Schulkritik bleibt Gesellschaftskritik
Geschrieben von (Max Pichl) in Diskussion am 4. Januar 2009
Der folgende Beitrag soll der Input für eine weitergehende Diskussion über das Bildungssystem innerhalb der GRÜNEN JUGEND darstellen. Dieser Artikel ist ursprünglich auf dem Blog von Maximilian Pichl, Mitglied im Bundesvorstand der GRÜNEN JUGEND, erschienen.
Über viele Diskussionsbeiträge und spannende Debatten würden wir uns freuen!
Schulkritik bleibt Gesellschaftskritik
Als ich vor sechs Jahren angefangen hatte mich in der LandesschülerInnenvertretung Rheinland-Pfalz zu engagieren, hing in unserer Landesgeschäftsstelle ein großes Plakat auf dem stand:
„Schulkritik ist Gesellschaftskritik.“
Dieser Spruch hat mein gesamtes bildungspolitisches Engagement geprägt, macht er doch deutlich, dass Bildungspolitik nicht isoliert von gesamtgesellschaftlichen Prozessen betrachtet werden kann und ein Kampf für eine gerechtere Bildungspolitik gleichzusetzen ist mit einem Kampf für einen emanzipativen Fortschritt. Eigentlich mag diese Erkenntnis recht plausibel erscheinen, aber gerade die aktuellen Debatten über Bildungspolitik, vor dem Hintergrund des PISA Schocks, machen doch deutlich, dass die meisten Akteure im Bildungssystem diese Schlussfolgerung noch nicht gezogen haben. Reformvorschläge für eine Veränderung des Bildungssystems bewegen sich meistens nur im Rahmen des Bildungssystems und kaum jemand scheint in der Lage zu sein über den Tellerrand hinauszublicken und unser desolates Bildungssystem in einen Kontext mit einem insgesamt desolaten Sozial- und Gesellschaftssystem zu setzen. Die Reformen versuchen weiterhin nur einzelne Aspekte des Bildungssystems zu verändern, sei es die Schulstruktur aufzubrechen, Unterrichtsausfall zu begrenzen oder die LehrerInnenausbildung zu verbessern. Aber Schule geht nicht besser, sie geht nur anders!
Der folgende Text soll versuchen die Paradoxien unseres Bildungssystems aufzudecken und zu zeigen, wie eine emanzipative Politik in der Bildungspolitik ansetzen kann, um gesellschaftliche Verhältnisse ingesamt zum Tanzen zu bringen.
I. Schule und Gesellschaft
„Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Diesen Spruch haben unzählige SchülerInnengenerationen von ihren LehrerInnen zu hören bekommen. Er dient als eine Art Vertröstung und soll zeigen, dass der ganze „langweilige Unterichtsstoff“ schon einen Sinn hat und man es den LehrerInnen später im Leben danken wird. Interessanterweise lautet das Zitat in Wirklichkeit genau umgekehrt. „Non vitae, sed scholae discimus“ schrieb der römische Philosoph Seneca im „106. Brief an Lucilius über Ethik“. Wörtlich übersetzt bedeutet der Spruch also gerade „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“ und Seneca beklagt damit den Umstand, dass die SchülerInnen gerade nicht durch die Schule auf das Leben vorbereitet werden. Die Sinnumdeutung des Spruches vom Pessimismus in den Pragmatismus verschleiert denn auch die wirkliche Funktion des staatlichen Schulsystems.
Staaten, egal ob diktatorisch oder demokratisch strukturiert, waren stets darauf bedacht sich autopoietisch zu reproduzieren, also aus sich selbst heraus. Der Staat kann nicht darauf vertrauen, dass die Menschen automatisch seine Wertvorstellungen und Normen übernehmen, er versucht vielmehr durch eine Fülle von Instrumentarien seine BürgerInnen von Beginn an zu guten StaatsbürgerInnen zu „erziehen“, also ihnen beizubringen was gesellschaftlich konsensual ist und was nicht. Diese Reproduktion verleiht dem Staat innere Stabilität und macht ihn auch nach außen hin gefestigter.
Die Schule oder andere öffentliche Bildungsinstitutionen haben im kapitalistischen System eine ganz besondere Aufgabe. Sie wirken als wichtigste Sozialisationsinstanzen, in der Schule kommen alle Menschen des Staates zusammen und sollen sich gemeinsam auf das Leben nach der Schule vorbereiten. Der Auftrag der Pädagogik bei Rousseau lautet, die jungen Menschen in die gegebenen Verhältnisse des Systems einzuführen, ihnen somit die Möglichkeit zu geben zu „citoyens“ des Staatswesens zu werden. Da die Schule in erster Linie dazu dient den Status Quo aufrechtzuerhalten und SchülerInnen davon zu „überzeugen“, dass unser System das einzig richtige und vernünftige ist, verliert die Erziehung in der Schule das aufklärerische Moment, welches Kant vor fast über 300 Jahren eingefordert hatte: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ (Was ist Aufklärung, 1784).
Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit in der Schule aber nur teilweise. Die SchülerInnen haben praktisch keine Möglichkeit selbstbestimmt ihren Charakter und ihre Individualität auszubilden, stets werden sie als Variablen in einer Gaußschen Normalverteilungskurve angesehen, die dann systematisch aufteilt, wer in der Klasse eine Eins bekommt oder wer eine Sechs erhält und aus dem System exkludiert wird. Mittels des Lehrplans legt der Staat den Inhalt und den Verlauf des Unterrichts für die LehrerInnen verbindlich fest. Die SchülerInnen sind dann dazu verpflichtet den vorgesetzten Stoff in einem genau definierten Zeitrahmen zu erlernen, egal ob sie mit dem Stoff zurecht kommen oder nicht. Scheitern sie an einer Aufgabe, wird ihnen dies als „persönliches Versagen“ angelastet und durch Nachhilfe oder Schummelei während der Kursarbeit wird versucht diese Defizite wieder auszugleichen, egal ob der/die SchülerIn einen persönlichen Nutzen durch die Bewältigung der Aufgabe erfährt. Haben auch solche Mittel nichts genützt, dann kann der/die SchülerIn immer noch aussortiert werden, z.B. indem er/sie im Schulsystem vom Gymnasium bis zur Sonderschule hinunter gereicht wird.
In der Schule geht es nicht ausschließlich um Wissen, dieses könnten sich SchülerInnen auch außerhalb von Schulstrukturen aneignen. Das derzeitige Schulsystem zielt vielmehr darauf ab StaatsbürgerInnenerziehung für alle zu gewährleisten und ist demnach nichts anderes als Ideologiebildung eines gesellschaftlichen Mainstreams. Dies ist in der BRD nicht anders als in der DDR. Freie Meinungsäußerung wird in der Schule deshalb auch konsequent sanktioniert. Das Recht zu Demonstrationen oder sonstigen Treffen zu gehen, wird von vielen LehrerInnen nicht ernst genommen und sie verbieten es ihren SchülerInnen. SchülerInnenvertretungen dürfen sich nur zu bildungspolitischen Themen äußern, ein allgemeinpolitisches Mandat ist ihnen verwehrt- ein weiteres Mittel, um die künstliche Trennung von Schule und Gesellschaft zu gewährleisten. Wer seine Meinung frei äußert muss oft mit Benachteiligungen rechnen. Egal was man von der Demokratie halten mag, kritisierbar ist sie in der Schule nicht. Würde z.B. ein Schüler/eine SchülerIn im Unterricht den Kommunismus oder den Anarchismus gutheißen, würde die Schule versuchen dies zu unterbinden. Dies hat u.a. den Zweck die Meinungsbildung heranwachsender StaatsbürgerInnen zu trainieren, weshalb LehrerInnen oft auch pauschal die Form und nicht den Inhalt kritisieren.
Die Demokratie wird als gesetztes politisches System angesehen und auch Bestrebungen, die Demokratie freiheitlicher und emanzipativer zu gestalten, werden seitens der Schule strukturell verhindert. Geistige Freiräume sind in der Schule nicht erwünscht. Um es mit den Worten der australischen Autorin Dale Spender auszudrücken: „Die Schule kann nicht lehren, was die Gesellschaft nicht weiss“.
Dabei gibt es verschiedene Arten der Gängelung, auf die LehrerInnen und DirektorInnen zurückgreifen können, sei es durch eine schlechte Notengebung, Klassenbucheinträge, Vermerke in Zeugnissen oder sogar den Schulverweis. Die heutzutage nicht mehr anerkannte Prügelstrafe war gerade der Inbegriff staatlicher Sanktionierung in der Schule, denn durch die Verletzung der SchülerInnen vereinnahmte der Staat auch den Körper des Menschen und verstieß damit gegen grundlegende Menschenrechtsprinzipien.
Viele Gängelungsmethoden sind aber auch invisibilisiert. Machtstrukturen sind selten eindeutig transparent gestaltet. Notorische Querdenker können in der Schule isoliert werden, indem im Unterricht die Meinung des Schülers/der Schülerin als utopisch, unrealistisch oder ideologisch gebrandmarkt wird. Gerade SchülerInnen, die sich in der SchülerInnenvertretung kritisch engagiert haben, werden diese Erfahrungen zur Genüge kennen. SchülerInnenvertretung ist für viele LehrerInnen dann auch nichts anderes als „ruhe störend“ für den normalen Schulablauf. Wenn SchülerInnenvertreter im Unterricht fehlen, weil sie z.B. eine Schulversammlung organisieren oder an einer Konferenz teilnehmen müssen, wird ihnen dies negativ ausgelegt. SV’ler sind auf den guten Willen der Schulleitung angewiesen, ist diese dem Engagement der SchülerInnen nicht aufgeschlossen, wird die SV-Arbeit willkürlich behindert oder sogar verboten.
Die SchülerInnen erhalten dadurch auch gleich eine Lektion in staatlicher Autorität. Sie gewöhnen sich an Repression und bekommen vermittelt, dass sie sich Autoritäten unterzuordnen haben.
Kein Wunder, dass viele SchülerInnen ihre Schule mit einem Gefängnis vergleichen. Interessanterweise gleichen sich auch die Architektur von Gefängnissen und Schulen in vielen Fällen. Betonhöfe, Stahltüren, lange Gänge, von denen Räume/Zellen abgehen, ödes finsteres oder graues Aussehen und patrouillierende Aufseher während der großen Pause. Durch die Architektur wird bereits ein beengtes Gefühl der Unfreiheit erzeugt.
Wilhelm Liebknecht fasst diese Funktionsweisen des Schulsystems in einem Aufsatz aus dem Jahr 1872 sehr gut zusammen, der auch heute nichts an seiner Aktualität verloren hat:
“Es hat noch nie eine herrschende Kaste, einen herrschenden Stand, eine herrschende Klasse gegeben, die ihr Wissen und ihre Macht zur Aufklärung, Bildung, Erziehung der Beherrschten benutzt und, nicht im Gegenteil, systematisch ihnen die echte Bildung, die Bildung, welche frei macht abgeschnitten hätte.
[...] Die Schule wie sie ist, und die Schule wie sie sein soll, verhalten sich zueinander genau gleich dem Staat, wie er ist, d.h. der Klassenstaat, macht die Schule zu einem Mittel der Klassenherrschaft. Er kann freie Männer nicht brauchen, nur gehorsame Untertanen; nicht Charaktere nur Bedienten- und Sklavenseelen. Da ein „intelligenter” Bedienter und Sklave brauchbarer ist, als ein unintelligenter sorgt der moderne Staat für eine gewisse Intelligenz, nämlich Bedientenintelligenz.[...] So wird die Schule zur Dressuranstalt statt zur Bildungsanstalt.”
Liebknecht spricht von einer Bedientenintelligenz in seinem Artikel. Wie sich diese Form der Intelligenz auswirken kann, ist im folgenden Abschnitt zu untersuchen.
II. Kontrolle statt Individualität
Jede Generation soll Antworten auf zukünftige Fragen und Probleme liefern. Unsere Generation im 21. Jahrhundert sieht sich mit unzähligen solcher Krisenherden konfrontiert: Internationaler Terrorismus, Wirtschaftskrisen, Krankheitsepidemien, ein stetig voranschreitender Klimawandel, die Hungerkrise, das Armutsproblem der Dritten Welt etc. Diese Liste ließe sich beliebig weiter fortführen. Angesichts dieser Fülle von Problemen liegt es nahe vor der Gesellschaft zu kapitulieren, wie Tocotronic 2007 zynisch postulierten.
Um diese Probleme zu bewältigen und einen gesamtgesellschaftlichen Fortschritt für die Menschheit zu erreichen, benötigen wir das Wissen, wie wir Antworten auf die drängenden Fragen liefern können. Die Schule hält uns diese Bildung eher vor, als dass sie uns zu selbstbestimmten und frei denkenden Individuen verhilft. Margaret Mead nannte die Schule auch eine Institution des „abhängigen Lernens“, in der lediglich Wissen vermittelt wird, dass von den Erwachsenen als gut empfunden wurde. Die Schule wird dadurch zu einem Ort der gesellschaftlichen Verfestigung, anstatt zu einer Denkwelt neuer Ansätze zu werden. Diese Methodik der Wissensvermittlung lässt sich in Deutschland unter dem Stichwort „fragenentwickelnder Unterricht“ oder Erotematik subsumieren. Dieses didaktische Konzept geht zurück auf die Mäeutik des Sokrates, eine Dialogtechnik, die eine Fragekunst beschreibt mit der man Fragen im Unterricht so stellen kann, dass man die gewünschte Antwort erhält. Besonders der deutsche Unterricht macht von dieser Didaktik im Korsett des Frontalunterrichts Gebrauch. Von außen betrachtet erscheint es so, als ob die SchülerInnen eigenständig Lösungen für Probleme finden würden, aber in Wirklichkeit erhält der Lehrer/die Lehrerin durch diese Didaktik die Möglichkeit ein Unterrichtsgespräch manipulativ zu lenken. Der/die LehrerIn weiss schon im Vorfeld, welches Ziel der Unterricht haben soll. Der Unterricht wird deswegen auch intensiv vorbereitet, Tafelmanuskripte werden angefertigt und über den Überlegungen des Lehrers/der Lehrerin schwebt immer ein unsichtbares Damoklesschwert, welches auf die nächste Klassenarbeit hinweist. Der Unterricht wird so gestaltet, dass am Ende das an trainierte Wissen innerhalb von wenigen Stunden auf ein paar Blatt Papier gepresst werden kann. Sinnbildlich für diese Art des Lernens steht der Nürnberger Trichter. Das Wissen wird von den LehrerInnen sprichwörtlich über einen Trichter in die Köpfe der SchülerInnen geschüttet, egal ob das Wissen nützlich ist oder nicht.
Die SchülerInnen sollen gar nicht eigene Wege der Problemlösung finden. Wenn SchülerInnen z.B. bei einer Gedichtsinterpretation einen anderen Sinn in dem Gedicht erkennen als die LehrerInnen wird eben die Note in der Kursarbeit schlechter, auch wenn die Meinung der LehrerInnen ebenfalls keineswegs objektiv ist. Individualität wird im Schulsystem strukturell ad absurdum geführt. Der Lehrer/die Lehrerin sieht sich eigentlich im Klassenraum mit einzigartigen und unterschiedlichen Menschen konfrontiert, behandelt sie aber auch in einem demokratischen System, welches ja die Individualität in den Vordergrund stellt, kollektivistisch. LehrerInnen sehen in den SchülerInnen unfertige Menschen, sie fertig zu machen, sei deshalb der Sinn der Pädagogik. Der/die SchülerIn gilt weniger als Wesen, denn als Unwesen.
Peter Weirs Film „Der Club der toten Dichter“ zeigte im Jahr 1989 auf erschütternde Weise, wie ein komplett durchorganisiertes Schulsystem, welches lediglich einer kruden Verwertungslogik folgt, zu Konformität und Bedienstetenintelligenz führt. Am Ende des Films begeht der Schüler, der seine Individualität entgegen den Vorstellung der Schule und seines Vaters ausleben wollte, Selbstmord und nicht das System wird dafür verantwortlich gemacht, sondern die Freunde des Schülers und sein progressiver Lehrer. In dem Film wird eine Gedichtzeile aus Robert Frosts „The Road not taken“ zitiert:
„Im Wald zwei Wege boten sich mir dar, und ich ging den, der weniger begangen war, und das veränderte mein Leben.“
Leider verbaut die Schule den individuellen Weg mit einer hohen Mauer, die unüberwindlich zu sein scheint.
Die Bildung, die in der Schule versucht wird zu vermitteln, kann man auch im Sinne Adornos als Halbbildung verstehen (Theore der Halbbildung, Frankfurt am Main, 1959). Halbbildung definiert sich über ein verdinglichtes und domestiziertes Wissen, indem Phänomene nur rein analytisch und technokratisch untersucht werden, anstatt deren Lebendigkeit zu erkennen. Der Halbgebildete folgt eingeschlagenen und fest abgesteckten Wegen und in dieser Starrheit ist der Halbgebildete sogar dem Ungebildeten unterlegen. Denn der Ungebildete hat sich zu mindestens den unvoreingenommen Blick bewahrt. Bildung wird auf die bloße Reproduktion von Informationen reduziert, die verwertbar sind und assoziatives Denken wird nicht mehr gefordert.
Am Anfang dieses Textes wurde die These aufgestellt, dass die Schule ein Ort der gesellschaftlichen Reproduktion ist. Indem die Schule jedoch zu einer Institution der Verfestigung geworden ist, ist sie nicht mehr nur allein für die Anpassung der SchülerInnen an das System verantwortlich, sondern sie verleiht dem System an sich die Eigenschaft der Schule. Der Philosoph Ivan Illich hat auch von einer „Verschulung der Gesellschaft“ gesprochen (Entschulung der Gesellschaft, 1972 erschienen im C.H. Beck Verlag). Die Schule bereitet also nur auf ein entfremdetes Leben unter Leistungs- und Konsumdruck vor.
Die Konsequenzen sind fatal. Wenn Menschen nicht dazu befähigt werden assoziativ zu denken, dann können sie nur auf bekannte Probleme reagieren, aber unbekannte Probleme einer Gesellschaft werden unzugänglich für sie. Im stillschweigenden Anerkennen des Status Quo manifestiert sich eine radikale Ablehnung eines sozialen, gesellschaftlichen Fortschritts. Mit leerem Kopf nickt es sich halt leichter. Gesellschaftliche Emanzipation entwickelt sich deshalb zurzeit auch nicht innerhalb des Systems der Schule, sie wird vielmehr sukzessive verhindert.
III. Die Krise in die Schule tragen!
Die Aufgabe einer emanzipativen Bildungspolitik kann es deshalb nicht sein, lediglich kleine Reformen des bestehenden Systems durchzuführen, denn das Bildungssystem leidet an einem Geschwür das so tief sitzt, dass wir diesem Konstrukt eine Generalkur verabreichen müssen. Kritische BildungspolitikerInnen müssen auf die Paradoxien des Bildungssystems hinweisen…
…den Widerspruch zwischen dem Auftrag der Schule die SchülerInnen demokratisch zu erziehen und andererseits sie mit autoritären Gängelungen in einem antidemokratischen System mundtot zu machen.
…den Widerspruch, dass unser Staat den grundgesetzlich verbürgten Anspruch erhebt Bildung für alle zu gewährleisten und auf der anderen Seite im Schulsystem einen dogmatischen Ausleseprozess vollzieht.
…den Widerspruch, dass die Individualität geachtet werden soll und andererseits SchülerInnen sich konform an einen Mainstream anzugleichen haben.
Es muss aufgezeigt werden, wie Schule und Gesellschaft miteinander verzahnt sind, dass es eben nicht nur das Ziel der Schule ist Wissen zu vermitteln, sondern vor allem den SchülerInnen zu zeigen, wie Autoritäten funktionierten. Diese Paradoxien müssen in die Schule hineingetragen werden, durch Theoriebildung in autonomen Arbeitskreisen an den Schulen, durch Publikationen, durch Demonstrationen auf der Straße, durch die Entlarvung der schulischen Methoden im Unterricht selbst. Die SchülerInnenvertretung kann hier nur begrenzt agieren, sie ist selber Teil des Systems Schule und abhängig von diesem. Die SV kann nur insoweit aktiv werden, als dass sie investigativ die Probleme in der Schule aufgreift und diese für die Mehrheit der SchülerInnen kanalisiert, sprich: klar zu zeigen, dass das System Schule nicht an der Selbstentfaltung der SchülerInnen interessiert ist und die SchülerInnen eigenständig aktiv werden müssen, um sich Freiheiten zu erkämpfen.
Das System Schule ist zentral für unsere Gesellschaft. Gesellschaftskritik muss deshalb auch in der Schule ansetzen. Wird die Schule nicht reformiert, dann gibt es auch keine Möglichkeit adäquat auf die drängenden gesellschaftlichen Probleme zu reagieren.
SchülerInnen sollen Denken lernen und nicht bereits Gedachtes.
Autor: Maximilian Pichl war lange Jahre in der LandesschülerInnenvertretung Rheinland-Pfalz aktiv und ist seit November 2008 Beisitzer im Bundesvorstand der GRÜNEN JUGEND.











