Jetzt ist das “Schwarzbuch Ausbildung” in meinem Briefkasten angekommen. Die DGB-Jugend hat dort 77 Berichte von Azubis über Missstände in ihrem Betrieb gesammelt. Auf Seite 14 zum Beispiel schreibt Marco, Gas- und Wasserinstallateur im dritten Lehrjahr, dass er völlig ausbildungsfremd im Betrieb eingesetzt wird: “Ich muss seit über einem Monat unsere neue Werkstatthalle alleine streichen! Dann meinte mein Chef noch zu mir, ich sollte diese Arbeiten nicht in meinen Wochenberichten erwähnen! Ich sollte schreiben, ich hätte Heizungen eingebaut und so weiter!” Oder Clarissa, 15, Zahnarzthelferin im ersten Lehrjahr auf Seite 39: “In der Praxis wurde ein Gerät geklaut, das so an die 200 Euro wert ist. Das selbe Gerät wurde schon einmal gestohlen, bevor ich meine Ausbildung begonnen habe. Nun hat mein Chef gemeint, wir, also die Auszubildenden, sollen/müssen die Kosten dafür tragen. Ich sehe das aber nicht ein, 50 Euro zu zahlen, obwohl ich ja dieses Gerät nicht geklaut habe.” Oder auf Seite 50 Jaqueline, 19, im ersten Lehrjahr zur Hotelfachfrau: “In meiner Lohnabrechnung wurden mir 55 Euro wegen einem Tag Krankheit abgezogen! Moderne Sklaverei??? Sollte eine Woche nicht 40 Stunden haben? Meine hat ca. 70 Stunden und wir bekommen einen Tag die Woche frei, wenn überhaupt!!!” Oder Jana auf Seite 64: “Meine Schwester Sara (18) arbeitet in einem KFZ-Betrieb und es gibt dort einen Mitarbeiter, der sie ständig versucht zu erpressen oder mit sexuellen Handlungen (an den Hintern fassen, etc) aus dem Konzept zu bringen.” Das ganze Schwarzbuch mit 77 Fällen auf 74 Seiten kann man für 4 Euro bestellen.
Die Fälle stammen von der Seite www.dr-azubi.de (angelehnt an “Dr. Sommer” der Bravo), die die DGB-Jugend betreibt. Dort können sich Azubis melden, wenn in ihrem Betrieb etwas falsch läuft und sie ihre Rechte vorenthalten bekommen. Auf jede Anfrage im Forum gibt es eine schnelle und individuelle Antwort. Es sind sehr krasse Fälle dabei, aber auch viele Fälle von alltäglicher Ausbeutung der Azubis. Schockierender fand ich aber, mit welcher Zurückhaltung die meisten Leute dort ihre Fälle schildern und wie viel sie sich erstmal gefallen lassen, bevor sie in solch ein Forum gehen. Tja, wir sind eben in wirtschaftlich Zeiten hereingewachsen, die Hoffnung auf den sicheren Job fürs Leben wurde uns aberzogen. Es gibt keinen geraden Berufsweg mehr – wir Jüngeren bleiben die ewigen Bewerber: um ein Praktikum, um eine Ausbildungsstelle, um einen Studienplatz, um eine Arbeitsstelle, um eine etwas besser bezahlte Arbeitsstelle und so weiter. Wir sind so froh, überhaupt etwas zu bekommen, dass wir auf die Konditionen erstmal nicht schauen und eine Menge mit uns machen lassen. Auch der Staat macht dabei mit: Mein Praktikum in einem Bundesministerium in den letzten Semesterferien war unbezahlt. An Kosten hatte ich: Übergangs-Zimmer in Berlin (mein WG-Zimmer in Köln stand in der Zeit leer), Fahrt nach Berlin und zurück, U-Bahn-Karten. Unter dem Strich hat es mich etwa 600 Euro gekostet, dieses Praktikum machen zu können. Und das alles für ein paar Erfahrungen und ein Blatt Papier, das Praktikumszeugnis, das übrigens immer noch nicht bei mir angekommen ist. In den nächsten Semesterferien bin ich dann wieder in Berlin, wieder unbezahlt. Die Zeit nannte uns in einer Titelgeschichte im Frühjahr schon: “Generation Praktikum”.
BewerberInnen