Jan
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Denk ich an Stauffenberg in der Nacht…

Geschrieben von (Max Pichl) in Diskussion am 30. Januar 2009

Seit letzter Woche läuft Operation Walküre in den deutschen Kinos und schon lässt sich Maybritt Illner dazu hinreißen eine Sendung unter dem Namen “Stolz und Vorurteil- wie patriotisch dürfen wir Deutschen sein” zu machen. Eingeladen ist auch Christian Berkel, Schauspieler in dem Stauffenberg Film. Immer wieder wird gefragt: “Brauchen wir Helden in Deutschland?” Oder auch: “Was kann Stauffenberg uns heute lehren?”

Ich frage mich immer wieder: wie kaputt ist die deutsche Erinnerungskultur, wenn wir Stauffenberg zum nationalen Helden verklären? Ist ein Mensch sofort ein Volksheld, wenn er Hitler umbringen wollte, ungeachtet seiner politischen Einstellung? Stauffenberg war bis zu seinem Tod ein Nationalist, Militarist, Anti-Demokrat und Antisemit (siehe das Stauffenberg Zitat in dem alternativen Trailer oben!). Die Gruppe um Stauffenberg bestand größtenteils aus Wehrmachtssoldaten, die den Krieg bis dahin mitgetragen hatten und an Kriegsverbrechen und Tötungen beteiligt waren. Hatten sie wirklich eine derartige Läuterung erfahren, dass sie den Krieg und das Unheil schnell beenden wollten? Ich glaube nicht. Vielmehr ging es ihnen doch darum, das letzte bisschen von Deutschland zu retten was eben noch zu retten war. Sie sahen in Hitler einen schlechten Kriegsführer, seine Ideologie teilten sie auch weiterhin. Guido Knopp sagte bei Maybritt Illner, dass der Krieg, die Verbrechen und alles andere sofort beendet gewesen wären, wenn Hitler bei dem Attentat sein Leben verloren hätte. Stauffenberg müsse man daher Courage zusprechen. Wäre wirklich alles vorbei gewesen? Sofort? Sicherlich, nach Hitlers Selbstmord kapitulierte Deutschland ziemlich schnell. Aber das war auch ein Jahr später, als Deutschland praktisch keine Verteidigung mehr hatte. Der Krieg war ein totaler Krieg und Hitler war doch nicht die einzige Machtfigur, es gab noch Goebbels, Göhring, Himmler etc.
Die Nazis werden immer nur auf die Figur Hitler reduziert, aber nicht nur die Elite der Nazi-Kader hat Verbrechen begangen, auch Offiziere der SS und Wehrmacht haben von sich aus gemordet, auch ohne Befehl. Die Nazis waren keine Aliens, die das arme Deutschland besetzt hatten. Im Dritten Reich war leider ein Großteil der Deutschen antisemitisch und national. Und das war auch Stauffenberg, egal ob er Hitler umbringen wollte oder nicht.

Der deutsche Widerstand muss thematisiert werden, das ist klar. Aber warum wird gerade Stauffenberg so stilisiert? Wenn wir an den Widerstand denken wollen, dann lasst uns den Aufständischen im Warschauer Ghetto, der Weißen Rose, den Edelweißpiraten oder der Resistance gedenken!

Die Gruppe never going home, die sich kritisch mit dem Stauffenberg Film auseinandersetzt, hat einen Redebeitrag auf einer Kundgebung in dieser Woche gehalten. Komplett zu finden hier:
Gegen nationale Helden!

Kommentare:

Jonas am Samstag, 31. Januar 2009 um 1:42 #

Danke hierfür!

David am Samstag, 31. Januar 2009 um 2:55 #

Ach Leute,

Helden sind Menschen, die in Ausnahmesituationen die Dinge tun, die notwendig sind und zu der die Mehrzahl der Menschen nicht in der Lage war. So gesehen ist Stauffenberg ein Held.

Er ist sicher kein lupenreiner Super-Hero, der ein linksliberales, demokratisches Deutschland als Ideal vor Augen hatte. Aber es ist eben bis heute völlig unklar, ob Stauffenberg wirklich Antisemit war und ob ihn über den damals üblichen Revisionismus hinaus mehr mit Hitler verband als der ausgeprägte Militarismus. Und betrachtet man Stauffenbergs Tat im Kontext der zeitgenössischen Gestapo-Berichte, die “trotz allem” eine heftige Zustimmung zu Hitler zeigen, so kann man in meinen Augen nur zu dem Schluß kommen:

JEDER Widerstand gegen Faschismus ist gut. Egal, von welcher Seite er kommt.

Jan am Samstag, 31. Januar 2009 um 4:35 #

…manueller Trackback…

@David
Das ist ja eben teil des Punkts. Es ist ziemlich unklar ob Stauffenbergs Taten überhaupt als Widerstand gegen den Faschismus gewertet werden können. Faschismus wird aber leider immer wieder mit Hitler gleichgesetzt. Wer als gegen Hitler ist, ist Antifaschist. So leicht will ich es dann aber auch nicht machen…

David am Samstag, 31. Januar 2009 um 16:20 #

Lieber Max,

eben das stimmt ja nicht! Alle Zeugnisse, welche die Nazis von Stauffenberg übergelassen haben, sprechen eindeutig dafür, dass die Gruppe um ihn wenig anderes im Sinn hatte, als Hitler zu töten und die Nazis aus ihren Ämtern zu entfernen.
Die Frage ist eher, ob sie das taten/tuen wollten, weil sie so entsetzt über die Verbrechen waren (wofür bei einigen mehr, bei anderen weniger spricht) oder ob sie es taten, um noch größeren Schaden von “Deutschland” abzuwenden.

Letztlich sollte man den Widerstand in seiner Gesamtheit würdigen. Stauffenberg toll zu finden ist nämlich genauso merkwürdig, wie den kommunistischen Widerstand hervorzuheben. Beide hatten nämlich nichts mit der Gesellschaft gemein, die wir uns wahrscheinlich Beide wünschen. Und dennoch: ihre Taten sollten uns Respekt abnötigen.

Bezugspunkt für die Deutsche Gesellschaft, da stimme ich dir zu, könnte eher die Weiße Rose sein. Auch wenn das vielen Linken wegen der explizit christlichen Motivation nicht gefallen dürfte.

Max Pichl am Montag, 2. Februar 2009 um 1:05 #

Ich sage doch lediglich, dass ich es mehr als schwierig finde, wenn Stauffenberg immer wieder als einer der Hauptbezugspunkt für den deutschen Widerstand auserkoren wird. Über keine andere Widerstandsgruppe gibt es soviel Filme und so viele Debatten im Feuilleton. Und dabei steht Stauffenberg eben für nationalistische Militärtraditionen. Durch die Rekurrierung auf Stauffenberg wird der Widerstand an sich entpolitisiert und durch hohle Phrasen wie Mut und Ehre ersetzt. Das ist nicht mein Verständnis von Geschichtspolitik.

Max Pichl am Montag, 2. Februar 2009 um 1:06 #

Les dir alleine diese Presseechos durch; ich finde das mehr als kritikwürdig und die GJ kann ein Verband sein, der eine solchen Umgang mit der Vergangenheit in Frage stellt:

„Bryan Singer ist dabei, einen Film zu drehen, der, wenn nicht alle Zeichen trügen, Deutschland mehr verändern wird als irgendein anderer denkbarer Film der letzten Jahrzehnte. Diese Veränderung wird eine Veränderung des Blicks sein, den das Ausland auf uns wirft und der uns verändern wird, ob wir wollen oder nicht.“ (Frank Schirrmacher, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 02.09.2007)

„Niemand hat sich so entschlossen gegen das Unrechtsregime gestellt, niemand hat energischer an seiner Beseitigung gearbeitet als der Generalstabsoffizier mit den humanistischen Ambitionen und den unerbittlichen moralischen Grundsätzen“ (Konstantin Sakkas, Tagesspiegel, 14.11.07)

„Ich trage eine große Verantwortung gegenüber den Deutschen, für die ein Mann wie von Stauffenberg von tiefer Bedeutung ist.“ (Tom Cruise, Bunte, August 2008)

„Ob Tom Cruise umstritten ist oder nicht – man muss sich als Deutscher freuen, dass Stauffenberg durch eine internationale Großproduktion der Weltöffentlichkeit vorgestellt wird.“ (Rolf Hochhuth, Sommer 2007

Josefine am Montag, 2. Februar 2009 um 12:23 #

Vieles der Stauffenberg-Debatte hat doch in erster Linie mit einer uneindeutigen Aufarbeitung des Widerstands in Deutschland zu tun. In den ersten Jahrzehnten nach dem Krieg war im Zusammenhang mit dem militärischen Widerstand noch oft die Frage nach “Verrat” oder nicht Teil der Debatte. Dieser merkwürdige Mythos, der sich um die Attentäter des 20. Juli rankt hat aus meiner Sicht auch einies mit der Geschiche des BRD zu tun und nicht unbedingt nur mit der Frage, ob es sich hierbei um antifaschistischen Widerstand im demokratischen Sinne gehandelt hat oder nicht.
Viele der Debattenbeiträge im deutschen Blätterwald sprechen das ambivalente Verhältnis der BRD dazu auch an.
Leider finde ich auch, dass in den letzten Jahren immer mehr die Suche nach positiven Heldenfiguren im Zentrum der Diskussion um den deutschen Widerstand steht. Es scheint ein neuerliches Bedürfnis aufgekommen zu sein, ein “gutes Deutschland” zu finden. Das finde ich kritisch!
Allerdings dürfen heutige KommentatorInnen auch nicht den Fehler begehen, ihre eigene politische Sozialisation als Maßstab zu nehmen. Eine kritische Reflektion muss auch die historischen Umstände in die Betrachtungen einbeziehen, ohne freilich dadurch wiederum unreflektiert in eine zu positive Betrachtung der Stauffenbergs und Becks zu verfallen.

Helge Limburg am Dienstag, 3. Februar 2009 um 14:15 #

Kompliment an Max und Josefine für ihre Beiträge. Das Kernproblem ist nicht, einen gewissen Respekt für Stauffenberg und seine MitstreiterInnen (es waren ausdrücklich auch Frauen darunter,die werden in der Geschichtsschreibung gerne mal ignoriert) zu bekunden. Das kann ich aus voller Überzeugung tun.
Das Kernproblem ist die kritiklose Heroisierung der Person Stauffenberg, ohne seine eigene Vorgeschichte zu reflektieren und gleichzeitig eine Glorifizierung des militärischen Widerstandes. Damit einher geht der Versuch im heutigen Deutschland, die Gesellschaft insgesamt offener für militärische Rituale und Traditionen zu machen (siehe Verteidigungsminister Jungs Ehrenmahl für gefallenen BW-Soldaten, siehe der immer kritiklosere Einsatz von Soldaten zu Anti-Piraten oder Antiterroreinsätzen).
Der deutsche Widerstand war weitaus größer als der militärische Widerstand. Und die Wehrmacht war zu einem Großteil direkte Täter, und keinesfalls ein Hort des Widerstandes. Diese Dinge sollen mit dem Helden Stauffenberg verwischt und überdeckt werden.

Omar am Freitag, 6. Februar 2009 um 17:12 #

Abgesehen von der Stauffenberg-Debatte: Tom Cruise hat doch wirklich einen an der Waffel. Bei YouTube gibt es da sehr befremdliche Videos. Und natürlich sieht sich der Scientology-Lobbyist gerne in der Rolle des Helden, der sich gegen das Establishment auflehnt.

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