsführer der IHK Dresden, Georg Bellmann, schrieb dann auch 1941 unter dem Titel „Das kriegsschaffende Dresden“, der Krieg habe das „wirtschaftliche Schwergewicht“ der Stadt, „dessen Bedeutung vom Fremdling nur zu oft unterschätzt“ werde, „ganz wesentlich gesteigert“. Weil die Feindgrenze nunmehr in weiter Ferne liege, habe sich für den Dresdner Bezirk eine „neue Raumlage“ ergeben, und bei der „Umstellung auf die Bedürfnisse des Krieges“ sei „Erstaunliches“ geleistet worden. An erster Stelle nannte Bellmann die Feinindustrien (Optik, Feinmechanik, Elektrotechnik) im Dresdner Raum, die in „starkem Umfang in der Bedarfsdeckung für die Rüstung „eingeschaltet“ worden seien. Als weiteren Schwerpunkt nannte er die Eisen- und Stahlindustrie, die sich in Riesa, Gröditz und Freital konzentrierte. Eng damit verknüpft war der Maschinenbau, der vor allem im Stadtgebiet Dresdens vertreten war“
Ein zweites Argument, welches in der Debatte immer wieder vorgebracht wird, ist die Aufzählung der Opfer durch die Bombardierungen. Die Deutsche Presseagentur berichtete in einer Meldung vom 7. Februar 2000 z.B. „die Zahl der Opfer schwanke zwischen 25.000 und 400.000 Toten“. Das Wort „schwanken“ ist an dieser Stelle wohl reichlich unangebracht, angesichts der so weit auseinandergehenden Zahlen. Als die sicherste Quelle wird heutzutage das Dokument „Der höherer SS- und Polizeiführer Dresden. Tagesbefehl NR.47m Luftangriff auf Dresden“ von 1945 angesehen, welches Walter Weidauer bereits 1966 in der DDR veröffentlichte. Hierin ist von 20.204 Toten die Rede, die wohl noch um 5.000 gestiegen scheinen müssen, da viele Menschen an Seuchen starben. In einer erneuten Abschrift des Dokuments ist jedoch von 202.040 die Rede, wer wann die Nullen handschriftlich drangehängt hat ist ungeklärt, sicher ist jedoch nur, dass diese gefälschte Version von dem Revisionisten überhaupt, David Irving benutzt wurde. In unzähligen Prozessen wurde ihm eindeutig die Geschichtsfälschung nachgewiesen, dummerweise hatten sich seine Bücher zu diesem Zeitpunkt schon längst verbreitet und die Wirkung der Bücher hatten sich bereits in den Köpfen der Menschen manifestiert.
Viele Revisionisten gehen heutzutage von 275.000 Todesopfern aus und berufen sich auf Zahlen des Internationalen Roten Kreuzes. Das Rote Kreuz schrieb in dem Bericht „Report of the Joint Relief Commission of the International Red Cross 1941-1946:
“At Dresden, in the Russian Zone, where 275.000 people were reported to have been killed during a bombing attack which lasted threequarters of an hour, there were 200 suicides every day and the inhabitants were using the bark of tress for food.”
Entscheidend ist hier, dass das Rote Kreuz nicht behauptet, dass die Totenzahlen auf eigenen Untersuchen basieren („were reported“). Die Vorgänge um den 13.Februar wurden vom IKRK nie untersucht, sie stellten nie eine Delegation für die Stadt auf, sondern waren nur vom 22. bis 26. Februar in der Stadt um die Kriegsgefangenen zu untersuchen.
Die Totenzahlen werden immer instrumentalisiert, um die Angriffe der Allierten zu diffamieren und die deutsche Schuld zu relativieren. Die Argumentationsmuster folgen dabei der Leitline, dass die Amerikaner und Engländer ja auch Kriegsverbrechen im II. Weltkrieg verübt hätten und daher die singuläre Schuld der Deutschen revidiert werden müsste. Viele Menschen sagen dabei, egal ob aus einer rechten, mittigen oder linken politischen Richtung kommend, dass die Zivilbevölkerung in Deutschland vollkommen unschuldig gewesen sei, vielmehr seien die Deutschen ja die Opfer der Nazis gewesen. Die Nazis seien eine kleine elitäre Gruppe, die durch Machtkalkül und Waffengewalt die Herrschaft an sich gerissen hätten- das einfache deutsche Volk hätte ja keine Möglichkeit gehabt sich dem zu widersetzen. Diese Reduzierung auf die oberste politische Clique der NSDAP greift viel zu kurz und ist historisch falsch! Der Nationalsozialismus basierte ja gerade darauf, dass die gesamte Bevölkerung in den totalen Krieg eingebunden war und sich an der Ermordung politisch Andersdenkender, Homosexueller, Behinderter und Juden beteiligte.
Als GRÜNE JUGEND müssen wir auch darauf hinweisen, dass nicht nur die Nazis die GeschichtsrevisionistInnen sind, sondern auch die bürgerliche Mitte verantwortlich für die Mythologisierung von Dresden ist.
Maximilian Pichl (21) ist Mitglied im Bundesvorstand der GRÜNEN JUGEND und studiert Rechtswissenschaften in Frankfurt am Main. Während seiner Schulzeit hat er eine Facharbeit zum Thema „Geschichtsrevisionismus am Beispiel der Bombardierung Dresdens“ geschrieben.











