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Schulkritik bleibt Gesellschaftskritik

Geschrieben von (Max Pichl) in Diskussion am 4. Januar 2009

Der folgende Beitrag soll der Input für eine weitergehende Diskussion über das Bildungssystem innerhalb der GRÜNEN JUGEND darstellen. Dieser Artikel ist ursprünglich auf dem Blog von Maximilian Pichl, Mitglied im Bundesvorstand der GRÜNEN JUGEND, erschienen.

Über viele Diskussionsbeiträge und spannende Debatten würden wir uns freuen!

Schulkritik bleibt Gesellschaftskritik

Als ich vor sechs Jahren angefangen hatte mich in der LandesschülerInnenvertretung Rheinland-Pfalz zu engagieren, hing in unserer Landesgeschäftsstelle ein großes Plakat auf dem stand:

„Schulkritik ist Gesellschaftskritik.“

Dieser Spruch hat mein gesamtes bildungspolitisches Engagement geprägt, macht er doch deutlich, dass Bildungspolitik nicht isoliert von gesamtgesellschaftlichen Prozessen betrachtet werden kann und ein Kampf für eine gerechtere Bildungspolitik gleichzusetzen ist mit einem Kampf für einen emanzipativen Fortschritt. Eigentlich mag diese Erkenntnis recht plausibel erscheinen, aber gerade die aktuellen Debatten über Bildungspolitik, vor dem Hintergrund des PISA Schocks, machen doch deutlich, dass die meisten Akteure im Bildungssystem diese Schlussfolgerung noch nicht gezogen haben. Reformvorschläge für eine Veränderung des Bildungssystems bewegen sich meistens nur im Rahmen des Bildungssystems und kaum jemand scheint in der Lage zu sein über den Tellerrand hinauszublicken und unser desolates Bildungssystem in einen Kontext mit einem insgesamt desolaten Sozial- und Gesellschaftssystem zu setzen. Die Reformen versuchen weiterhin nur einzelne Aspekte des Bildungssystems zu verändern, sei es die Schulstruktur aufzubrechen, Unterrichtsausfall zu begrenzen oder die LehrerInnenausbildung zu verbessern. Aber Schule geht nicht besser, sie geht nur anders!

Der folgende Text soll versuchen die Paradoxien unseres Bildungssystems aufzudecken und zu zeigen, wie eine emanzipative Politik in der Bildungspolitik ansetzen kann, um gesellschaftliche Verhältnisse ingesamt zum Tanzen zu bringen.

I. Schule und Gesellschaft

„Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ Diesen Spruch haben unzählige SchülerInnengenerationen von ihren LehrerInnen zu hören bekommen. Er dient als eine Art Vertröstung und soll zeigen, dass der ganze „langweilige Unterichtsstoff“ schon einen Sinn hat und man es den LehrerInnen später im Leben danken wird. Interessanterweise lautet das Zitat in Wirklichkeit genau umgekehrt. „Non vitae, sed scholae discimus“ schrieb der römische Philosoph Seneca im „106. Brief an Lucilius über Ethik“. Wörtlich übersetzt bedeutet der Spruch also gerade „Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir“ und Seneca beklagt damit den Umstand, dass die SchülerInnen gerade nicht durch die Schule auf das Leben vorbereitet werden. Die Sinnumdeutung des Spruches vom Pessimismus in den Pragmatismus verschleiert denn auch die wirkliche Funktion des staatlichen Schulsystems.

Staaten, egal ob diktatorisch oder demokratisch strukturiert, waren stets darauf bedacht sich autopoietisch zu reproduzieren, also aus sich selbst heraus. Der Staat kann nicht darauf vertrauen, dass die Menschen automatisch seine Wertvorstellungen und Normen übernehmen, er versucht vielmehr durch eine Fülle von Instrumentarien seine BürgerInnen von Beginn an zu guten StaatsbürgerInnen zu „erziehen“, also ihnen beizubringen was gesellschaftlich konsensual ist und was nicht. Diese Reproduktion verleiht dem Staat innere Stabilität und macht ihn auch nach außen hin gefestigter.

Die Schule oder andere öffentliche Bildungsinstitutionen haben im kapitalistischen System eine ganz besondere Aufgabe. Sie wirken als wichtigste Sozialisationsinstanzen, in der Schule kommen alle Menschen des Staates zusammen und sollen sich gemeinsam auf das Leben nach der Schule vorbereiten. Der Auftrag der Pädagogik bei Rousseau lautet, die jungen Menschen in die gegebenen Verhältnisse des Systems einzuführen, ihnen somit die Möglichkeit zu geben zu „citoyens“ des Staatswesens zu werden. Da die Schule in erster Linie dazu dient den Status Quo aufrechtzuerhalten und SchülerInnen davon zu „überzeugen“, dass unser System das einzig richtige und vernünftige ist, verliert die Erziehung in der Schule das aufklärerische Moment, welches Kant vor fast über 300 Jahren eingefordert hatte: „Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit.“ (Was ist Aufklärung, 1784).

Selbst verschuldet ist diese Unmündigkeit in der Schule aber nur teilweise. Die SchülerInnen haben praktisch keine Möglichkeit selbstbestimmt ihren Charakter und ihre Individualität auszubilden, stets werden sie als Variablen in einer Gaußschen Normalverteilungskurve angesehen, die dann systematisch aufteilt, wer in der Klasse eine Eins bekommt oder wer eine Sechs erhält und aus dem System exkludiert wird. Mittels des Lehrplans legt der Staat den Inhalt und den Verlauf des Unterrichts für die LehrerInnen verbindlich fest. Die SchülerInnen sind dann dazu verpflichtet den vorgesetzten Stoff in einem genau definierten Zeitrahmen zu erlernen, egal ob sie mit dem Stoff zurecht kommen oder nicht. Scheitern sie an einer Aufgabe, wird ihnen dies als „persönliches Versagen“ angelastet und durch Nachhilfe oder Schummelei während der Kursarbeit wird versucht diese Defizite wieder auszugleichen, egal ob der/die SchülerIn einen persönlichen Nutzen durch die Bewältigung der Aufgabe erfährt. Haben auch solche Mittel nichts genützt, dann kann der/die SchülerIn immer noch aussortiert werden, z.B. indem er/sie im Schulsystem vom Gymnasium bis zur Sonderschule hinunter gereicht wird.

In der Schule geht es nicht ausschließlich um Wissen, dieses könnten sich SchülerInnen auch außerhalb von Schulstrukturen aneignen. Das derzeitige Schulsystem zielt vielmehr darauf ab StaatsbürgerInnenerziehung für alle zu gewährleisten und ist demnach nichts anderes als Ideologiebildung eines gesellschaftlichen Mainstreams. Dies ist in der BRD nicht anders als in der DDR. Freie Meinungsäußerung wird in der Schule deshalb auch konsequent sanktioniert. Das Recht zu Demonstrationen oder sonstigen Treffen zu gehen, wird von vielen LehrerInnen nicht ernst genommen und sie verbieten es ihren SchülerInnen. SchülerInnenvertretungen dürfen sich nur zu bildungspolitischen Themen äußern, ein allgemeinpolitisches Mandat ist ihnen verwehrt- ein weiteres Mittel, um die künstliche Trennung von Schule und Gesellschaft zu gewährleisten. Wer seine Meinung frei äußert muss oft mit Benachteiligungen rechnen. Egal was man von der Demokratie halten mag, kritisierbar ist sie in der Schule nicht. Würde z.B. ein Schüler/eine SchülerIn im Unterricht den Kommunismus oder den Anarchismus gutheißen, würde die Schule versuchen dies zu unterbinden. Dies hat u.a. den Zweck die Meinungsbildung heranwachsender StaatsbürgerInnen zu trainieren, weshalb LehrerInnen oft auch pauschal die Form und nicht den Inhalt kritisieren.

Die Demokratie wird als gesetztes politisches System angesehen und auch Bestrebungen, die Demokratie freiheitlicher und emanzipativer zu gestalten, werden seitens der Schule strukturell verhindert. Geistige Freiräume sind in der Schule nicht erwünscht. Um es mit den Worten der australischen Autorin Dale Spender auszudrücken: „Die Schule kann nicht lehren, was die Gesellschaft nicht weiss“.

Dabei gibt es verschiedene Arten der Gängelung, auf die LehrerInnen und DirektorInnen zurückgreifen können, sei es durch eine schlechte Notengebung, Klassenbucheinträge, Vermerke in Zeugnissen oder sogar den Schulverweis. Die heutzutage nicht mehr anerkannte Prügelstrafe war gerade der Inbegriff staatlicher Sanktionierung in der Schule, denn durch die Verletzung der SchülerInnen vereinnahmte der Staat auch den Körper des Menschen und verstieß damit gegen grundlegende Menschenrechtsprinzipien.

Viele Gängelungsmethoden sind aber auch invisibilisiert. Machtstrukturen sind selten eindeutig transparent gestaltet. Notorische Querdenker können in der Schule isoliert werden, indem im Unterricht die Meinung des Schülers/der Schülerin als utopisch, unrealistisch oder ideologisch gebrandmarkt wird. Gerade SchülerInnen, die sich in der SchülerInnenvertretung kritisch engagiert haben, werden diese Erfahrungen zur Genüge kennen. SchülerInnenvertretung ist für viele LehrerInnen dann auch nichts anderes als „ruhe störend“ für den normalen Schulablauf. Wenn SchülerInnenvertreter im Unterricht fehlen, weil sie z.B. eine Schulversammlung organisieren oder an einer Konferenz teilnehmen müssen, wird ihnen dies negativ ausgelegt. SV’ler sind auf den guten Willen der Schulleitung angewiesen, ist diese dem Engagement der SchülerInnen nicht aufgeschlossen, wird die SV-Arbeit willkürlich behindert oder sogar verboten.

Die SchülerInnen erhalten dadurch auch gleich eine Lektion in staatlicher Autorität. Sie gewöhnen sich an Repression und bekommen vermittelt, dass sie sich Autoritäten unterzuordnen haben.

Kein Wunder, dass viele SchülerInnen ihre Schule mit einem Gefängnis vergleichen. Interessanterweise gleichen sich auch die Architektur von Gefängnissen und Schulen in vielen Fällen. Betonhöfe, Stahltüren, lange Gänge, von denen Räume/Zellen abgehen, ödes finsteres oder graues Aussehen und patrouillierende Aufseher während der großen Pause. Durch die Architektur wird bereits ein beengtes Gefühl der Unfreiheit erzeugt.

Wilhelm Liebknecht fasst diese Funktionsweisen des Schulsystems in einem Aufsatz aus dem Jahr 1872 sehr gut zusammen, der auch heute nichts an seiner Aktualität verloren hat:

“Es hat noch nie eine herrschende Kaste, einen herrschenden Stand, eine herrschende Klasse gegeben, die ihr Wissen und ihre Macht zur Aufklärung, Bildung, Erziehung der Beherrschten benutzt und, nicht im Gegenteil, systematisch ihnen die echte Bildung, die Bildung, welche frei macht abgeschnitten hätte.

[...] Die Schule wie sie ist, und die Schule wie sie sein soll, verhalten sich zueinander genau gleich dem Staat, wie er ist, d.h. der Klassenstaat, macht die Schule zu einem Mittel der Klassenherrschaft. Er kann freie Männer nicht brauchen, nur gehorsame Untertanen; nicht Charaktere nur Bedienten- und Sklavenseelen. Da ein „intelligenter” Bedienter und Sklave brauchbarer ist, als ein unintelligenter sorgt der moderne Staat für eine gewisse Intelligenz, nämlich Bedientenintelligenz.[...] So wird die Schule zur Dressuranstalt statt zur Bildungsanstalt.”

Liebknecht spricht von einer Bedientenintelligenz in seinem Artikel. Wie sich diese Form der Intelligenz auswirken kann, ist im folgenden Abschnitt zu untersuchen.

II. Kontrolle statt Individualität

Jede Generation soll Antworten auf zukünftige Fragen und Probleme liefern. Unsere Generation im 21. Jahrhundert sieht sich mit unzähligen solcher Krisenherden konfrontiert: Internationaler Terrorismus, Wirtschaftskrisen, Krankheitsepidemien, ein stetig voranschreitender Klimawandel, die Hungerkrise, das Armutsproblem der Dritten Welt etc. Diese Liste ließe sich beliebig weiter fortführen. Angesichts dieser Fülle von Problemen liegt es nahe vor der Gesellschaft zu kapitulieren, wie Tocotronic 2007 zynisch postulierten.

Um diese Probleme zu bewältigen und einen gesamtgesellschaftlichen Fortschritt für die Menschheit zu erreichen, benötigen wir das Wissen, wie wir Antworten auf die drängenden Fragen liefern können. Die Schule hält uns diese Bildung eher vor, als dass sie uns zu selbstbestimmten und frei denkenden Individuen verhilft. Margaret Mead nannte die Schule auch eine Institution des „abhängigen Lernens“, in der lediglich Wissen vermittelt wird, dass von den Erwachsenen als gut empfunden wurde. Die Schule wird dadurch zu einem Ort der gesellschaftlichen Verfestigung, anstatt zu einer Denkwelt neuer Ansätze zu werden. Diese Methodik der Wissensvermittlung lässt sich in Deutschland unter dem Stichwort „fragenentwickelnder Unterricht“ oder Erotematik subsumieren. Dieses didaktische Konzept geht zurück auf die Mäeutik des Sokrates, eine Dialogtechnik, die eine Fragekunst beschreibt mit der man Fragen im Unterricht so stellen kann, dass man die gewünschte Antwort erhält. Besonders der deutsche Unterricht macht von dieser Didaktik im Korsett des Frontalunterrichts Gebrauch. Von außen betrachtet erscheint es so, als ob die SchülerInnen eigenständig Lösungen für Probleme finden würden, aber in Wirklichkeit erhält der Lehrer/die Lehrerin durch diese Didaktik die Möglichkeit ein Unterrichtsgespräch manipulativ zu lenken. Der/die LehrerIn weiss schon im Vorfeld, welches Ziel der Unterricht haben soll. Der Unterricht wird deswegen auch intensiv vorbereitet, Tafelmanuskripte werden angefertigt und über den Überlegungen des Lehrers/der Lehrerin schwebt immer ein unsichtbares Damoklesschwert, welches auf die nächste Klassenarbeit hinweist. Der Unterricht wird so gestaltet, dass am Ende das an trainierte Wissen innerhalb von wenigen Stunden auf ein paar Blatt Papier gepresst werden kann. Sinnbildlich für diese Art des Lernens steht der Nürnberger Trichter. Das Wissen wird von den LehrerInnen sprichwörtlich über einen Trichter in die Köpfe der SchülerInnen geschüttet, egal ob das Wissen nützlich ist oder nicht.

Die SchülerInnen sollen gar nicht eigene Wege der Problemlösung finden. Wenn SchülerInnen z.B. bei einer Gedichtsinterpretation einen anderen Sinn in dem Gedicht erkennen als die LehrerInnen wird eben die Note in der Kursarbeit schlechter, auch wenn die Meinung der LehrerInnen ebenfalls keineswegs objektiv ist. Individualität wird im Schulsystem strukturell ad absurdum geführt. Der Lehrer/die Lehrerin sieht sich eigentlich im Klassenraum mit einzigartigen und unterschiedlichen Menschen konfrontiert, behandelt sie aber auch in einem demokratischen System, welches ja die Individualität in den Vordergrund stellt, kollektivistisch. LehrerInnen sehen in den SchülerInnen unfertige Menschen, sie fertig zu machen, sei deshalb der Sinn der Pädagogik. Der/die SchülerIn gilt weniger als Wesen, denn als Unwesen.

Peter Weirs Film „Der Club der toten Dichter“ zeigte im Jahr 1989 auf erschütternde Weise, wie ein komplett durchorganisiertes Schulsystem, welches lediglich einer kruden Verwertungslogik folgt, zu Konformität und Bedienstetenintelligenz führt. Am Ende des Films begeht der Schüler, der seine Individualität entgegen den Vorstellung der Schule und seines Vaters ausleben wollte, Selbstmord und nicht das System wird dafür verantwortlich gemacht, sondern die Freunde des Schülers und sein progressiver Lehrer. In dem Film wird eine Gedichtzeile aus Robert Frosts „The Road not taken“ zitiert:

„Im Wald zwei Wege boten sich mir dar, und ich ging den, der weniger begangen war, und das veränderte mein Leben.“

Leider verbaut die Schule den individuellen Weg mit einer hohen Mauer, die unüberwindlich zu sein scheint.

Die Bildung, die in der Schule versucht wird zu vermitteln, kann man auch im Sinne Adornos als Halbbildung verstehen (Theore der Halbbildung, Frankfurt am Main, 1959). Halbbildung definiert sich über ein verdinglichtes und domestiziertes Wissen, indem Phänomene nur rein analytisch und technokratisch untersucht werden, anstatt deren Lebendigkeit zu erkennen. Der Halbgebildete folgt eingeschlagenen und fest abgesteckten Wegen und in dieser Starrheit ist der Halbgebildete sogar dem Ungebildeten unterlegen. Denn der Ungebildete hat sich zu mindestens den unvoreingenommen Blick bewahrt. Bildung wird auf die bloße Reproduktion von Informationen reduziert, die verwertbar sind und assoziatives Denken wird nicht mehr gefordert.

Am Anfang dieses Textes wurde die These aufgestellt, dass die Schule ein Ort der gesellschaftlichen Reproduktion ist. Indem die Schule jedoch zu einer Institution der Verfestigung geworden ist, ist sie nicht mehr nur allein für die Anpassung der SchülerInnen an das System verantwortlich, sondern sie verleiht dem System an sich die Eigenschaft der Schule. Der Philosoph Ivan Illich hat auch von einer „Verschulung der Gesellschaft“ gesprochen (Entschulung der Gesellschaft, 1972 erschienen im C.H. Beck Verlag). Die Schule bereitet also nur auf ein entfremdetes Leben unter Leistungs- und Konsumdruck vor.

Die Konsequenzen sind fatal. Wenn Menschen nicht dazu befähigt werden assoziativ zu denken, dann können sie nur auf bekannte Probleme reagieren, aber unbekannte Probleme einer Gesellschaft werden unzugänglich für sie. Im stillschweigenden Anerkennen des Status Quo manifestiert sich eine radikale Ablehnung eines sozialen, gesellschaftlichen Fortschritts. Mit leerem Kopf nickt es sich halt leichter. Gesellschaftliche Emanzipation entwickelt sich deshalb zurzeit auch nicht innerhalb des Systems der Schule, sie wird vielmehr sukzessive verhindert.

III. Die Krise in die Schule tragen!

Die Aufgabe einer emanzipativen Bildungspolitik kann es deshalb nicht sein, lediglich kleine Reformen des bestehenden Systems durchzuführen, denn das Bildungssystem leidet an einem Geschwür das so tief sitzt, dass wir diesem Konstrukt eine Generalkur verabreichen müssen. Kritische BildungspolitikerInnen müssen auf die Paradoxien des Bildungssystems hinweisen…

…den Widerspruch zwischen dem Auftrag der Schule die SchülerInnen demokratisch zu erziehen und andererseits sie mit autoritären Gängelungen in einem antidemokratischen System mundtot zu machen.

…den Widerspruch, dass unser Staat den grundgesetzlich verbürgten Anspruch erhebt Bildung für alle zu gewährleisten und auf der anderen Seite im Schulsystem einen dogmatischen Ausleseprozess vollzieht.

…den Widerspruch, dass die Individualität geachtet werden soll und andererseits SchülerInnen sich konform an einen Mainstream anzugleichen haben.

Es muss aufgezeigt werden, wie Schule und Gesellschaft miteinander verzahnt sind, dass es eben nicht nur das Ziel der Schule ist Wissen zu vermitteln, sondern vor allem den SchülerInnen zu zeigen, wie Autoritäten funktionierten. Diese Paradoxien müssen in die Schule hineingetragen werden, durch Theoriebildung in autonomen Arbeitskreisen an den Schulen, durch Publikationen, durch Demonstrationen auf der Straße, durch die Entlarvung der schulischen Methoden im Unterricht selbst. Die SchülerInnenvertretung kann hier nur begrenzt agieren, sie ist selber Teil des Systems Schule und abhängig von diesem. Die SV kann nur insoweit aktiv werden, als dass sie investigativ die Probleme in der Schule aufgreift und diese für die Mehrheit der SchülerInnen kanalisiert, sprich: klar zu zeigen, dass das System Schule nicht an der Selbstentfaltung der SchülerInnen interessiert ist und die SchülerInnen eigenständig aktiv werden müssen, um sich Freiheiten zu erkämpfen.

Das System Schule ist zentral für unsere Gesellschaft. Gesellschaftskritik muss deshalb auch in der Schule ansetzen. Wird die Schule nicht reformiert, dann gibt es auch keine Möglichkeit adäquat auf die drängenden gesellschaftlichen Probleme zu reagieren.

SchülerInnen sollen Denken lernen und nicht bereits Gedachtes.

Autor: Maximilian Pichl war lange Jahre in der LandesschülerInnenvertretung Rheinland-Pfalz aktiv und ist seit November 2008 Beisitzer im Bundesvorstand der GRÜNEN JUGEND.

Kommentare:

DINENISO am Sonntag, 4. Januar 2009 um 20:46 #

Das klingt natürlich teilweise recht polemisch, ich würde mich jedoch einigen Kritikpunkten durchaus anschließen.

Beispeilswese, dass es in der Schule noch nicht um Ausbildung, sondern Bildung gehen sollte, dieser Unterschied wird vielfach unterschlagen, ich denke, dass hier ein Grund für das schlechte Abschneiden bei diversen Tests liegt, der sich ohne große Reformen beheben ließe.

Ich bin jedoch nicht für eine Radikalreform, das ließe sich nicht durchsetzen, auch wenn ich ebenfalls gegen das dreigliedrige Schulsystem tendiere halte ich es jedoch für schlauer, das System der “Selbstständigen Schule” weiter auszubauen und die Schulen über ihre Struktur selbst entscheiden zu lassen, die Eltern und Schüler werden dann die Entscheidung selber treffen können, ohne von Bildungspolitikern bevormundet zu werden.

Wenn ich mir allerdings das Umfeld der jüngsten “Schülerdemos” anschaue, zweifle ich daran, dass die Idee, die Schüler zu mehr Protest aufzurufen, eine adäquate Methode darstellt, diese Probleme zu lösen, es gibt andere Kanäle, durch die dies wesentlich effektiver und mit weniger Kollateralschäden geschehen kann. In diesem Sinne halte ich das Internet und das so genannte “Web 2.0″ für eine angemessene Möglichkeit, die nötigen Probleme aufzuzeigen, wenn ich mir die Entwicklung von Webseiten über Abgeordnetenmails, Abgeordnetenwatch bis hin zu aktuell Twitter anschaue, kann ich nur staunen, wie nah uns doch inzwischen einige Politiker sind – und es werden mehr, das ist eine Chance für alle.

µny-Stone am Montag, 5. Januar 2009 um 4:57 #

Ach Max- du hast meine 100%ige Zustimmung…
es hat mir gefehlt hochwertige Bildungs/Gesellschaftskritik zu lesen…gibts hier in Amiland nicht so…

Du hast natuerlich recht mit dem was du schreibst…
Ich frage mich wann Deutschland bereit ist sein Schulsystem grundlegend zu aendern…naja…die Menschen muessen es sich wohl anscheinend verdienen…beziehungsweise es muss von “unten”kommen- mit einer breiten, sehr breiten Unterstuetzung…

Ich plane eine grosse Umfrage zu machen an verschiedenen Highschools in den USA- und verschiedenen Schulen in Deutschland….schreib vielleicht meine Facharbeit drueber-
es ist interessant, die USA haben auch nicht so den Plan von guter schule….

Ich frage mich ob es immer so bleiben wird?
Dass es immer diejenigen geben wird, die verzweifelt mit ansehen muessen wie die gehirngewaschene, voellig verbloedete Mehrheit als Massenstroemung in die hirnlose Konsum-Ignoranz gesellschaft strebt…

und wir zurueck bleiben und uns fragen-…..wie man nur so abartig bloed sein kann.

Pichl, Gustav am Montag, 5. Januar 2009 um 11:58 #

Hallo Max,

habe schon öfters einige Zeilen von Dir gelesen.
Finde Deinen aktuellen Artikel “Schulkritik bleibt Gesellschaftskritik” sehr gut gelungen.
Hast in vielen Punkten recht mit dem was Du schreibst, man sollte jedoch den Mut aufbringen das Schulsystem grundsätzlich zu ändern, das würde auch bedeuten, dass man sich auch Gedanken machen muss über die Anzahl (16) der Kultusministerien in der BRD.
Wir haben hochmotivierte Lehrkräfte die unbedingt das Wissen weitergeben möchten, aber durch die Vorgaben einiger Ministerien geblogt werden.

Gruß, Gustav

Max am Montag, 5. Januar 2009 um 19:21 #

Erstmal danke für die netten Kommentare.

@Gustav: der Artikel soll auch keine Fundamentalkritik an den LehrerInnen sein, sondern an dem schulischen System. Ich habe unglaublich viele engagierte und progressive LehrerInnen kennen gelernt, die aber leider unter den Systemzwängen gefangen waren.
Und der Föderalismus ist echt ein Klotz am Bein. Ich wäre sogar für eine bundesweite Gesetzgebung bei der Bildung.

@uny-stone:Wenn du deine Facharbeit fertig hast, kannst du mir die irgendwie zukommen lassen? Wäre echt interessant!

@Dineniso: es ist keine Polemik, es ist Provokation. Du schreibst ja, dass du keine Radikalreform willst, aber ich habe ja gerade in meinem Artikel versucht aufzuzeigen, dass kleine “Reförmchen” nichts bringen werden, da sie das grundsätzliche Problem in der Schule nicht beseitigen: den autoritären Aufbau, die Ideologiebildung, die Bedienstetenintelligenz, die gesellschaftliche Reproduktion.
Die jüngsten Schülerdemos, z.B. in Berlin an der HU, fand ich auch nicht gut, das pol. Ziel war unklar und sie glichen eher einem Mob, als einer Bewegung, die klar weiss um welche gesellschaftliche Emanzipation man kämpfen möchte.
Ich denke du überschätzt das Web 2.0, dies wird
1. bisher nur von einer relativ “kleinen” Gruppe an Menschen genutzt
2. Skandalisierungsprozesse müssen auch im wahren Leben ablaufen. Der AK Vorrat hat im Internet mobilisiert, aber seine großen Demos auf der Straße ausgetragen. Abgeordnetenmails bringen mal gar nichts, diese werden meistens von den Mitarbeiten der MdBs und MdLs beantwortet und viele werden auch ignoriert.

Grüße

Max

Henning Brinkhaus am Dienstag, 6. Januar 2009 um 16:11 #

Definitiv ein schön geschriebener Beitrag, aber wenn ich mir angucke, was dein Beitrag eigentlich aussagt, nämlich dass die Schule das selbstständige Denken und die Individualität unterdrückt, so muss ich dir widersprechen.
Viele der aufgeführten Punkte entsprechen meiner Ansicht nach einfach nicht der Realität!
Du schreibst, dass eine Schülervertretung, wenn sie denn etwas im Sinne der Schüler durchsetzen will, oft unterdrückt/verboten wird. Woher nimmst du das? Wo wird die SV-Arbeit behindert bzw. von Lehrern als schlecht angesehen? Ich kann das natürlich nur aus meiner Sicht sagen, aber an meiner Schule läuft derartiges einwandfrei und wird nicht als “Störung des Systems”, sondern als soziales Engagement angesehen.
Zum folgenden folgenden Vergleich einer Schule mit einem Gefängnis kann ich nur sagen, dass ich diesen Vergleich wirklich als realitätsfern und von sehr weit hergeholt betrachte.
Lehrer sollten sich definitiv, wenn ein Schüler anderer Meinung ist auf eine Diskussion einlassen, statt dies schlecht zu benoten, genauso, wie Lehrer sich z.B. auf eine andere Interpretation eines Gedichtes einlassen sollten. Wenn es nicht so ist, dann sollte der Schüler sich an die nächsthöhere Instanz, z.B. die Schulleitung, wenden, aber der Fehler liegt hierbei sicherlich nicht im Schulsystem!
Du schreibst, dass der Spruch „Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir.“ eigentlich älter ist und nur andersherum richtig ist. Da kann ich dir auch nur widersprechen. Es mag ja sein, dass den Schülern vieles beigebracht wird, was sie später nie wieder brauchen werden, doch ist es deiner Meinung nach nicht richtig, den Schülern ein möglichst breites Feld zu eröffnen, damit sie später z.B. überhaupt beurteilen können, welcher Beruf für sie geeignet ist, woran sie Spaß haben?
Nun mag dieser nette Satz im Ursprung anders gemeint gewesen sein, das ändert jedoch nichts an der Richtigkeit der Aussage! Die Schüler lernen dafür, dass sie später eine Beruf erlernen können, der ihnen Spaß macht, die Schüler lernen dafür, dass sie sich hinterher in ihrem Beruf wohlfühlen!

Max Pichl am Dienstag, 6. Januar 2009 um 16:29 #

Hallo Henning,

du sagst ja selbst, dass du die Situation an deiner Schule für gut befindest. Ich war über sechs Jahre in der LandesschülerInnenvertretung Rheinland-Pfalz und auch in der Bundes- und Europa SV aktiv und habe da von vielen SVen gehört- und ich kann dir sagen, dass ich meistens nur von Repressionen gehört habe.

Was macht denn deine SV an deiner Schule? An meiner Schule gab es mal ein SV-Team, die angetreten sind, um AGen für politische Diskurse anzubieten, sie entwickelten Konzepte für ein demokratisches Schulkonzept und wollten bei uns zuhause in Bad Kreuznach alle SVen aller Schulen zusammen bringen, um eine Großdemonstration zu veranstalten, die für die Abschaffung der Noten auf die Straße gehen sollte. Die Schulleitung hat durch formale Mängel, die irgendwie hergezaubert wurden, die Wahl als ungültig erklärt.

An die nächsthöhere Instanz können sich SchülerInnen meistens nicht wenden. Ersten wissen die meisten nichts von ihren Rechten, weil sie diese nicht in der Schule vermittelt bekommen und 2. stellen sich gerade Behörden wie die ADD oft auf die Seite der LehrerInnen. Die Schulleitung hingegen wird sich hüten gegen die LehrerInnenschaft zu agieren.

Viele SchülerInnen, die sich in LSVen engagieren und die Schulsysteme von demokratischen Schulen kennen gelernt habe, haben auch gemerkt, dass bei uns der Fehler im System begründet liegt.

“Die Schüler lernen dafür, dass sie später eine Beruf erlernen können, der ihnen Spaß macht, die Schüler lernen dafür, dass sie sich hinterher in ihrem Beruf wohlfühlen!”

Wo das denn bitte schön? In der Schule und in der Hochschule herrscht doch schon eine immense Verwertungslogik. Es wird doch nicht nach den Interessen der SchülerInnen gelernt, sondern nur dafür, dass sie wirtschaftlich verwertbare Jobs später bekommen sollen. Die wenigsten SchülerInnen haben auf das was sie lernen wirklich Lust, viele interessieren sich nicht dafür. Es gibt auch Schulsysteme die den SchülerInnen vollkommen frei stellen was sie lernen können und sie haben am Ende trotzdem eine gute Allgemeinbildung, sogar in den meisten Fällen eine bessere Bildung, als die SchülerInnen der Regelschulen.

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